Wirbel um Lkw schaukelt sich auf . Proteste gegen zunehmende Lkw-Belastung treiben immer mehr Orte im Bezirk Gmünd auf die Barrikaden, Altbürgermeister droht mit Aktionismus.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 16. September 2020 (02:28)
Die Bundesstraßen-Kreuzung von B2 mit B30 bei Schrems-Kottinghörmanns wurde durch den umstrittenen, inzwischen bereits recht fortgeschrittenen Ampelbau zum Symbol der zunehmenden Verkehrsbelastung. Das Bild des leeren Holztransporters, der aus Tschechien Nachschub holt, ist längst keine Ausnahme mehr.
Karl Tröstl

Proteste gegen zunehmenden, zu schnellen Durchzugs-Schwerverkehr im Bezirk Gmünd, über die die NÖN mehrfach berichtet hat, schaukeln sich allmählich auf. Reingers machte den Anfang, in Amaliendorf-Aalfang ist nun eine Unterschriften-Aktion angelaufen, in Kirchberg hat sich eine überparteiliche Initiative gebildet, in Schrems steigen mehrere Ortschaften auf die Barrikaden, und aus Heidenreichstein schaltete Altbürgermeister Hans Pichler die Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner mit der Bitte ein, den Kampf gegen die Umwelt-, Straßen- und Gesundheitsbelastung durch vorwiegend Holzimporte zur „Chefsache“ zu machen. Sein Fazit: „Es reicht!“

Nadelöhre in der Mitte

Probleme werden praktisch von allen Einzugsschneisen aus Südböhmen in den Bezirk und weiter in Richtung Zwettl oder Horn gemeldet. Ein Strang führt auf dünner, desolater Straße an der B5 direkt durch Grametten, Illmanns, Eisgarn und Heidenreichstein in die B30 nach Aalfang und Langegg bis Schrems, wo es gemeinsam mit dem Schwerverkehr aus Richtung Neu-Nagelberg gen Süden oder Osten geht – wahlweise über Langschwarza und Vitis oder über Pürbach, Fromberg und Kirchberg nach Zwettl.

Ein NÖN-Leser aus dem Bezirk Waidhofen meldet das gleiche Problem von der L67 bzw. B36 zwischen Fratres, Dobersberg, Thaya und Waidhofen nach Vitis, wo sich die Lkw Richtung Horn oder Zwettl aufteilen.

„50 bis 70“ Holzlaster pro Tag in der Burgstadt

Hans Pichler fordert Bürgermeister-Konferenz zum Thema.
Archiv

Alleine für die Stadt Heidenreichstein spricht Altbürgermeister Pichler in einem Schreiben auch an Bezirkshauptmann Stefan Grusch sowie die Obleute der Gemeindevertreterverbände Margit Göll (ÖVP) und Karl Harrer (SPÖ) von 50 bis 70 Holztransportern pro Tag. Viele Bürger seien nicht mehr bereit, diese Belastungen zu ertragen: „Der, der Geschäfte macht und Gewinn erzielt, hat auch dafür zu sorgen, dass die Umwelt, die Menschen nicht belästigt werden!“ Wenn Reden alleine nichts bringt, will er zu gezieltem Aktionismus übergehen.

VP-Göll: „Verlust an Lebensqualität.“

VP-Abgeordnete Göll bestätigt gegenüber der NÖN zunehmenden Unmut. „Für viele ist die Situation mittlerweile unerträglich. Wenn der Lkw-Lärm täglich um 3 Uhr morgens losgeht, dann ist das einfach ein Verlust an Lebensqualität“, sagt sie. Sie gebe alle Beschwerden ans Büro von Mobilitätslandesrat Ludwig Schleritzko (ÖVP) weiter, spreche auch mit dem zuständigen Sachbearbeiter. Göll: „Aber zuerst brauchen wir einmal stichhaltige offizielle Zahlen. Von der Straßenmeisterei Schrems habe ich jetzt zum Beispiel die Zusage, dass das Verkehrsmessgerät, sobald es frei ist, in der Pürbacher Durchfahrt aufgestellt wird.“ Auch dort brennt mittlerweile der Hut.

„Dann schlägt es 13.“

An der B2 bei Langschwarza ist das Zählgerät laut dem dortigen Bürgermeister Harrer zur Zeit des Corona-Lockdown gestanden, er hält die Zahlen daher für kaum verwertbar. „Vorige Woche kamen mir aber zu Mittag in zehn Minuten zwischen Eugenia und Heidenreichstein gezählte 20 Lkw – die Hälfte davon Holzlaster – entgegen! Das ist ein Horror auch für Schrems und Langschwarza, wo wir seit eineinhalb Jahren auf ein Radargerät warten“, klagt Harrer: „Die Leute sind schon echt grantig. Wenn erst einmal die B36 zwischen Vitis und Zwettl ausgebaut ist und Kirchberg ein Lkw-Verbot erhält, muss der komplette Schwerverkehr durch Langschwarza. Dann schlägt es dort 13.“

Des einen Freud, des andren Leid

Die B36 wird ja wie berichtet zwischen Vitis und Großhaslau auf 8,6 Kilometern ortsdurchfahrtsfrei, die Fertigstellung des 60-Mio.Euro-Projektes wird für 2024 anvisiert. Während das Datum aufgrund der erwarteten Mehrbelastung an der B2 gefürchtet wird, ist es für Anrainer an der L68 zwischen Schrems, Kirchberg und Großhaslau noch zu fern. Daher formiert sich jetzt auch dort Widerstand.

