20 Jahre "Jahrtausend-Hochwasser": Heute noch Gänsehaut

Erstellt am 06. August 2022 | 04:27
Lesezeit: 4 Min
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Foto: NOEN
NÖN-Chefredakteur Daniel Lohninger erinnert sich ans Hochwasser 2002 – und seine ersten Tage als damaliger Leiter der Gmünder Redaktion.
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Wenn man im August seinen Job als Redaktionsleiter antritt, dann rechnet man vor allem mit einem: damit, dass man in ein paar ruhigen Sommertagen schön langsam in die neue herausfordernde Aufgabe hineinwachsen kann. Das einst viel gefürchtete Sommerloch gab es damals auch schon nicht mehr, aber etwas ruhiger als heute ging es dann doch zu. Nicht so 2002.

Los ging es zuerst mit einem Feuerwehreinsatz in Walterschlag

Der Bach war über die Ufer getreten und hatte einige Häuser überflutet. Ich packte mich zusammen, rückte mit der Kamera aus. Was ich da sah, übertraf die ärgsten Erwartungen – Wassermassen, wie sie dieser Ort schon lange nicht gesehen hatte, blockierten Straßen und überfluteten Häuser. Als ich nachts durchnässt heimkam, hätte ich mir nicht im (Alb-) Traum vorstellen können, dass dieses Hochwasser nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Naturgewalten war, die in den nächsten Tagen über unsere Heimat hereinbrechen sollten.

Ein paar Stunden später versank der ganze Bezirk im Wasser. Die Meldungen überschlugen sich, nationale und internationale Medien berichteten über die Flut im Oberen Waldviertel – die meisten von ihnen kannten bis dahin Weitra, Schrems oder Gmünd nicht einmal vom Hörensagen. Unter dramatische wahre Meldungen mischten sich, damals noch ohne Social-Media-Fakes, diverse Falschmeldungen , etwa dass ein in Tschechien gebrochener Damm das Hochwasser der Lainsitz verursacht habe. Dabei lernt man schon in der Volksschule, dass die Lainsitz in die Nordsee entwässert – ein in Tschechien gebrochener Damm also in Gmünd nie ein Hochwasser verursachen kann. Gute ortsfremde Journalistinnen und Journalisten vermieden solche Fehleinschätzungen, indem sie sich vorab an die Gmünder Redaktion wandten. Wir halfen gern, unter Kolleginnen und Kollegen gehört sich das bei aller gesunden Konkurrenz.

Was tun?

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Sondertitelseite der Gmünder NÖN im August 2002.
Foto: NOEN

Bald wurde klar, dass wir auf diese Herausforderung mit einem besonderen journalistischen Zugang reagieren müssen: In stundenlangen Sitzungen diskutierten wir mit der Chefredaktion in St. Pölten über die Frage, wie wir als führende Regionalzeitung diesem Jahrhundert-Ereignis gerecht werden können. Bis wir sie dann hatten: die NÖN-Sonderausgabe zum Hochwasser.

Die erste Zeitung, für die ich blattführender Redakteur war, war also eine Hochglanz-NÖN mit mehr als 120 Seiten. Eine Ausgabe, die dem gesamten Gmünder NÖN-Team alles abverlangte, eine Ausgabe, in der die NÖN zeigte, wofür sie auch heute steht: Aktuellen, gut recherchierten Journalismus, der so nah an den Menschen ist, wie kein Journalismus eines anderen Mediums . Wir berichteten, wir fotografierten, wir redeten mit hunderten Menschen, wir litten mit ihnen mit, wir litten selbst (etwa die heutige NÖN-Redakteurin Karin Pollak, die in Unserfrau tagelang von der Außenwelt abgeschnitten war), wir freuten uns mit, wenn eine erfolgreiche Menschen-Rettung gelang, und wir interessierten uns auch für die Schicksale unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger, als sich alle anderen Medien wieder dem Tagesgeschäft in den Ballungszentren zugewandt hatten.

Historisch

Letztlich war es eine Sonderausgabe, die alle Auflagen-Rekorde brach, und eine, auf die jede und jeder im NÖN-Team auch noch heute stolz sein kann. Und es ist eine Ausgabe, bei der man beim Durchblättern noch heute Gänsehaut bekommt – und sich fragt, wie sich unsere schöne Heimat binnen weniger Stunden in ein derartiges Katastrophengebiet verwandeln konnte.

Wie lokal auf die Katastrophe reagiert wurde, das lesen Sie in der nächsten NÖN-Ausgabe.

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