Zeitzeugin berichtet: „Wir hatten nichts mehr“

Helene Horvath über die Bomben auf Gmünd und die Zeit nach dem Krieg.

Erstellt am 07. Mai 2020 | 04:02
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Bombenangriff auf Gmünd bzw. das heutige České Velenice (Bahnhof) am23. März 1945.
Foto: Stadtarchiv Gmünd

Und plötzlich war alles weg. „Es war ein Freitag. Wir waren wegen der Bombenangriffe schon im Keller, da ist der Polizist Kautzky gekommen und hat uns geraten, dass wir fliehen sollen, weil die Tiefflieger kommen. Wir sind sofort losgerannt über die Bleyleben geflüchtet.“ Es war das letzte Mal, dass Helene Horvath das Haus in der Konrad-Henlein-Straße in „Gmünd III“ (heute: České Velenice), in dem die damals Zehnjährige mit ihrer Mutter gewohnt hatte, gesehen hat. Beim Bombenangriff auf Gmünd am 23. März 1945 wurde es völlig zerstört. Die beiden kamen mit dem Leben und ihrer Kleidung am Leib davon.

„In der Bleyleben sind wir dem Kreisleiter in die Hände gelaufen, der hat noch hämisch gefragt, warum wir so laufen, es sei doch nichts passiert.“ Während die Mutter versuchte, in der Mexiko-Siedlung eine Wohnung zu finden, verbrachte Helene Horvath die nächste Zeit bei den Großeltern in Witschkoberg (heute: Halámky). „Der Schock, dass wir auf einmal gar nichts mehr hatten, saß so tief, dass ich mit niemandem reden konnte, sofort zu schreien begonnen habe.“ In Witschkoberg erlebte sie auch das Ende des Krieges mit. „Erst ist ein Meer von Radfahrern, alles deutsche Soldaten, vorbeigefahren. Später sind hinten nach die russischen Panzer gerollt. Und währenddessen ist im Wald hinten die SS vorbei gezogen.“

Vater und erster Bürgermeister

Mitte Mai kam sie wieder zu ihrer Mutter nach „Gmünd II“ (Neustadt). Da war auch ihr Stiefvater Franz Fuchs („So hatte ich ihn nie gesehen. Er war so herzlich zu mir.“) bereits wieder zur Familie zurückgekehrt. Während des Bombenangriffs war der Eisenbahner in Jugoslawien arbeiten. „Er war politisch verfolgt“, sagt Horvath. Nach einer Rauferei mit einem SS-Mann Tröstl im Gasthaus Hofenstöck wurde er 1941 festgenommen. „Kurzzeitig hieß es, er muss nach Dachau.“ Das KZ blieb Fuchs nach einer Unterredung mit Gauleiter Jury erspart, aber er musste Gmünd verlassen – landete in der Nähe von Laibach.

Die Nazis auf den Knien

Nach dem Krieg zog er zu Frau und Tochter in deren 27m 2 -Wohnung. „Die Matratzen haben sie aus dem Schutt des zerbombten Hauses ausgegraben. Meine Mutter ist zeitweise nach Lembach zum Erdäpfelgraben gegangen, damit wir ein bisschen etwas zu Essen hatten. Später ist meine Tante aus Beinhöfen (heute: Dvory nad Lužnicí) mit Familie bei uns eingezogen. Sieben Leute in der kleinen Wohnung!“

Kurz darauf wurde Franz Fuchs zum ersten Gmünder Bürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg ernannt (siehe S. 2/3). „Vor unserer Wohnung sind die Nazis dann Schlange gestanden, haben sich vor meinem Vater hingekniet und ihn angefleht: ‚Franz, kannst du dich nicht erinnern? Wir kennen uns doch. Ich bin ja gar kein Nazi.“, erinnert sich Horvath. „Aber vorher haben sie ihn verfolgt…“

Nach wenigen Monaten war Fuchs wieder Eisenbahner. Die 1934 in Prag geborene Helene Horvath wuchs im heutigen Halámky auf, kam in den 1940ern nach Gmünd III. „Damals habe ich kein Wort Deutsch gesprochen.“ Sie machte am Stadtplatz eine Lehre zur Kauffrau im Kaufhaus Buchhöcker (heute: Hopferl). 1955 zog sie nach Wien, arbeitete in einer Feinkosthandlung und dann 30 Jahre als Verkäuferin bei Meinl. „Ich bin seit 55 Jahren in Wien, aber mich zieht‘s immer noch ins Waldviertel“, sagt sie. So wie diese Woche, wenn sie die Gräber ihrer Eltern besuchen will.