Karl Kaufmann koordiniert überparteiliche Initiative in Kirchberg.
NOEN

In Kirchberg hat sich um Gastro-Legende Karl Kaufmann eine Initiative gebildet, die das Stimmungsbild in der Bevölkerung hinsichtlich Pkw- und Lkw-Belastung einfangen will, erste Forderungen formuliert und mit dem Sammeln von Unterschriften begonnen hat.

Politik draußen lassen

„Ich war in kurzer Zeit in 40 Häusern. Überall wird über heuer stark gestiegenen Schwerverkehr vor allem durch Holztransporter geschimpft“, sagt Kaufmann. Mitmachen kann jeder, solange er die Politik raushält: „Vor 15 Jahren ist unter einem SPÖ-Vizebürgermeister unglaublich viel passiert, die Sache wurde aber in der schwarzen Gemeinde politisch ad acta gelegt. Es muss diesmal unpolitisch sein – sonst wird es wieder nichts.“

Zwei Treffen der Gruppe, die auch auf andere Orte ausstrahlen will, gab es bereits, das dritte ist für 26. September im Hamerlinghaus geplant. Aktuell gefordert werden unter anderem ein Nachtfahrverbot für Lkw über 7,5 Tonnen, Tempo-30 an allen Durchzugsstraßen im Ortsgebiet, Radarmessung und mittelfristig eine Umfahrung. Und, so Kaufmann: „Wir wollen, dass das frühere Goodwill-Abkommen mit Hintransporten über unsere Trasse und Retourwege über die Vitiser Seite wieder aufgenommen wird.“

Ärger, aber auch Verständnis für Wirtschaft

VP-Bürgermeister Karl Schützenhofer unterstützt die Initiative. Stark erhöhtes Lkw-Aufkommen störe auch ihn, zumal die Gemeinde durch Sperren der Grenzübergänge Gmünd und Fratres bzw. der Verbindung Heidenreichstein-Vitis heuer viel Fett als Ausweichroute abbekommen habe. Aber, so Schützenhofer: Ihm wäre unwohl dabei, das Problem der eigenen Gemeinde zu lösen und dabei den Schwarzen Peter anderen Orten zuzuspielen, entlang der B2 und B36 sei der Verkehr jetzt schon stärker. Auch zusätzliche Belastungen für Lkw hält er für keine Lösung, „sie fahren ja, weil wir eben große Sägewerke und Transportbetriebe in der Region haben, die viele Jobs haben und wirtschaften müssen“.

Schützenhofer sieht als besten Weg, beim B36-Ausbau aufs Tempo zu drücken und dann auf das Lkw-Verbot im Ort zu drängen. Kurzfristig will er durch Anschaffung von Tempo-Anzeigern für die Gemeinde das Drosseln des Tempos bei Lkw- und Pkw-Lenkern einmahnen.

SP-Schindl: Problem ist jetzt da, muss jetzt gelöst werden

Schützenhofers Amtskollege in Amaliendorf-Aalfang, Gerald Schindl (SPÖ), bekräftigt, an der dort von Privaten organisierten Unterschriften-Aktion als Erster teilgenommen zu haben. Er stehe hinter den Interessen der Wirtschaft, „aber diese dürfen nicht zulasten der Bevölkerung gehen“.

Die Gemeinde unterstütze die Aktion daher so weit wie möglich, mit allen denkbaren Mitteln. Die Zeit der ewigen Zählungen, Messungen und Verhandlungen müsse endlich vorbei sein, sagt er: „Wir kennen die Probleme seit Jahren, trotzdem ist nichts passiert. Die Situation ist jetzt nicht mehr zumutbar, daher müssen wir jetzt handeln und dürfen nicht aufhören, ehe es eine Lösung gibt.“

Kein Thema für Bürgermeisterkonferenz

Bezirkshauptmann Stefan Grusch: Absage an Altbürgermeister Pichler.
NOEN

Der Forderung Pichlers, den Verkehr zum Inhalt einer Bürgermeisterkonferenz zu machen, kommt Bezirkshauptmann Stefan Grusch nicht nach. „Wir können über die Umsetzung von Vorschlägen diskutieren, aber nicht über Ideen. Zuerst müssen Lösungswege auf den Tisch, die mit Interessensgruppen und Zahlern abgesprochen sind“, sagt er. Die Straße sei an sich ja auch für Lkw da, und: „Holztransporte fallen aus Transitverboten. Die Verwaltung hat nicht die Frage zu beantworten, wo konkret verkehrt wird – wir müssen schauen, dass Fahrzeuge möglichst sicher und reibungslos durch die Straßenzüge des Bezirkes kommen.“

Daher habe die Polizei die Order für verstärkte Tempomessungen. Zudem werde zur technischen Kontrolle einreisender Lkw auch immer wieder der Prüfzug des Landes an der Grenze postiert.