Gmünd

Erstellt am 07. März 2018, 04:36

von Harald Winkler

Als der „Schandfrieden“ zu Ende ging. In der Nacht auf 12. März jährt sich der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland zum 80. Mal. Ein Rückblick mit neuen Inhalten.

1. Oktober 1938: Abgebauter Grenzbalken des Überganges bei Harbach als Trophäe am Rathausplatz von Weitra  |  Stadtarchiv Gmünd

Vor 80 Jahren wurde der „Anschluss“ Österreichs an Deutschland vollzogen. Am Abend des 11. März 1938 verkündete Bundeskanzler Schuschnigg in einer Rundfunkrede seinen Rücktritt, Österreich weiche der Gewalt. Am 12. März überschritten deutsche Truppen die Grenze, es wurde kein militärischer Widerstand geleistet.

Feiern zum Einmarsch ließen im Bezirk Gmünd nicht lange auf sich warten: In Weitra traten am 12. März im Rathaus die Führungsmitglieder der NSDAP zur Festsitzung zusammen; in Litschau fand laut dortiger Gendarmeriechronik am 13. März ein Fackelzug mit 1.500 Teilnehmern statt; auch in Schrems und Heidenreichstein übernahmen kurzerhand die Nationalsozialisten die wichtigsten Stellen und die Führung der Gemeinde.

Hakenkreuzfahnen: Färbereien im Stress

In der Bezirkshauptstadt besetzten in der selben Nacht SA-Männer die Gendarmerie, der spätere Kreisleiter Hans Lukas sprach am Gmünder Stadtplatz zu etwa 100 Nationalsozialisten. Die Nacht nutzten Frauen zum Nähen von Hakenkreuzfahnen, in den Färbereien wurde mit Hochdruck an der Herstellung roter Stoffbahnen gearbeitet.

Am Sonntag nach Hitlers Machtergreifung gab es einen großen Fackelzug von der Neustadt zum Stadtplatz. Bei der anschließenden Siegesfeier erfüllten euphorische Sprechchöre die Gassen.

In den Tagen nach dem „Anschluss“ fanden erste Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen jüdischen Eigentums durch SA- und SS-Angehörige statt. Auch in Gmünd wurden noch im März alle jüdischen Geschäfte durch große Zettel mit der Aufschrift „Jüdisches Geschäft“ gekennzeichnet.

„Dann hat er sie durch die Straßen gejagt. Und das nur, weil sie sich ein Handtascherl beim Reich am Stadtplatz gekauft hat.“ Zeitzeugin Herta Proksch

In den folgenden Monaten wurden Juden im Bezirk immer stärker drangsaliert und bedroht. Im September 1938 hatten fast alle Juden den Bezirk in Richtung Wien verlassen. Von dort aus erfolgte später die Deportation in Konzentrationslager. Alleine von den rund 50 jüdischen Bürgern der Stadt Gmünd wurden 17 in KZs ermordet.

Im Herbst 1938 wurden die deutschen Gebiete Böhmens und Mährens ins Deutsche Reich eingegliedert („Münchner Abkommen“). Die tschechischen Bewohner von eské Velenice wurden bereits zuvor teils gewaltsam zur Flucht ins Landesinnere aufgefordert. Für die Nationalsozialisten ging mit der „Rückholung“ des Gmünder Bahnhofes samt Hinterland eine lange Forderung in Erfüllung: Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Vertrag von St. Germain war stets von einem „Schandfrieden“, einem „Friedensdiktat“ für die Bevölkerung der Region, die Rede gewesen.

Mit dem Einmarsch in Polen am 1. September 1939 durch deutsche Truppen begann der Zweite Weltkrieg. Im Krieg rückte die Front ständig näher, tagsüber gab es immer öfter Fliegeralarm. Bis 23. März 1945 war Gmünd vom Ärgsten verschont geblieben. Doch an dem Tag wurden Gmünd und der Bahnhof im heutigen eské Velenice bombardiert. Grausame Bilanz dieses Krieges: 2.228 Soldaten aus dem Bezirk Gmünd wurden laut „Heimatkunde des Bezirkes Gmünd“ an der Front getötet, 336 Zivilisten beim Bombenangriff, 485 ungarische Juden starben im Getreidespeicher hinter dem Finanzamt, dem „Gmünder Judenlager“. Wie viele jüdische Bürger aus dem Bezirk in den Konzentrationslagern ermordet wurden, das kann nur geschätzt werden.

