Lkw-Last „entspannt sich wieder“ - Streit geht weiter

WK-Obmann sieht Gipfel an B5 überschritten. NÖN-Leser: „Schockstarre“ im Forst, verlorene Lebensqualität für Anrainer.

Markus Lohninger
Markus Lohninger Erstellt am 24. September 2020 | 05:28
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„Es geht auch anders“, mahnt Bahnaktivist Gerald Hohenbichler – und untermalt seine Vision mit einem Foto vom Verladen des Holzes von Straße auf Schiene am Bahnhof Gmünd.
Foto: privat

Eine Menge Staub hat der vorwöchige NÖN-Beitrag über zunehmenden Verdruss von Anrainern wegen steigenden Lkw-Aufkommens im Bezirk Gmünd entlang der Verbindungen zwischen Südböhmen und Zwettl bzw. Horn ausgelöst. Der Fokus der Debatte verlagerte sich dabei vom allgemeinen Schwerverkehr in Richtung des Holztransportes.

Holztransporter sind sichtbarer

Peter Weißenböck, scheidender WKO-Bezirksobmann und selbst Frächter, glaubt den Grund dafür zu kennen: „Holztransporter fallen eben am ehesten auf.“ Der Schwerverkehr sei vielleicht viel oder komme Anrainern im Vergleich zu früher sehr viel vor, bloß: „Straßen werden auch für den Lkw-Verkehr gebaut. Heuer lief wegen Sperren auf anderen Routen Vieles auf die Verbindung zwischen Grametten und Schrems zusammen, das entspannt sich wieder.“ Für Kirchberg verweist auch er auf die Zusage eines Schwerverkehr-Verbotes des Landes NÖ für den Zeitpunkt nach Ausbau der Verbindung Vitis-Zwettl. Er warnt indes einmal mehr vor Forderungen für eine flächendeckende Maut, „das würde die Randregionen umbringen, weil es Firmen absiedeln ließe“.

Ein stärkeres Umsatteln auf die Bahn sei mit der aktuellen Preisgestaltung unrealistisch.

Polizeichef ortet Probleme mit Lkw im subjektiven Bereich

Wirklich stark steigenden Schwerverkehr nimmt Weißenböck vor allem im Vergleich zu anderen Regionen nicht wahr, „das größere Lärmproblem in Orten verursachen aus meiner Sicht eher nicht sanierte Kanaldeckel.“

Ähnliches sagt Wilfried Brocks, Bezirkspolizei-Kommandant in Gmünd. „Der Schwerverkehr wird an sich stetig etwas mehr, von einer Explosion kann allerdings keine Rede sein“, ortet Brocks das Problem eher im subjektiven Bereich, „vor allem wenn vorher einige Zeit weniger Verkehr war“.

Betroffene Anrainer berichten Anderes

„Mittlerweile werden wir bereits um 3 Uhr in der Früh durch die Lkw/Holztransporter ‚aus dem Schlaf gerissen!‘ Unsere Lebensqualität ist auf einen Tiefpunkt angelangt“, klagt die Familie Miedler, die in Eisgarn direkt an der B5 wohnt. Bereits seit mehr als zehn Jahren weise man die Bezirkshauptmannschaft auf die Verkehrssituation hin, „bis dato ohne Erfolg“.

Ein der NÖN namentlich bekannter Leser aus dem Bezirk, der aus Angst vor Repressalien um Anonymität bittet, spricht indes von vielfach in „Resignation verfallenen tausenden heimischen Waldbauern, Forstbetriebsleitern, Förstern und Arbeitern“. Dass Holz-Lkw zum rascheren Abfluss von heimischem Schadholz per Ausnahmeregel des Landes NÖ aktuell 46 statt 38 Tonnen Holz aufladen dürfen, bringe auch schwer mit tschechischem Schadholz überladene Lkw – zulasten der Anrainer, unserer Fahrbahnen und unseres Holzmarktes.

Waldbewirtschafter wegen Preisverfalls durch Billigimporte in „Schockstarre“

Seit Generationen bestehende heimische Waldbauern und Forstbetriebe, deren wirtschaftliche Existenz wegen gestiegener Billigholz-Importe massiv bedroht sei, befänden sich angesichts der Preisniveaus in einer „Schockstarre“. Jeder zweite in Niederösterreich eingeschnittene Holzstamm sei bereits importiert. Der Marktwert für Frischholz und vom Käferholz habe sich in vier Jahren halbiert – der Ertrag reiche nicht mehr, um die Kosten zu decken: „Dieser Umstand hat die reguläre Holznutzung im Kleinwald in den letzten Monaten fast völlig zum Erliegen gebracht. Eine Entspannung ist aufgrund der zu erwartenden Schadholzmengen von unserem nördlichen Nachbarn für das nächste Jahrzehnt keineswegs in Sicht.“

Rundholzexporte aus Tschechien nach Österreich vervierfacht

Das Fachblatt „Holzkurier“ (Ausgabe 02/2020) bezifferte die im Vorjahr angefallene Schadholzmenge in Tschechien mit etwa 33 Millionen Festmetern – dreimal so viel wie noch zwei Jahre davor und mehr als dreimal so viel wie in Österreich. Rundholz-Exporte nach Österreich seien binnen vier Jahren um das Vierfache angestiegen.

