Bezirkshauptmann: „Bitte halten wir jetzt noch durch“. Gmünds Bezirkshauptmann Stefan Grusch ortet wachsende Unruhe: Appell vor Jahrestag des ersten Lockdowns an die Geduld der Bevölkerung.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 04. März 2021 (03:11)

Das erste Jahr der covid-bedingten Einschränkungen und Ärgernisse geht allmählich zu Ende, und im Gmünder Bezirk wird der Bevölkerung immer noch sehr hohe Disziplin im Umgang mit den verordneten Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus attestiert. Aber: Die Ungeduld wächst, die Behörde sieht sich mit nachlassendem Verständnis konfrontiert.

„Zielgerade ist in Sicht.“

„Es geht leider immer weniger um den Schutz anderer und immer mehr um persönliche Freiheiten“, bedauert Gmünds Bezirkshauptmann Stefan Grusch. Auffällig zeige sich das aktuell etwa bei Quarantäne-Aufforderungen für Schulklassen nach Infektionen. Kaum sei der Absonderungs-Bescheid draußen, kämen schon die ersten Mails. „Da heißt es dann zum Beispiel, mein Sohn war‘s gar nicht, er trägt immer die Maske, wieso muss das sein und wo steht das…“, sagt Grusch. Die Polizei sei angehalten, die Einhaltung von Quarantäne-Bescheiden dort gezielter zu kontrollieren, wo ein Nichteinhalten zu befürchten ist.

Die wachsende Unruhe ist für den Bezirkshauptmann nachvollziehbar. Covid beeinflusst erwartungsgemäß seit einem Jahr auch seinen Beruf und seine Freiheiten, das gehe längst auch ihm massiv auf die Nerven. Dennoch richtet er einen klaren Appell an die Bevölkerung: „Wir müssen da jetzt einfach durch. Bitte halten wir jetzt noch durch, die Zielgerade ist in Sicht!“

Litschauer Cluster zeigte Vorteil von Impfung

Das verkorkste Impfthema hat natürlich gerade im Gmünder Bezirk einigen Staub aufgewirbelt und tut das immer noch, wie anhaltende Beschwerden auch bei der NÖN dokumentieren. Grusch rechnet aber mit einem starken Impf-Aufkommen in den Monaten April, Mai und Juni – und danach mit einer Beruhigung der Situation. Weil: Gerade der Cluster im Litschauer Pflegeheim mit mehr als 20 infizierten Bewohnern und Betreuern habe vor Augen geführt, dass die Covid-Impfung nicht fix vor Infektionen und Übertragungen schützt, habe zugleich aber die Wirkung des Impfstoffes aufgezeigt. Grusch: „Hier hat sich in einer Risikogruppe klar bestätigt, dass die Impfung die Gefahr von schweren Krankheits-Verläufen mit Spitalsaufenthalten ganz stark reduziert.“ Er spricht von überwiegend milden Verläufen.

Laufend Schulen und Kindergärten betroffen

Insgesamt sank die Zahl der Infizierten im Bezirk im Lauf der Vorwoche leicht, blieb aber im dreistelligen Bereich und kletterte zum Wochenstart auf 120 hoch. Zugleich sprengte die Zahl der Personen in Quarantäne schon vorm Wochenende die 300er Marke. Ein Grund dafür liegt eben primär bei Infektionsfällen in Schulen und Kindergärten, sagt Bezirkshauptmann Grusch: „Weil teils der Verdacht auf mutierte Varianten des Coronavirus mit relativ hoher Infektiosität besteht, bedarf es einfach eines sehr konsequenten Vorgehens.“

Alleine in der Stadt Gmünd sind Volks- und Mittelschulklassen sowie die komplette Sonderschule betroffen – wobei in Unterstufen dank tageweisem „Schichtbetrieb“ nur Halbklassen zuhause bleiben, es zur anderen Klassenhälfte keine physischen Kontakte gibt.

Am Montag traf es unter anderem beide Kindergarten-Gruppen in Alt-Nagelberg.

Bis zu elf Infizierte in einer Familie

„Schulen und Kindergärten sind leider ein Hauptthema. Infizierte Schüler sind großteils ohne Symptome, können aber still weiter infizieren“, räumt Grusch ein: „Genau deshalb bewähren sich regelmäßige Schultests.“ Bis eine Infektion festgestellt wird, kann diese aber schon munter gestreut haben – vor allem innerhalb von Familien, die Grusch immer noch als eklatanteste Infektionsherde im Bezirk sieht. „Erwischt es ein Mitglied, dann erwischt es vielfach innerhalb kurzer Zeit die ganze Familie“, sagt er. Mehrere große Familien seien im Bezirk betroffen, in einem Familienverbund zählt die Behörde gar elf aktuell Covid-Infizierte.

Kaum Folgen von Lockerungen bei Handel & Dienstleitern

In den Bereichen Handel und körpernahe Dienstleistungen blieben die Lockerungen nach dem dritten scharfen Lockdown laut Bezirkshauptmann Stefan Grusch zumindest im Gmünder Bezirk weitgehend ohne harte Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen: „Bis jetzt gibt es keine Hinweise auf gravierende Infektionsketten im Zusammenhang mit diesen Bereichen.“ Diese Zwischenbilanz hat insofern Gewicht, als Grusch von einer immer noch hohen Zuordnungsrate von Infektionswegen spricht.

Seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie sind im Bezirk bei 36.300 Einwohnern über 1.950 Infizierte registriert, 44 verstarben Behördenangaben zufolge im Zusammenhang damit.