Licht und Schatten am Ärztesektor in Litschau. Zahnarzt denkt nach Jahren erfolgloser Nachfolgersuche an Schließung. Dafür zeichnen sich Praktiker-Lösungen ab.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 22. Mai 2019 (11:30)
Klaus Rosenmayer
Besichtigen die Baustelle für die neue Arztpraxis am Litschauer Stadtplatz: Gemeinderat Michael Katzenbeißer, Stadträtin Maria Ergott, Vizebürgermeister Reinhard Fürnsinn, die Gemeinderäte Ralf Fraißl und Elisabeth Katzenbeisser, Abgeordnete Margit Göll, Landesrat Martin Eichtinger, Bürgermeister Rainer Hirschmann, Gemeinderat Reinhard Thür und Abgeordnete Martina Diesner-Wais (v.l.).

Eine Tür öffnet sich am Ärztesektor der Stadt Litschau allmählich, eine andere will sich offenbar trotz hoher Mühen einfach nicht schließen: Während Tawar Kum Nakch nach jahrelang erfolgloser Nachfolgersuche seine Zahnarzt-Praxis mit Jahresende aufgeben will, kündigt Bürgermeister Rainer Hirschmann (ÖVP) im allgemeinmedizinischen Bereich ab Sommer zumindest eine Zwischenlösung an – die eventuell sogar eine langfristig vollwertige Lösung werden könnte.

„Kein ernstes Interesse…“

Als Tawar Kum Nakch am 1. April 1995 die Litschauer Praxis übernommen hatte, da war das das Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Er hatte Syrien als 18-jähriger politischer Flüchtling in Richtung Hamburg verlassen und dort zunächst politisch gearbeitet, hatte danach den akademischen Weg eingeschlagen und nach einem Jus-Studium in die Medizin gewechselt. Erst Hamburg, dann Wien – das Waldviertel hatte für den spätberufenen Zahnarzt den Reiz des Kontrastes zu den Städten. „Ich hatte mich aus zehn Angeboten bewusst für Litschau entschieden – wegen der wunderbaren Natur, der attraktiven Gesellschafts-Struktur, der Bescheidenheit der Bevölkerung“, sagt er: „Ich wurde nicht enttäuscht, auch wirtschaftlich lief und läuft es bis heute sehr gut.“ Litschau habe alleine durch das Pflegeheim und Seniorenwohnhaus hohen Zahnarzt-Bedarf.

 „Ich wäre froh, wenn die Praxis einfach jemand übernehmen würde.“ Der Litschauer Zahnarzt Tawar Kum Nakch betont, dass eine Übernahme nicht am Preis scheitern werde

 Gerade deshalb überrascht ihn die seit sieben Jahren erfolglose Nachfolger-Suche. Er habe darauf spezialisierte Firmen beauftragt, die Praxis mit drei Beschäftigten an Unis und über die Kammer beworben. Rückmeldungen seien an einer Hand abzuzählen gewesen, sagt er, „keiner zeigte ernsthaftes Interesse an Litschau“. Geld habe keine Rolle gespielt, zur Frage nach einer Ablöse sei es nie gekommen. Daran hätte es gar nicht scheitern können, beteuert Kum Nakch. „Ich wäre froh, wenn die Praxis einfach jemand übernehmen würde.“ Die Ausrüstung sei laufend erneuert worden, könne ohne große Änderungen übernommen werden.

Irgendwann ist Schluss

Der Kammer teilte er bereits mit, die Kassenstelle mit Jahresende endgültig zurückzulegen, zur Einarbeitung eines Nachfolgers könne er sich maximal einen Aufschub bis Ende März 2020 vorstellen – den Tag seines 25-jährigen Dienstjubiläums in der Schrammelstadt. Aus der Sicht von Kum Nakch müsse dem zunehmenden Engpass an Zahnärzten bei steigender Nachfrage nach Studienplätzen auf bürokratischer Ebene begegnet werden. Im ländlichen Raum brauche es finanzielle Anreize, auch die Politik sei am Zug.

Die Gemeinde habe nicht allzu hohen Spielraum, wolle einen Interessierten aber etwa bei der Schaffung nötiger Infrastruktur nach Kräften unterstützen, kündigt Bürgermeister Hirschmann an. Aber: „Derzeit wollen nicht viele Ärzte die großen Städte verlassen. Es müsste ein glücklicher Zufall sein.“

Glücklicher Zufall

Einen ebensolchen dürfte die Stadt demnächst im allgemeinmedizinischen Bereich erleben. Zwei Jahre nach der Pensionierung von Werner Böhm-Michel und vor der anstehenden Pensionierung von Gerald Ehrlich habe sich, so Gemeindechef Hirschmann, eine Ärztin um die Stelle beworben. „Sie möchte an eineinhalb Tagen die Woche helfen, die ärgste Not abzudecken“, sagt er. Gegenüber der NÖN möchte sich die Medizinerin vor der fixen Zusage für den Kassenvertrag noch nicht äußern. „Ich gehe aber davon aus, dass sie kommen wird“, sagt Hirschmann.

Er spricht auch von parallel laufenden Bemühungen um einen jungen Mediziner, den man als Ergänzung für die Praxis und eine private Übersiedlung nach Litschau begeistern möchte. Beide Personalien könnten sich, so der Bürgermeister, noch vor den Ferien entscheiden. Die Stadtgemeinde schafft jedenfalls schon die Infrastruktur dafür. Auf Bestreben Hirschmanns, der dazu in Kontakt mit dem NÖ Gesundheits- und Sozialfonds trat, wurde die Schaffung von Praxisräumen im Rahmen der Initiative „Landarzt NÖ“ beschlossen. Im Seniorenwohnaus am oberen Stadtplatz werden derzeit ein ehemaliges Geschäftslokal und eine Wohnung in Zusammenarbeit mit der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Waldviertel zu barrierefreien Ordinationsräumen mit Empfang adaptiert.

Landesrat und NÖGUS-Chef Martin Eichtinger machte sich ein Bild von den Arbeiten, auf eine Eröffnung der Praxis mit etwa 150 m² Ordinationsfläche wird per Anfang Juli gehofft. Bürgermeister Hirschmann spricht von Kosten in Höhe von etwas über 100.000 Euro, bis zu 50.000 Euro sind über die Landarzt-Initiative förderbar. Er dankte Eichtinger für die zugesicherte Unterstützung, weil: „Es ist ganz wichtig, dass die ärztliche Versorgung in Litschau sichergestellt ist. Ich hoffe auf langfristig gute Lösungen.“

Das große Ganze

Langfristig verfolgt die Stadtgemeinde die Vision, „eine Art Gesundheitszentrum“ (Hirschmann) im derzeitigen Feuerwehrhaus am Stadtplatz einzurichten und das Feuerwehrhaus in den Bauhof zu integrieren. Die Müllsammelstelle soll dafür, so Hirschmann, vom Bauhof ausgelagert werden. Noch heuer soll die Verlegung von Kriegerdenkmal und Leichenhalle geplant werden, 2021 der Neubau ins Auge gefasst und 2022 die bestehende Halle abgerissen werden. 2023 soll, so wäre es jedenfalls der Plan, der Neubau des Feuerwehrhauses angegangen werden.