Gmünds Bauernkammer-Bezirksobmann Markus Wandl bestätigt die Problematiken großteils. Die Käferplage habe Waldbauern heuer aufgrund einiger Regenfälle etwas Luft schöpfen lassen, aber: „Die Aussichten sind einfach nicht gut. Das Interesse, Wald zuzukaufen, ist derzeit zum Beispiel überschaubar.“

Bauernkammer-Chef: CZ-Förderung für Schadholz „verzerrt Wettbewerb“

Wandl sieht Waldbewirtschafter und Holzindustrie in einem Boot sitzen. „Wir brauchen einander gegenseitig, beide Seiten müssen gemeinsam bestehen können“, sagt er: „Dazu braucht es allerdings eine Partnerschaft auf Augenhöhe – und eine solche bedingt aus unserer Sicht, dass zuerst das heimische Holz und dann erst ausländisches gekauft wird. Dazu gibt es auch laufend Gespräche.“

Preislich seien heimische Holzbauern schon wegen einer vergleichbar hohen Schadholz-Förderung in Tschechien im Nachteil. Die fehle bei uns, „das verzerrt den Wettbewerb natürlich“. Auch daher würde es für die große Waldviertler Sägeindustrie ohne Importholz derzeit „definitiv nicht gehen“.

Disziplin bei Frächtern aus Tschechien „nicht schlecht“

An die Darstellung überladener böhmischer Holz-Lkw glaubt Bauernkammer-Obmann Wandl allerdings nicht, auch der scheidende WK-Obmann Weißenböck attestiert tschechischen Frächtern „keine schlechte Disziplin“. Polizeichef Brocks spricht von einer sehr komplexen Materie des Quell- und Zielverkehrs, die noch dazu immer wieder neuen Regeln in Tschechien und Österreich unterliege. Aber, so Brocks: „Wir haben sehr gute Leute im Verkehrsdienst, die sehr dahinter sind, zumindest die Plausibilität der Herkunft des Holzes zu prüfen.“ Regelmäßig würden auch Lkw aus dem Verkehr gezogen, die nicht den Vorgaben entsprechen.

Pichler kündigt „drastische Maßnahmen“ an, Kirchberg kauft Tempoanzeiger

Aus der Sicht der Anrainer zeigt sich Heidenreichsteins Altbürgermeister Hans Pichler enttäuscht über eine „auf die lange Bank schiebende Strategie“ der „politisch Verantwortlichen des Landes“. Im Interesse der Bevölkerung nehme man diese nicht zur Kenntnis: „Ein Stopp der Holztransporte durch das Obere Waldviertel muss in den nächsten Tagen erfolgen! Anscheinend bedarf es wirklich drastischer Maßnahmen.“

Die Kirchberger Protestbewegung will am 26. September (17 Uhr) wieder im Hamerlinghaus zusammenkommen. Gemeindechef Karl Schützenhofer (ÖVP) kündigt die Anschaffung dreier weiterer, fix montierter Tempo-Messgeräte für die Einfahrten in den Ort an, danach sollen auch Ullrichs und Fromberg Tempoanzeiger bekommen. „Diese werden zumindest einen Großteil der Verkehrsteilnehmer zum Drosseln des Tempos animieren, zugleich werden sie uns konkretes Zahlenmaterial über die aktuelle Situation liefern“, sagt er.

Pro-FJB: „Situation von Transitlobby gesteuert.“

„Es musste so kommen!“, sagt indes Gerald Hohenbichler (Initiative Pro-FJB), man habe vor dieser Situation jahrelang gewarnt. Aus der NÖN- Story lese man „mangelhaften Willen politischer Institutionen /Körperschaften an der Umsetzung innovativer Zukunftsprojekte heraus“. Einer von zehn Lkw auf unseren Straßen sei aus der Region, der Rest verteile sich auf das Ausland und Oberösterreich. Das bestärke seine Bedenken bezüglich einer „Transit-Schneise“. Er ortet wachsenden Binnentransit zwischen Oberösterreich und Wien übers Waldviertel und mutmaßt, dass die Situation „von der Transport-/Transitlobby gesteuert wird, um den Druck auf den Bau einer Autobahn zu erhöhen“.

Das Holz sei weniger Wert als die Frachtkosten. Hohenbichler erneuert seine Forderungen für den Bahnausbau samt Micro-Terminals zum mühelosen Umladen mobiler Container von Lkw auf Waggon. Als Knotenpunkte sieht er Vitis und Horn, in der Mitte müsse die Thayatalbahn reaktiviert werden. Parallel solle der dreispurige Straßenbau inklusive Umfahrungen forciert werden – kritisiert Hohenbichler, dass genau das zuletzt bei der Sanierung der B4 zwischen Stockerau und Seitzersdorf-Wolfpassing nicht erfolgt ist.