Mord nach 80 Jahren noch nicht vergessen. Am 30. Oktober 1936 wurde „Postfräulein“ Anna Freitag von „Hilfsgendarm“ Alois Eder in Bad Großpertholz ermordet. Zeitzeugen und Verwandte erinnern sich.

Von Karin Pollak und Franz Dangl. Erstellt am 27. Oktober 2016 (06:40)
NOEN, privat
Anna Freitag (rechts) mit ihren Schwestern Hedwig und Maria.

Am 30. Oktober jährt sich der brutale Mord an dem „Postfräulein“ Anna Freitag zum 80. Mal. Der Fall ist auch nach 80 Jahren nicht vergessen.

Zur Geschichte: Die damals 26-Jährige aus Heidenreichstein war am Postamt in Pertholz angestellt. Ihr Mörder Alois Eder aus Salzburg, der ihr mit einem Fleischermesser die Kehle durchgeschnitten hat, war bereits drei Tage nach der Tat ausgeforscht. Eder war als Probegendarm in Pertholz, er wollte Freitag den Schlüssel zum Postamt entwenden, um an die Gehälter der Waldgut-Pfleiderer-Mitarbeiter zu kommen. Eder wurde nach dem Prozess im April 1937 am 5. Juni 1937 im Hof des Kreisgerichtes Krems gehängt.

Kurt Karlstötter, dessen Großvater Eduard Kuttner 1919 bis 1938 und 1945 bis 1947 Bürgermeister von Großpertholz war, veröffentlichte im April 2005 in „Das Waldviertel“ einen ausführlichen Bericht über den Mord und dessen Hintergründe.

Isidor Herzig aus Oberlainsitz kannte Freitag und Eder persönlich. Der 96-Jährige erinnert sich: „Anna war eine hübsche und nette Person, ich war oft bei ihr im Postamt.“ Von ihrer Ermordung hat er am Morgen darauf erfahren, auch davon, dass ein Handwerksbursche, der in Scheiben bei Bauern um Essen gebettelt hat, als Täter verhaftet worden war.

„Zu dem Zeitpunkt wurde aber schon gemunkelt, dass der Hilfsgendarm der Mörder war. Der war ein Wichtigtuer, ein ganz Gescheiter“, weiß Herzig. Am Allerheiligentag hätten viele Leute im Gemeindesaal Abschied von Freitag genommen. Er selbst war dann beim „Lokalaugenschein“ dabei: „Die Gendarmerie hat das Gebiet abgesperrt. Aber wir haben ja gewusst, wie wir über Feldwege hinkommen. Das war ein großer Menschenauflauf.“ Einige Pertholzer seien auch bei der Vollstreckung des Todesurteiles in Krems dabeigewesen. „Danach hat es geheißen, dass er laut geschrien und sehr geweint hat“, erzählt Herzig.

Auch Herbert Koppensteiner (88) erinnert sich gut an Freitag. „Sie war einsam. Meine Eltern haben sie öfter zu uns eingeladen“, so der Pertholzer. In seinem Elternhaus wurde auch einmal mit ihr das Weihnachtsfest gefeiert. Sein Vater Josef, bekannter Heimatforscher und Heimatdichter, sei Hauptzeuge im Verfahren gewesen. „Am Heimweg vom Gemeindeamt hat er Eder am Mordabend getroffen“, sagt Koppensteiner, der nach dem Mord am Schulweg ziemliche Angst hatte: „So ging es damals allen Kindern.“

Beigesetzt wurde Freitag in Heidenreichstein. Die Gruft gehört heute Walter Baumgärtel. Er wurde erst einige Jahre nach dem Tod seiner Tante geboren. Seine Mutter Hedwig erzählte ihm später von ihrer Schwester.

Gedenkmarterl erinnert an grausige Tat

„Vieles wurde uns Kindern verschwiegen und erst nach und nach erzählt“, sagt Baumgärtel. Auch er war lange als „Springer“ im Waldviertel unterwegs, versah wie seine Tante fallweise Dienst im Postamt Großpertholz. „Ich konnte die Polizeiakte einsehen. Vor allem die Brutalität und die Vorgangsweise des Täters haben mich zutiefst erschüttert.“ Bei Gelegenheit verweilt er heute beim Gedenkmarterl, das sich Nahe der B41 befindet. Es wurde von Postbeamten gestiftet, darum gekümmert hat sich lange der ehemalige Postamtsleiter Kurt Müller mit seiner Gattin Eva. Jetzt macht das Gerhard Haidvogl, ebenfalls pensionierter Postbeamter, gemeinsam mit seiner Gattin Ingrid in seiner Freizeit.

Am Bergstück Richtung Rindlberg erinnert die „Anna-Freitag-Kurve“ an das schaurige Verbrechen im Herbst 1936.