Wegen Baustoffmangel: "Kampf um die Ressourcen". Knappheit betrifft viele Branchen und Materialien, auch das „Hamstern“ leistet dazu seinen Beitrag. Ein Rundblick zu Betrieben des Bezirkes.

Von Markus Lohninger und Anna Hohenbichler. Erstellt am 28. April 2021 (05:55)
Der Wirtschaftsmotor brummt dank durch die Bank starker Auftragslage, solange er mit Material gefüttert werden kann. Bei Asma – im Bild: Reinhard Haumer von der Werkstoff- Entwicklung – sind weltweite Engpässe und Teuerungen längst angekommen. Leyrer+Graf, Elk, Lohninger
Asma,, Asma,

War im Coronajahr 2020 teils der Zusammenbruch der Weltwirtschaft befürchtet worden, so schlug das Pendel in den ersten Monaten 2021 in die andere Richtung um: Die Betriebe des Gmünder Bezirkes beklagen nicht mehr nur hartnäckigen Fachkräftemangel, sondern auch den zunehmenden Materialmangel, der die Preise in die Höhe treibt – wenn überhaupt noch geliefert werden kann.

„Kampf um die Ressourcen.“ Von einem regelrechten „Kampf um die Ressourcen“ spricht der neue Geschäftsführer im Lagerhaus Gmünd-Vitis, Günter Zaiser, die Knappheit betreffe Roh- und Baustoffe genauso wie zunehmend auch Handelswaren. Bei Stahl, Hohlwänden oder Leimbindern seien fixe Preis- und Terminzusagen kaum mehr möglich, von Engpässen werde selbst für Computer und Notebooks aus der EDV-Abteilung berichtet. Und: „Bei elektrischen Rasenmähern bestehen teils Lieferzeiten bis in den September hinein.“ In einigen Fällen können wegen offener Fragen zur Verfügbarkeit der Ware keine Angebote gelegt werden. Noch profitiere man von der eigenen Lagerkapazität und langfristigen Lieferantenbeziehungen, teils könne man sich nach dem richten, was der Markt noch hergibt.

Leyrer+Graf „noch“ im gelben Bereich. „Massiv“ spürt seit einem Monat auch die Unternehmensgruppe Leyrer+Graf mit Sitz in Gmünd und 2.400 Beschäftigten die Engpässe, spricht CEO Stefan Graf von einer sehr herausfordernden Situation.

Stefan Graf (Leyrer+Graf): „Knappheit der Materialien wird ein Problemthema.“
NOEN

„Die Knappheit der Materialien wird definitiv zu einem Problemthema“, sagt er. Aber: „Wir haben zu unseren Lieferanten jahrelange, gute Beziehungen, der Mix aus Lagerhaltung und langfristigen Verträgen lässt uns noch im gelben Bereich agieren.“

Spürbar seien Engpässe in fast allen Bereichen der „wesentlichen preisbildenden Komponenten“ wie Stahl, Energie – von Treibstoffen bis zu erdölbasierten Dämmstoffen, Bitumen oder Asphalt. Auch Holz werde durch den „Rohstoffhunger“ vor allem in den USA knapp. Das bewirke, so Graf, Preissteigerungen und Verzögerungen: Vor allem bei Festpreis-Verträgen drohe ausführenden Unternehmen, auf den Mehrkosten sitzen zu bleiben. Bei Angeboten müssen die Steigerungen berücksichtigt werden, was ihm gerade im Bau – mit „sehr preissensitiven Kunden“ – Kopfzerbrechen bereitet.

Aus der Sicht von Stefan Graf resultiert die Entwicklung aus der Kombination von starker Stahl-Nachfrage in China, der Covid-19-Krise, Investitionsprämien, der anspringenden Konjunktur und der ohnehin immer mit Preissteigerungen verbundenen Sommerzeit – zwischen diesen Faktoren gebe es auch noch Wechselwirkungen.

