Rezepte gegen steigenden Ärztemangel. Zur Schwierigkeit, Kassenstellen zu besetzen, über Alternativen – und zu Vorschlägen für tragfähigere Kassen-Lösungen.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 07. August 2019 (04:40)
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Symbolbild

Die Schwierigkeit, Arztstellen im Bezirk zu besetzen, wurde nach dem vorwöchigen NÖN-Beitrag über die Dauervakanz der Gynäkologen-Kassenstelle in Gmünd breit diskutiert.

So meldete sich der Gmünder Lungenfacharzt Harald Vorbach zu Wort. Er wolle nicht kritisieren, sondern Tatsachen aufzeigen, betont er, und nennt drei Hauptgründe für den Mangel: häufig zu späte Ausschreibungen frei werdender Kassenstellen; vor allem für Jungärzte fordernde Honorarsysteme mit Zahlungen Monate nach dem Start der Praxis; ein problematisches Vergütungssystem an sich.

Würden Kassenstellen nicht unmittelbar nach Rückgabe eines Vertrages ausgeschrieben, so erschwere das eine Übergabe im laufenden Betrieb und erhöhe das Risiko der längeren Vakanz einer Stelle, sagt Vorbach. 30 von 47 ausgeschriebenen NÖ Kassenarzt-Stellen seien bereits geschlossen, gravierend sei das Missverhältnis bei Fachärzten.

„Sie bräuchten gut 100.000 Euro, um eine Ordination eröffnen zu können.“Lungenfacharzt Harald Vorbach über zu hohe Hürden für Jungärzte

Dabei seien die Hürden für eine komplette Praxis-Neueröffnung hoch. Vorbach: „Man muss die Ordination neu einrichten, neues Personal finden und zahlen, Miete zahlen und selbst monatelang ohne Einkommen leben.“ Die erste Abrechnung an die NÖ Gebietskrankenkasse (NÖGKK) sei erst nach dem ersten Quartalsende möglich, die Kasse habe drei weitere Monate Zeit, um die Rechnung zu begleichen. Es dauere also bis zu einem halben Jahr, ehe erstmals Geld fließt. „Für viele junge Ärzte ist das ohne Kredite unmöglich. Sie bräuchten gut 100.000 Euro, um eine Ordination eröffnen zu können“, sagt Vorbach: „Wer das hat, der geht eher nicht ins Waldviertel.“

Das hohe persönliche Risiko beim Gründen einer Ordination thematisiert auch Dietmar Stauffer, der weiß, wovon er spricht: Er hat 2016 in Gmünd gemeinsam mit seiner Gattin Ricarda die Praxis für Allgemeinmedizin und Gynäkologie für einen sechsstelligen Betrag neu aufgebaut. Hauptursache für einen Ärztemangel im niedergelassenen Bereich sei aber eine „unzureichende Honorierung“ der ärztlichen Leistungen.

„Damoklesschwert“ über Einzelleistungen

Fachkollege Thomas Schuller pflichtet ihm in dem Punkt bei: In Wien liege die Grundvergütung für Kassenärzte um ein Mehrfaches über Niederösterreich, das vor dem Burgenland die zweitschlechteste Dotierung Österreichs habe. 8,48 Euro betrage der NÖGKK-Standardtarif pro Besuch, rechnet Lungenfacharzt Vorbach vor. Für maximal elf Prozent der Patienten dürfe er bei längeren Arztgesprächen 4,11 Euro draufschlagen.
Damit muss auch Material, Miete, Personal und Steuer abgedeckt werden. Die NÖGKK stellte gegenüber der NÖN bereits klar, dass diese Ordinationspauschale nur einer von vielen Teilen sei, dazu kämen Grundvergütung und Zuschlag pro Erstkonsultation und Quartal sowie Honorare für Einzelleistungen.

Über zusätzlich verrechneten Leistungen schwebe aber immer ein Damoklesschwert, wirft Harald Vorbach ein: der Verdacht, vielleicht etwas verrechnet zu haben, das nicht geleistet wurde. „Die Honorarrechnung wird kontrolliert, auch durch Patientenbefragungen.“ Er findet, dass „eine Art Pauschale“ in Höhe eines durchschnittlichen Betrages klüger wäre und den bürokratischen Aufwand durch Prüfungen reduzieren würde.

„Verkäufer der eigenen Leistungen sein müssen“

Praktiker und Gynäkologe Stauffer ginge einen Schritt weiter: Derzeit gehe der Trend in Niederösterreich zunehmend zum Betreiben von Wahlarzt-Ordination parallel zur Anstellung in einem Spital – die ohne „Druck, ein Verkäufer seiner eigenen Leistungen sein zu müssen“, ein Gehalt mit Zulagen, Urlaubsanspruch, Urlaubs- und Weihnachtsgeld gewähre. Für eine Aufwertung der Kassenarzt-Stelle schlägt er ein Grundgehalt für niedergelassene Ärzte mit Option für Provisionen vor.

Bundesweit betreiben laut Ärztekammer mehr als doppelt so viele Fachärzte eine Wahlarztpraxis wie eine Kassenpraxis, Tendenz steigend. Die NÖ Ärztekammer führt den Ärztemangel primär auf „bürokratische Belastungen“ und zu wenige Studienplätze zurück – und warnt vor Pensionierungswellen.

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