Wie „blau“ ist der parteilose Hermann Hahn?. Hermann Hahn jun. wurde als erster FP-Gemeindechef des Landes bekannt – obwohl er gar kein Mitglied ist. Der Schlagzeile war es trotzdem dienlich.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 26. Februar 2020 (05:16)
Neue Partner: Manfred Grill (SPÖ), Karl Gattringer (Pertholz Aktiv), Helmut Leutgeb, Engelbert Artner (beide SPÖ), der designierte Bürgermeister Hermann Hahn jun., Wilhelm Marek (beide Pertholz Aktiv), Markus Wögerer, Josef Scharinger (beide SPÖ; vorne), Wolfgang Birklbauer (SPÖ), Christoph Forstner und Gerhard Prinz (beide Pertholz Aktiv; hinten).
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In der ausklingenden Wintersaison schaffte es die Kurgemeinde Bad Großpertholz am 23. Februar bundesweit in die Medien: Sie soll schon bald, wie zuerst in einer FPÖ-Pressemeldung verlautet wurde, mit Hermann Hahn jun. den ersten freiheitlichen Bürgermeister Niederösterreichs stellen.

Ein gefundenes Fressen für Medien aller Qualitäten und natürlich den politischen Mitbewerb abseits der Sozialdemokratie. Denn Letztere hat ein Arbeitsübereinkommen unterzeichnet, wonach gegen relative ÖVP-Mehrheit erst zweieinhalb Jahre Hahn, und danach zweieinhalb Jahre die SPÖ das Bürgermeisteramt besetzen darf.

Zweiter + Dritter = Erster?

Pertholz werde zum „Symbol für die Selbstaufgabe der Sozialdemokratie“, weil die SP als zweistärkste Kraft die FP als drittstärkste Kraft zur Bürgermeisterpartei mache, empört sich VPNÖ-Geschäftsführer Bernhard Ebner: „Die SPÖ macht für jeden den Steigbügelhalter, für eine Partei die sich selbst aufgegeben hat, gibt es weder moralische noch ideologische Prinzipien.“

Ähnlich tönt es aus den Pressestellen bei Neos und Grünen. Grünen-Landesgeschäftsführer Hikmet Arslan etwa: „Die SPÖ agiert in Niederösterreich ohne Werte und Moral als Steigbügelhalter für die Schwesterpartei der AFD.“

Hahn, ein Blauer?

Das kleine Detail, das NÖN-Leser seit Jahren kennen, im Ringen um Aufmerksamkeit aber kaum interessierte: Hermann Hahn (38) ist überhaupt kein Freiheitlicher.

Etwa zu Ausländern hat er sich – obwohl die 1.300-Einwohner-Gemeinde vor wenigen Jahren noch einige Dutzend Asylwerber beherbergt hatte – nie geäußert. Auch fraktionsintern sei Migration kein Thema, sagt er. Ihn zieht es in den nahen Naturpark, dem er als Obmann vorsteht, und für den er sich zuletzt mit der VP-Bürgermeisterin anlegte. Der Umweltschutz ist daher gleich in dreifacher Personal-Besetzung im SP-FP-Arbeitsübereinkommen verankert.

Streit gab es im Gemeinderat nie wegen „blauer“ Themen, sondern eher zu strittigen Vorgängen etwa rund ums gemeindeeigene Kurhaus samt Moorverwertung. Die „Bier-Kanzlei“ an der Bundesstraße B41 betreibt er als Wirt nebenbei, ansonsten ist der Absolvent von FH-Technikum und BOKU Selbstständiger als Software-Entwickler in der Abfallwirtschaft.

Gäbe es im Ort eine Grüne Liste, vielleicht wäre Hermann Hahn der Jüngere bald erster grüner Bürgermeister. Gibt es aber nicht einmal in Ansätzen.

„Leute im Ort wissen, wer wir sind“

Als „Freiheitliche und Unabhängige Pertholz Aktiv“ ging sein Bündnis mit Kurzbezeichnung FPÖ in die Statistiken ein und ist dem FP-Gemeindevertreterverband (GVV) zugeordnet. Die FPÖ war für Hahn allerdings in seinen ersten fünf Jahren im Gemeinderat ab 2015 wohl eher ein Vehikel, das ihm vor allem über den GVV eine gewisse Rechtssicherheit gegenüber klagewütigen lokalen Akteuren gewährte. Das streitet er auch gar nicht ab: „Ich bekam immer volle, wichtige Unterstützung. Eine Distanzierung wäre unfair.“

Daher stört Hahn nach jahrelanger One-Man-Show gegen eine VP-Übermacht auch nicht, dass er und seine zehn Mitstreiter in den FP-Topf geworfen werden, obwohl nur zwei davon Mitglieder sind. „Mich amüsiert das Tohuwabohu eher. Die Leute im Ort wissen, wer wir sind und wie wir politisch ticken“, sagt er zur NÖN: „Das Feedback an uns und an die SPÖ ist, dass sehr viele Menschen in der Gemeinde eine Wahnsinns-Freude mit unserer Einigung haben.“

„Feste Mandatsmehrheit“

SP & FP hätten nach der Wahl am 26. Jänner eine „feste Mandatsmehrheit“, so Hahn. Die Partner sprechen von einer „tragbaren und spannenden Lösung“. „Das Ergebnis der Verhandlungen mit dem Arbeitsübereinkommen kann sich sehen lassen und trägt dem Wählerwillen Rechnung“, so der designierte SP-Vizebürgermeister Josef Scharinger. Die VP hatte fünf der 13 Mandate verloren – die SP um ein Mandat auf sechs und die FP gleich um vier Mandate auf nun fünf zugelegt.

Nachwehen. Die VP habe sich in anfangs konstruktiven Verhandlungen zuletzt selbst aus dem Rennen genommen, so Hahn: Trotz großzügiger Zugeständnisse habe sie im Ringen ums „Bürgermeisteramt um jeden Preis“ noch „panikartige Querverhandlungen“ mit der SP geführt, „damit hat sich die Sache für mich erledigt“. Für die SP hält Scharinger fest, dass es aus der VP nie konkrete Angebote an die SP gegeben habe, „die Gespräche waren seitens der ÖVP nicht ernst gemeint“.

Im VP-Lager wird Anderes betont: „Die Winkelzüge der vergangenen Wochen haben darauf hingedeutet, dass die SPÖ die FPÖ zum Bürgermeister machen wird“, heißt es dort. Selbst einen Tag später wisse man von den Plänen nur aus den Medien, selbst habe man von SP & „Pertholz Aktiv“ noch keine offizielle Stellungnahme dazu erhalten.