Wenn Covid auf die Psyche geht. Die Vormonate sind an vielen Menschen nicht spurlos vorbei gegangen. Was hilft in schweren Zeiten? Wir sprachen mit Gmünder Psychotherapeuten.

Von Anna Hohenbichler. Erstellt am 19. November 2020 (06:06)
Psychotherapie ist eine Anlaufstelle bei psychischen Belastungen. Foto: Shutterstock/Photographee.eu
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Nach außen sind sie meistens unsichtbar, auch innerlich nicht immer greifbar und nur ganz selten herauszuhören: Sorgen, Probleme und psychische Belastungen. Sie sind weniger offensichtlich als viele andere Auswirkungen der vergangenen Krisenmonate. Trotzdem sind sie da. Was, wenn die globale Krise zur ganz persönlichen wird?

Spätfolgen erst jetzt bemerkbar

„Im ersten Lockdown war das gar nicht so ein Problem bei den Leuten. Manche, denen es sonst nicht so gut gegangen ist, haben sich in dieser Zeit sogar erholt“, sagt die Gmünder Psychotherapeutin Beatrix Vischer-Simon. Mittlerweile ist das anders: „Ich habe gemerkt, dass es gewisse Spätfolgen gibt.“

Das gehe von der Sorge der eigenen Überlastung über Beziehungsthematiken bis zum Fehlen von Sozialkontakten. „Was prinzipiell da ist, ist die allgemeine Verunsicherung. Dazu kommt, dass die Frustrationstoleranz sehr gering geworden ist. Sprich: Was ist mir zumutbar, bevor ich in eine Krise komme?“, sagt Vischer-Simon.

Zusätzliche Belastungen bringen inneres Gleichgewicht durcheinander. Vorhandene Probleme können sich unter dem Druck und der Isolation zu Hause verschärfen, erklärt Psychologin Gabriele Kastner: „Viele Menschen können mit Hilfe von Beschäftigung und Aktivität alte Traumata erfolgreich zurückdrängen und integrieren.

Wenn das innere Gleichgewicht aber durch zusätzliche Belastungen aus dem Lot kommt, drängen oft die Emotionen, die sich aus früheren Belastungen speisen, an die Oberfläche und die verordnete Entspannung wird zur Quelle von Unruhe und Ängsten.“ Dazu kämen reale Ängste um einen selbst, um Mitmenschen, die finanzielle Existenz und den Zustand der Welt im Allgemeinen, betont sie.

Ereignen sich Covid-Infektionen im persönlichen Umfeld, sei auch der Umgang damit immer wieder Thema in den Behandlungen, sagt Vischer-Simon: „Zum Beispiel, wenn Nachbarn mit der Rettung ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Diese Bilder machen Angst.“

Psyche zwischen Ausgangssperren & physischer Distanz

Stark eingeschränkt sind die Kontaktmöglichkeiten für Verwitwete, Geschiedene und junge Menschen, die noch keinen festen Partner haben. „Menschen sind soziale Wesen und brauchen soziale Kontakte“, erklärt Gabriele Kastner: „Viele haben gelernt, virtuelle Kontakte zu nutzen. Aber das Internet kann gemeinsame Erlebnisse nicht völlig ersetzen.“

Und was bedeuten Ausgangsbeschränkungen aus psychologischer Sicht? „Menschen lassen sich nicht gerne bevormunden, müssen aber aktuell mit einer Bevormundung zurechtkommen, die Spannung des Abwartens und der Unsicherheit ertragen. Das macht nervös und manche auch aggressiv“, erklärt sie.

Nachfrage nach Psychotherapie ist hoch

Vor dem Frühjahr habe sie ein bis zwei Anfragen pro Tag bekommen, nun seien es fünf, erzählt Psychotherapeutin Beatrix Vischer-Simon. Das übersteige ihre Kapazitäten. Dazu kommt, dass Kassenplätze limitiert sind und nicht jeder selbst für die Therapie bezahlen könne und wolle.

„Es ist dringend notwendig, dass das Kontingent an Kassenplätzen aufgestockt wird“, sagt sie. Seit dem Frühjahr ist viel passiert: steigende Infektionszahlen auch im Gmünder Bezirk, ein Terroranschlag in Wien und der neuerliche Lockdown.

Ziemlich komplex, oder?

„Es geht darum, die Ereignisse zu sortieren. Denn alles, was in der Welt passiert, hast du selbst am Smartphone. Das kommt nahe an dich heran. Der Anschlag in Wien hat die Leute sehr erschrocken“, erklärt sie: „Was jetzt noch dazukommt, sind aus der Angst generierte Verschwörungstheorien. Dann muss man ein Thema auffächern, damit die Leute verstehen, was dahintersteckt. Das sehe ich als unseren Auftrag.“

Psychologin Gabriele Kastner sieht das ähnlich: „Komplexität erzeugt ein hohes Maß an Spannung. Um die Spannung zu reduzieren, suchen viele nach einfachen Antworten, die es aber in diesen Fällen nicht gibt.“ Daher müsse nach differenzierten Lösungen gesucht werden. „Dabei helfen Aktivitäten, die die eigenen Ressourcen und Selbstfürsorge stärken – wie Hobbies, Natur, gesunde Ernährung, wertschätzende andere“, rät sie.

Hilfe in Anspruch zu nehmen, kann Überwindung sein

Wenn die menschliche Psyche unter Sorgen, Problemen und Belastungen leidet, kann reden helfen: „Viele, die zu mir kommen, sind froh über die Möglichkeit, ihre Ängste und Sorgen aussprechen zu können ohne ihre Umgebung zu belasten“, sagt Kastner. Das lasse inneren Druck entweichen und mache den Kopf frei für neue Lösungen.

Aber: „Es bedeutet auch eine Überwindung, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und die eigene Ratlosigkeit zu akzeptieren. Frauen erlauben es sich eher, bei Ängsten und Überforderung Hilfe zu suchen – aber zunehmend tun das auch Männer.“

Und wenn man das Gefühl hat, gar nicht mehr weiter zu wissen? Dann sei neben Psychotherapie, dem Aufsuchen eines Facharztes und Notruftelefonnummern manchmal auch ein Krankenhaus-Aufenthalt hilfreich, sagt Vischer-Simon: „Wichtig ist, die Hilfsangebote wirklich in Anspruch zu nehmen.“

Denn obwohl psychische Probleme weniger offensichtlich sind, als manch andere Auswirkung der Krise, sind sie nicht weniger ernst.