Thomas Brandeis: „Der Optimismus ist zurückgekehrt!“ Grafs Ansicht teilt Geschäftsführer Thomas Brandeis bei Kunststoff-Spezialist Asma in Weitra. Er glaubt, dass die Knappheit auch durch Panik-Hamsterkäufe und Spekulationen in die Höhe getrieben wird. Und: „Bis Fabriken, die am Höhepunkt der Coronakrise abgebaut haben, wieder normal produzieren können, dauert es.“ Brandeis fürchtet, dass Preissteigerungen am Ende auch beim Konsumenten ankommen werden, sich die Teuerungs-Spirale danach weiter drehen wird.

Asma ist in allen Bereichen zwischen dem Chemierohstoff – mit Preisverdoppelung seit Jänner – und Metallen mit teils sogar fast dreimal so hohen Einkaufspreisen betroffen, für Seetransporte muss das Zehnfache von einst kalkuliert werden. „Wenn du einen Platz bekommst.“ Brandeis versucht, das Positive der Situation zu sehen: „Es bewegt sich was, der Optimismus ist in die Wirtschaft zurückgekehrt! Weil wir finanziell gut dastehen, konnten wir uns, als sich der Trend abzeichnete, mit Reserven eindecken. Teils ist es freilich ein Durchhanteln zwischen Alternativen.“

Talkner: Die Suche nach Alternativen beschäftigt auch Roman Demmer, Einkaufsleiter der Heidenreichsteiner Baufirma. „Wir probieren alles und können dank vorausschauendem Einkauf die Baustellen noch gut abdecken, es wird immer Wege geben. Aber es braucht sehr viel Fingerspitzengefühl, eine solche Situation hatten wir in 25 Jahren nie“, sagt er. Das Beteiligen an Ausschreibungen mit Baustart im Herbst ist schwer: „Wir haben keine Ahnung, ob wir da das nötige Material bekommen und zu welchem Preis.“ Das müsse in Angebote einfließen.

In Holz-Segmenten spricht er von Preissteigerungen um 30 bis 40 Prozent. Er glaubt, dass Engpässe auch in manchen Segmenten zwecks Preistreiberei vorgegaukelt werden. Oft müssten jedenfalls Lieferprobleme einkalkuliert werden: Auf Baustahlgitter wartet er jetzt drei bis vier Wochen statt zwei, drei Tage. „Kanalrohr-Hersteller nehmen keine Bestellung mehr an – in drei Wochen schauen sie weiter“, sagt Demmer: „Und wenn ich jetzt Fassaden-Dämmplatten bestelle, erhalte ich sie vermutlich im Juli zu einem Preis, den ich noch nicht kenne. Ich kann vom Kauf zurücktreten, aber dann habe ich kein Material…“

Schauplatzwechsel zu Fertighaus-Marktführer Elk in Schrems. Dort nennt Geschäftsführer Thomas Scheriau einen „Rekordausstoß“ von 4,5 produzierten Häusern pro Tag. Dem stehe eine „sehr angespannte Situation“ am Holz- und Holzwerkstoffmarkt sowie bei kunstsoffbasierten Produkten vom Unterputz bis zu Rohren & Kübeln sowie Dämmstoffen gegenüber. Auch die Partner im Unterbau seien stark von Preisanstiegen betroffen.

„Die Nachfrage hat in zu kurzer Zeit das Angebot überstiegen“, spricht Scheriau von bis zu 70 Prozent höheren Einkaufspreisen etwa bei Holz, die durch Optimierungen zu kompensieren sind. Weil: Elk bietet mit 18 Monaten ab Kaufdatum eine extreme Fixpreis-Garantie. Dabei hilft die langjährige Zusammenarbeit mit starken Partnern in Kombination mit langfristigen, an die Hauspreisbindung angepassten Verträgen, hält Scheriau fest. Auch deshalb sei das Fertighaus dank Kalkulierbarkeit, fixer Vorlaufzeiten und langfristiger Preise für Kunden die beste Antwort auf aktuelle Engpässe.

Eschelmüller steht zu Lieferanten „in guten und schlechten Zeiten“. In der Knappheit sieht auch die Litschauer Firma „Meisterdach Eschelmüller“, deren Belegschaft in zwei Jahren um ein Drittel auf 55 gewachsen ist, ihren aktuellen Plafond. Eine für Jänner zugesagte Hocharbeitsbühne ist immer noch nicht da. „Dämmstoffe, Holz, Bleche… das sind unsere größten Probleme. Die Versorgung mit Sandwich-Paneelen ist eine Katastrophe“, so Matthias Eschelmüller.

