Ein Verkaufs-Hit wird 30. Waldviertler / 1984 wurde die Waldviertler Schuhwerkstatt als Sozialprojekt gegen die Arbeitslosigkeit geschaffen. 30 Jahre später beschäftigt sie in Schrems 170 Mitarbeiter.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 15. April 2014 (09:11)
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Edith Kropacek aus Neukottinghörmanns, Schuhwerkstatt-Lehrling fast der ersten Stunde mit einer Nähmaschine aus ähnlicher Generation, und Firmenchef Heini Staudinger mit 30 Jahre altem „Kommod Classic“.ml

SCHREMS / Einer klagte über die Arbeitslosigkeit im Waldviertel, der Andere über Lieferschwierigkeiten seines „Earth Shoes“-Lieferanten (mit tiefer gestellter Ferse) aus Dänemark. „Wir waren naiv genug zu glauben, dass mein Problem mit ein paar arbeitswilligen Arbeitslosen gelöst sein würde“, schmunzelt Heini Staudinger, damaliger Schuh-Händler in Wien, heute.

Der Andere: Karl Immervoll. Den späteren Initiator aus Heidenreichstein hatte Staudinger als Religionslehrer der Schuhmacher-Berufsschule Schrems kennengelernt, beide tüftelten an einem „selbstverwalteten“ Betrieb mit Heinis Gea-Shop als Fixabnehmer. 1984 wurden in Schrems erste „Waldviertler“ erzeugt. Heuer feiert die Firma ihren 30er – mit 170 Arbeitskräften in Schrems und einem international nachgefragten Markenprodukt, das einer ganzen Region ein Gesicht gibt. Und der „Kommod Classic“, der Idee des Earth Shoe – den gesunden Gang zu fördern – nachempfundener Schuh der ersten Generation, existiert immer noch: als fixes Angebot sowie als seit 30 Jahren getragener Schuh, der alle paar Jahre beim „10.000-Kilometer-Service“ in der Schuhwerkstatt aufgepäppelt wird.

Gründungsvater Immervoll hat sich 1991 vom operativen Geschäft zurückgezogen. „Wir werden ihn immer ehren und würdigen“, sagt Staudinger.

Existenzkampf pur: Ein neuer Chef zum Nulltarif

Der Höhenflug war in der Anfangszeit nicht zu erträumen. Edith Kropacek, die hier 1986 die Schuhmacher-Lehre begann, erinnert sich an harte Zeiten. „Als im 87er-Jahr Schilder mit ‚Eigentum der Raiffeisenbank‘ an den Maschinen angebracht wurden, da hab ich gewusst, was es spielt“, spricht sie den Existenzkampf der ersten Jahre an: „Wir haben uns aber immer weiterentwickelt – ich mit der Firma und die Firma mit mir.“

Richtig los ging es Mitte der 1990er-Jahre. 1991 verkauften die Schuster Schulden und Firma zum symbolischen Preis an Staudinger und Geschäftsführer Gerhard Benkö. 1994 hörte Benkö auf; seither liegen Produktion und Verkauf in der Hand Heini Staudingers. „Es gab kein Geld für einen Geschäftsführer. Ich konnte als Einziger ohne Lohn für die Schuhwerkstatt arbeiten, weil ich vom Verkauf lebte“, erklärt er seine späte Berufung zum Schuherzeuger, als der er bekannt wurde – obwohl er jetzt auch Möbel herstellt.

Die 20 Jahre unter dem unbeugsamen Staudinger wurden zur Erfolgsgeschichte. 1994 erzeugten zwölf Mitarbeiter 50 Paar Schuhe pro Tag und erwirtschafteten einen Jahresumsatz von 300.000 Euro. Das nun 170- köpfige Schremser Team produziert 400 Paar Waldviertler täglich und schafft einen Jahresumsatz von 17 Mio. Euro. – 70 Prozent davon machen die 200.000 verkauften Paar Schuhe aus, der Rest entfällt auf Matratzen, Möbel und Gea-Akademie.

Möbel-Prototypen werden in Schrems gefertigt, erzeugt wird im Waldviertel, Oberösterreich, Slowenien und Bulgarien (beim Bruder eines Schremser Mitarbeiters). Schuh- und Gea-Möbelwerkstatt wurden 2006 zu den „Waldviertler Werkstätten“.

Staudingers Erfolgsrezepte gehen über seine Firmengrundsätze (etwa: „Scheiß di ned au“) hinaus. Eines ist die Vereinigung von Erzeugung und Handel – zum Schutz der Produktion vor Machtspielchen der Handelsriesen. Als die Handelsfirma indes 1997 ihre Krise hatte, da half die Produktion in ihrem ersten starken Jahr aus. Auch in der Werbung zahlte sich die Kombination aus. Staudinger: „Bis 1997 hat meine Handelsfirma weitgehend die Werbung der Waldviertler finanziert. So wurde ein solider Schuh zum Markenschuh. Es braucht die Kommunikations-Leistung – wir überleben nur, weil Menschen bereit sind, den Preis zu zahlen, den ein gutes Produkt kostet!“

Zum guten Produkt gehört die Qualität. „Sparen wir im Einkauf 20 Schilling pro Schuh, dann gewinnen wir den Preiskampf auch nicht. Also kaufen wir die besten Materialien und knöpfen erfahrenen Schuhmachern Know-How ab.“

„Funktionierendes Dorf“ in der Schremser Stadt 

 

Wichtig ist dem Selfmade-Schuhfabrikant auch die Durchmischung der Belegschaft. „Es war ein Arbeitsprojekt für Leute, die‘s schwer haben. Es braucht aber daneben auch Leute, die fit sind“, philosophiert er. „Jetzt arbeiten viel mehr Leute, die‘s schwer haben, aber auch Hochqualifizierte in Controlling oder EDV. Das brüderliche Nebeneinander ist etwas Beglückendes.“

In der Firma seien nun viele Teile einer gesunden alten Dorfstruktur vereint: Schuhe, Matratzen, Taschen, Tischler, Elektriker, Schlosser, Koch, Lehrlinge, Hotel, Wirtshaus (das ab Mai mit neuem Pächter wieder startet), Ausbildung und ein Photovoltaik-Fokus, mit dem man einst der Zeit voraus war. Selbst Dorfälteste gibt es – 2013 kehrte der erste Geschäftsführer Josef Simon nach zwei Jahrzehnten als selbstständiger Schuster in die Schuhwerkstatt zurück.