Nach Wolfs-Rückkehr: Hysterie ist dem Alltag gewichen. Weiter Sichtungen, aber keine Nutztier-Risse mehr – und immer noch keine Gefahrensituationen für Menschen.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 12. September 2019 (06:48)
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Das Waldviertel war der Zeit in Österreich voraus: Ein Jahr ist es her, seit die Hysterie über die Rückkehr des Wolfes im Waldviertel ihren Höhepunkt erreicht hatte. Fotos angeblicher Wölfe in Stadtgebieten kursierten, laufend kamen Meldungen über getötete Nutztiere, Bürgermeister berichteten von purer Angst ihrer Mitmenschen, Petitionen zum Abschuss des streng geschützten Tiers liefen, schließlich wurde neben bürokratischen Erleichterungen für Geschädigte auch eine gesetzliche Basis für Abschüsse von exakt definierten Wölfen ohne Scheu vor Menschen geschaffen.

Dann verschwand das Thema still und heimlich. Die Aufregung legte sich, Meldungen über auffällige Begegnungen zwischen Mensch bzw. Nutztier und Wolf versiegten.

Warum? Haben die Wölfe unsere Wälder zur Abwanderungs-Region erklärt? Wurden sie getötet? Werden Meldungen schlicht unterdrückt?

„Alle Nutztier-Risse im Raum Lainsitztal/Langschlag waren im Vorjahr auf ein Weibchen zurückzuführen. Für sie liegt heuer noch kein einziger bestätigter Nachweis vor.“ Wolfs-Experte Georg Rauer

Einerseits wich der ungewöhnliche Mix aus Freude über das Comeback einer ausgerotteten Tierart und (teils durch Schauergeschichten geschürter) Hysterie wohl dem Alltag: Die Bevölkerung lernte offenbar, mit dem Wolf zu leben – zumal bei uns ohnehin so gut wie niemand je ein Exemplar selbst zu Gesicht bekommen hatte und folglich die gefühlte Bedrohung irgendwann irreal wurde.

Hinweise auf eigenes Rudel im Raum Weitra

Als – weitgehend unauffälliger – Bestandteil unserer Wälder blieb der Wolf jedenfalls und wird es in absehbarer Zeit auch bleiben. Das glaubt jedenfalls der Wolfsbeauftragte Georg Rauer. Änderungen im Verhalten des Wildes gebe es, die Ursache sei unklar. Bloß, so Rauer zur NÖN: „Das Thema wird wieder stärker werden, weil das einfach die Entwicklung auch rund um Österreich ist.“

Gerüchte, wonach sich im Raum Weitra ein viertes Rudel im Waldviertel – neben dem Raum Großpertholz/Langschlag, TÜPl Allentsteig und direkt hinter der Grenze im Raum Rapšach/Nová Ves – gebildet habe, kann Rauer noch nicht definitiv bestätigen.

Faksimile: NÖN
Der Wolf war lange Zeit bestimmendes Thema im Waldviertel – bevor sich die Aufregung legte.

Es existiere dort tatsächlich ein Rudel, doch das sei anhand der ausgewerteten Spuren genetisch noch nicht zuordenbar, könnte also auch mit dem Rudel aus den Bergen zusammenhängen. Rauer hört jedenfalls öfters von Sichtungen im Raum zwischen Karlstift und Weitra.

Heuer sei im Bezirk Gmünd und auch im angrenzenden Gebiet im Zwettler Bezirk – wo 2018 insgesamt 57 Nutztiere gerissen worden waren – noch kein einziges totes Nutztier auf einen Wolf zurückzuführen. Ein übel zugerichtetes Fohlen im Norden des Bezirkes Gmünd hat sich wie berichtet als Totgeburt herausgestellt.

„Problemwölfin“ aus 2018: keine Spur mehr

Bezirkshauptmann Stefan Grusch betont, dass mit Ausnahme einer „Vergrämung“ bei einer Pferdekoppel im Lainsitztal durch ein Gummigeschoß im Herbst 2018 kein weiteres direktes Vorgehen gegen Wölfe und kein Abschuss dokumentiert sei.

„Überall, wo es in Europa Wölfe gibt, gibt es auch illegale Abschüsse“, schließt Wolfsexperte Rauer hingegen die eine oder andere verbotene „Entnahme“ nicht aus. Er nennt aber auch andere potenzielle Erklärungen: Die Schutzmaßnahmen könnten besser geworden sein, einzelne auffällige Wölfe könnten ihr Verhalten geändert haben oder mit einem Rudel weitergezogen sein.

Auch die Art der Nutzung des Waldes durch den Menschen kann Auswirkungen auf das Wolfs-Vorkommen haben – etwa durch Störungen durch verstärkten Maschineneinsatz wegen des Schadholzes.

Jedenfalls, so Rauer: „Alle Nutztier-Risse im Raum Lainsitztal/Langschlag waren im Vorjahr auf ein Weibchen zurückzuführen. Für sie liegt heuer noch kein einziger im Labor bestätigter genetischer Nachweis vor.“

Das könne allerdings genauso auch mit Verzögerungen bei der Auswertung von Spurenmaterial zusammenhängen. Zugleich sei die Spurenlage im Waldviertel im Vorjahr wegen vieler Risse einfacher gewesen, heuer würden oft DNA-Nachweise für Tiere fehlen. Vom Männchen des Karlstifter Rudels habe es, so Georg Rauer zur NÖN, selbst im Vorjahr nie einen genetischen Nachweis gegeben: „Zumindest zur Paarung muss er aber hier gewesen sein.“