Wohnen am Land: Rekordplus an neuen Nebenwohnsitzern

NÖN-Rundruf bei den 21 Gemeindeämtern des Gmünder Bezirkes zeigt für 2021 erstaunliche Entwicklungen der Einwohnerzahlen.

Erstellt am 12. Januar 2022 | 05:11
Lesezeit: 5 Min

Während die Hauptwohnsitzer im Gmünder Bezirk trotz bereits kräftigem Zuzug immer weniger werden, gibt es ein Rekordplus an Nebenwohnsitzern: Per 31. Dezember 2021 kommen auf nur noch 36.158 Hauptwohnsitzer (-168) bereits 10.569 Nebenwohnsitzer – ganze 1.001 mehr als im Jahr davor, und 1.715 mehr als noch Ende 2019! Der Zuwachs für 2021 übersteigt etwa jenen in der Landeshauptstadt St. Pölten ums Vierfache.

Prozentuell am stärksten fiel das Plus in den Gemeinden Hirschbach (25,2%), Kirchberg (22,1%) und St. Martin (19,1%) aus – bei geringen Ausgangsniveaus. In „Köpfen“ machte sich der Trend am stärksten in Großdietmanns (+66), Weitra (+79), Schrems (+90), Gmünd (+106), Heidenreichstein (+144) und der traditionellen Nebenwohnsitzer-Hochburg Litschau (+142) bemerkbar.

Kaufen in dem Sinn können sich die Gemeinden darum wenig

Zweitwohnsitzer leisten ihren Beitrag für Kanal, Wasser oder Müll, viele beleben an Wochenenden den Ort, engagieren sich dort gesellschaftlich. Aber: Nur Hauptwohnsitzer spülen über den Finanzausgleich Ertragsanteile aus Bundeseinnahmen für die Bewältigung der alltäglichen Aufgaben in die Gemeindekassen. Hauptwohnsitzer wurden im von Überalterung und stark negativer Geburtenbilanz geprägten Bezirk vor allem in Gmünd-Stadt (-66), Litschau (-51), Moorbad Harbach (-49) oder Schrems (-32) weniger. Das tut doppelt weh: Für größere Gemeinden gibt es auch pro Kopf (!) höhere Ertragsanteile. 2019 gab es etwa in den größten Gemeinden des Bezirkes Gmünd nicht ganz 900 Euro pro Kopf vom Bund, in St. Pölten mehr als 1.300.

Wohnsitze Bezirk Gmünd
Foto: NÖN/Gemeinden; Illustration: Viktoria Kurpas/shutterstock.com; NÖN-Grak: Gastegger

Das schmerzt insofern, als Wien mit dem ab März flächendeckenden „Parkpickerl“ massiv Hauptwohnsitzer aus dem Land absaugt. Zugleich wird da wie dort auch von Zuzug neuer Wochenend-Waldviertler berichtet: Wohnungen, Häuser, Baugründe – alles geht weg und wird auch bebaut, sagen etwa Litschaus Bürgermeister Rainer Hirschmann (ÖVP), Gerhard Kirchmaier (SPÖ) für Heidenreichstein oder der Schremser Stadtchef Peter Müller (SPÖ). „Das sind Auswirkungen der Pandemie“, sagt Müller: „Die Lebensqualität gewann an Bedeutung, wurde im Waldviertel zum Beispiel durch Homeoffice bei Verwandten oder Urlaube in Österreich stärker wahrgenommen.“ Mittelfristig könnten neue Zweit- auch zu Hauptwohnsitzern werden, denkt Kirchmaier – „wenn es beruflich und mit Familien gelingt, ganz hier Fuß zu fassen“. Glasfaser ist da ein Argument.

Infrastruktur muss auch für Zweitwohnsitzer in Schuss gehalten werden

Litschau hatte mit 1. Jänner auch wegen massiv gestiegener Todesfälle und wenigen Geburten nur noch 2.146 Hauptwohnsitzer – halb so wenig wie vor hundert Jahren, und weniger als die Marktgemeinde Großdietmanns. Dass im Pflegeheim aus Personalnot Zimmer vorübergehend leer stehen müssen, kostet Litschau aus Umlandgemeinden zuziehende Einwohner, im Umland stiegen auch deshalb die Zahlen.