Gebe es Material, sei es plötzlich dreimal so teuer: „Unser Einkaufspreis liegt um 15 bis 20 Prozent überm Preis, zu dem er ursprünglich für den Verkauf kalkuliert war.“ Kunden müssten zum Risiko steigender Preise aufgeklärt werden. Auf einen Wettbewerb unter den Lieferanten lässt sich Eschelmüller nicht ein: „Wir stehen zu unseren zwei, drei Hauptlieferanten – in guten und schlechten Zeiten!“

Ob des Tischlers Pressspanplatten, des Fliesenlegers Silikon oder des Malers Dispersionsfarben: Das Thema Baustoffmangel werde immer präsenter, ziehe sich durch alle Branchen, fasst Jochen Flicker, Hafner und Fliesenleger in Alt-Nagelberg und WKNÖ-Spartenobmann für Handwerk und Gewerbe, zusammen. Schon im Herbst habe man auf Lieferungen länger warten müssen, weil auch Zulieferbetriebe mit geteilten Mannschaften arbeiten. Das sei verständlich, meint Flicker. Bloß: „In weiterer Folge könnte der Mangel gefährlich werden.“

Die Folgen? Dass sich Aufträge verschieben oder nicht gemacht werden können. Dabei komme es auf eine ehrliche Zusammenarbeit mit Kunden auf Augenhöhe an, betont er: „Man muss auf den Goodwill des Gegenübers vertrauen. Der Handwerker kann nichts dafür, wenn er die Materialien nicht hat. Ich rate dazu, mit offenen Karten zu spielen.“

Der Engpass beschäftigt auch die Planer. Der Baustoffmangel betrifft nicht nur Handwerker – er wird oft wesentlich früher beim Architekten zum Thema. „Wir können manche Projekte nur eingeschränkt oder mit zeitlicher Verzögerung realisieren. Auch die Preissteigerungen merken wir“, erklärt der Gmünder Architekt Gerhard Macho. Und Rudolf Schwingenschlögl: „Die Materialpreise explodieren.“ 

Sukzessive werde das Problem alle betreffen, greift Macho den Gedanken von Thomas Brandeis auf. „Die Frage ist, wie lange das anhält.“ Kurzfristiges Reagieren auf Knappheit sei meist schwierig, immerhin gebe es Vorlaufzeiten. Mittelfristig stünden hinter Fertigstellungsterminen und Preisen bei künftigen Aufträgen Fragezeichen. „Die Preissteigerungen sind eine große Herausforderung, besonders weil sie mehrere Baustoff-Posten betreffen. Das wirkt sich finanziell in der Gesamtsumme aus“, sagt Macho. Bedinge der Mangel einen Lieferverzug, sei das teils auch eine rechtliche Angelegenheit wegen vertraglicher Bindungen. „Bei künftigen Projekten muss man wohl mehr Zeit einplanen, Bauvorhaben werden dann länger dauern“, meint er.

Eaton kommt „relativ gut durch die Zeit“. Vergleichsweise unaufgeregt kommt indes Eaton Industries in Schrems durch die Krise innerhalb der Krise. „Wir arbeiten etwas intensiver an der Versorgung, manövrieren uns aber relativ gut durch die Zeit – auch dank der globalen Aufstellung des Unternehmens“, sagt Werksleiter Thomas Graf.

Eaton-Werksleiter Thomas Graf ist dank eines globalen Netzes noch einigermaßen entspannt.
NOEN

Der Bauboom kurbelt freilich auch die Nachfrage nach den in Schrems entwickelten und gefertigten elektromechanischen Komponenten wie Fehlerstrom- bzw. Leitungsschutzschalter an. Seit Februar sei die Belegschaft daher um etwa fünf Prozent gewachsen, habe die Marke von 700 Beschäftigten wieder überstiegen, freut sich Graf. Vor allem: „Wir suchen immer noch zusätzliche Mitarbeiter.“

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