Buch über Waldviertler Juden in Arbeit

Unter der Herausgeberschaft von Friedrich Polleroß entsteht derzeit im „Waldviertler Heimatbund“ ein fast 700 Seiten starkes Buch zum Schicksal der Waldviertler Juden. Dieses wird am 19. Mai um 19.30 Uhr im Gmünder Palmenhaus präsentiert. In Neupölla lädt ab 1. Mai das „Museum für Alltagsgeschichte“ zu einer Ausstellung über die Waldviertler Juden. Nachfolgende Zeilen sind Vorab-Auszüge aus diesem Werk*:

In Gmünd formierte sich am Abend der Ausstrahlung der Schuschnigg-Rede ein Zug von Nationalsozialisten durch die Stadt Gmünd. Die Chronik der Knabenbürgerschule berichtet über die Ereignisse von damals und dokumentiert damit auch eine große Skepsis in der Bevölkerung: „Die Gegner verkrochen sich hinter ihren Fenstern oder standen wortlos und hasserfüllt am Rande der Straße. So mancher Arm erhob sich nicht zum deutschen Gruß.“ Der spätere Bürgermeister und damals Angestellte der jüdischen Kaufmannsfamilie Schwarz, Franz Chaloupek, verbrachte schlaflose Nächte: „‚Ja‘, so mein Freund Josef, ‚bist denn du deppat, da Hitler marschiert in Österreich ein. Wart einen Augenblick, gleich hörst du es im Radio!‘ Ich, Angestellter in einem jüdischen Geschäft, war schockiert!“

Propaganda-Banner im Vorfeld der „Volksabstimmung“ am 10. April 1938 am Gmünder Bahnhof.  |  Stadtarchiv Gmünd

Mit der Machtergreifung Hitlers folgten sehr rasch auch in Gmünd die ersten Repressalien gegen Juden, Regimegegner und Menschen, die in jüdischen Geschäften eingekauft hatten. Zeitzeugin Herta Proksch erinnert sich: „An einem Tag im März oder April 1938 hat eine Schulkollegin aus Waldenstein von einem berüchtigten Gmünder SS-Mitglied ein Schild mit der Aufschrift ‚Ich arisches Schwein kaufe bei einem Juden ein‘ umgehängt bekommen. Dann hat er sie durch die Straßen gejagt. Und das nur, weil sie sich ein Handtascherl beim Reich am Stadtplatz gekauft hat.“ Auch Kunden der jüdischen Firma Schwarz wurden angepöbelt und mit ebensolchen Schildern über den Stadtplatz getrieben.

Auch die Zeitzeugin und Tochter des Gmünder Politikers Theodor Cerny, Helga Diwoky, kann sich an diese wilden Szenen erinnern: „Eines Tages, es war nach den Märztagen 1938, bin ich zufällig beim Postgebäude in der Bahnhofstraße gestanden und habe vom Stadtplatz her Tumult und Wirbel vernommen. Als ich zum Stadtplatz gekommen bin, habe ich dann schon gesehen, was da los war. Ein Mann aus der Umgebung wurde von SS-Leuten über den Stadtplatz gehetzt. Dem Mann hat man zuvor ein Schild umgehängt, weil er in einem jüdischen Geschäft eingekauft hatte.“

Kundgebung der NSDAP im Zentrum der Stadt Heidenreichstein – im Hintergrund die Wasserburg  |  Archiv Harald Winkler

Ein ebensolches Schild bekam auch eine Angehörige der Familie Kohlseisen beim Verlassen des Kaufhauses Kohlseisen am Gmünder Schubertplatz umgehängt. Sohn Hans Kohlseisen, der emigrieren konnte und die Zeit bis 1945 überlebte, erinnert sich: „Tante Franzis kräftiges Gesicht begann zu beben und während sie die wuchernden Stoffbahnen ihres schweren Kleides für einen Schritt anhob, hatte ihr in eisiger Luft ausholender Regenschirm den kleinen Mann schon getroffen. Sie hat ihn davongeknüppelt. Er wurde wegen Feigheit bestraft, ihr Mut aber nicht belohnt.“

* Vorabdruck aus dem Kapitel „Die jüdische Gemeinde von Gmünd“ von Harald Winkler mit Zustimmung von Friedrich Polleroß. In den Orts- und Familiengeschichten wird es im Buch neben der Darstellung zu Gmünd auch separate Darstellungen zu Heidenreichstein (Karl A. Immervoll) und Litschau (Oliver Rathkolb) geben.