Die Hälfte der 1.382 Litschauer Zweitwohnsitzer ist in Wien hauptwohnsitz-gemeldet, zumindest ein Drittel davon alleine wegen des Parkpickerls, denkt Hirschmann. Die Schwierigkeit: „Auch viele Freunde haben hier ihren Nebenwohnsitz gemeldet, weil der Lebensmittelpunkt eben wirklich nicht in Litschau ist. Dennoch verbringen sie jedes Wochenende heroben.“ Infrastruktur muss man für sie somit genauso in Schuss halten, auch wenn es dafür kein Geld aus dem Finanzausgleich gibt. Hirschmann versteht daher zuletzt gekommene Forderungen, dieses Ungleichgewicht zu beheben. Bloß: „Wo sollte da konkret angesetzt werden?“

Verfügbarer Wohnraum als große Hürde – vor allem in der Stadt Gmünd

In Litschau, wo 2021 alle von der Gemeinde angebotenen Baugründe weggingen, wird wie berichtet die Parzellierung angekaufter Gründe vorbereitet, am Föhrenweg sind zudem Genossenschafts-Mietwohnungen geplant. „Eine Reihenhaus-Siedlung wäre auch super“, sagt Hirschmann: „Man muss alle Optionen anbieten.“

Das sieht Bürgermeisterin Helga Rosenmayer (ÖVP) für Gmünd genauso. Auch, weil es hier hinsichtlich Wohnraum da wie dort massiv zwickt, hat die Bezirkshauptstadt in fünf Jahren 337 Hauptwohnsitzer verloren, mehr als jede andere Gemeinde im Bezirk (Heidenreichstein -248, Schrems -160, Litschau -159, Brand-Nagelberg -128, Weitra -88, St. Martin -83). Rosenmayer erwartet aber einen Aufwärtstrend: Sie verweist auf zwei geplante Genossenschaftsprojekte mit Miet- und Eigentumsoption von 2-Parteien-Haus bis Wohnblock. Mit dem größten Anbieter von Genossenschafts-Wohnraum in der Stadt gebe es zudem nach früheren Reibereien nun „einen guten Austausch“. Der Verkauf der Villenkolonie aus ÖBB-Besitz wird nach Jahren des erzeugten Leerstands ein Thema. Baugründe werden laufend geschaffen und verkauft, zudem wurden im Herbst alle privaten Besitzer unbebauter Gründe kontaktiert – Rosenmayer: „Um auszuloten, ob ein Kauf und späterer Weiterverkauf durch die Gemeinde möglich ist.“

Unverkäufliche private Gründe plagen auch Heidenreichstein, Schrems will Siedlung schaffen

Gerhard Kirchmaier schrieb genauso die Eigentümer unbebauter Gründe an, „der Zuspruch war enden wollend. Die meisten wollen ihn für nächste Generationen behalten – dabei fehlt bereits Kindern Weggezogener meist der Bezug. Uns fehlen aus dem späten 20. Jahrhundert zwei Generationen – das zieht sich vom Gemeinderat bis in die Pfarre.“ Laufende Nachfragen nach Bauplätzen – vor allem von Jungen – können nach dem Verkauf der letzten Parzellen auch in den Edlaugründen nicht mehr bedient werden, ein letztes Gebiet kann hier laut Kirchmaier noch freigegeben werden. In der Katastralgemeinde Seyfrieds hofft er auf das Okay vom Land NÖ für einzelne neue Baugründe.

In Schrems gehen langsam die Flächen im Wohnpark – einem echten Erfolgsprojekt, wo die WAV wie berichtet die nächsten Häuser baut und ein weiteres Projekt vorbereitet – aus. In den meisten Ortschaften der Flächengemeinde wird laufend Bauland geschaffen und bebaut, für die Stadt spricht Peter Müller von Verhandlungen über „acht bis neun potenziell neue Bauplätze“.

Gewinner: Amaliendorf & Harbach

38 mehr Hauptwohnsitzer als Anfang 2021 sind in Amaliendorf-Aalfang ein Plus um 3,5 Prozent – der Höchstwert im Bezirk. Bürgermeister Gerald Schindl (SPÖ) führt ihn auf den neuen Genossenschafts-Bau und rege Nachfrage „vieler junger Familien“ nach Baugrund zurück – die erfüllt werden kann: Die Hälfte der 30 neuen Parzellen in Oberaalfang ist weg. „Großteils neue Hauptwohnsitzer“, sagt Schindl: „Im Kindergarten bahnt sich eine dritte Gruppe an, der Bestand in der Volksschule ist sicher.“

„Gewinnerin“ im 10-Jahres- Vergleich ist indes die Gemeinde Moorbad Harbach trotz einem leichten Minus im Vorjahr. Neben Eisgarn (+4,2%) ist es die einzige Gemeinde überhaupt mit einem Hauptwohnsitzer-Plus zwischen 2011 und 2021, deren Zahl stieg in der Zeit um 6,8 Prozent auf 721. Bürgermeisterin Margit Göll (ÖVP): „Es gibt laufend Anfragen, Zuzug und natürlich einen Wechsel – auch wegen des Kurhaus-Personals.“

Mitarbeit: Susanne Hoffelner