Gmünd: Baumann-Dekor kündigt fast komplette Belegschaft. Zwei Weltkriege, alle Wirtschaftskrisen in mehr als hundert Jahren und zwei Insolvenzverfahren hat die Waldviertler Traditionsfirma Baumann-Dekor in Gmünd überstanden. Die Coronavirus-Pandemie läutete ein ganz schwieriges Kapitel für den Edeltextil-Hersteller, dessen Fokus auf der hochwertigen Ausstattung von Tourismus- und Gastronomie-Betrieben liegt, ein.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 28. März 2020 (11:04)
Baumann-Dekor in der Schremser Straße in Gmünd hat ab 1. April nur noch drei Beschäftigte. 32 Mitarbeiter mussten gekündigt werden.
Markus Lohninger

Fast die komplette Belegschaft musste infolge von Auftrags-Stornos gekündigt werden. Prognosen sind, weil auch die Kunden massiv leiden, kaum möglich.

Selbst in Abarbeitung gewesene Aufträge storniert.
Baumann-Dekor produziert primär hochwertige Möbeltextilien für Kreuzfahrtschiffe, Hotels und Restaurants – ein Bereich, der infolge der Schutzmaßnahmen gegen das Virus international zum Erliegen gekommen ist. „Wir hoffen das Beste, arbeiten an Strategien für ein vielleicht neues Geschäftsmodell. Derzeit kann aber einfach nicht abgeschätzt werden, in welche Richtung sich unser Nischenmarkt angesichts der Corona-Pandemie entwickelt und wann er sich wieder stabilisieren wird“, sagt Karun Verma, Assistent des CEO, auf NÖN-Nachfrage. Auf der Referenzliste von Baumann-Dekor stehen neben führenden Kreuzfahrt-Unternehmen mit InterContinental, Marriott und Hilton auch die größten Hotelketten der Welt, dazu Marken wie Kempinski, Radisson, Best Western, Holiday Inn, Sheraton, Ritz-Carlton, Le Méridien oder schillernde Hotels wie Burj Al-Arab oder Jumeira Beach in Dubai.

Infolge der Coronakrise habe es bereits mehrere Auftragsstornierungen von Großkunden gegeben, beteuert Karun Verma, mit weiteren sei zu rechnen. Selbst Aufträge, die im Werk in Gmünd bereits in Abarbeitung waren, seien weggebrochen. Zugleich fallen Vertreter, Industriekunden und Einzelhandels-Partner aufgrund der Quarantäne- bzw. Schutzmaßnahmen gegen das Virus weg. 

„Geschäftsverlust nimmt exponentiell zu.“
Aus diesem Grund gibt es, wie Karun Verma sagt, nicht einmal für den Vertrieb Arbeit: „Wen sollen unsere Verkäufer derzeit kontaktieren? Der Geschäftsverlust nimmt von Tag zu Tag exponentiell zu.“

Mit nur noch drei Leuten in „Beobachtungs-Modus“.
Kurzarbeit für die Belegschaft, deren Größe nach zwei Insolvenzen zuletzt relativ konstant gewesen bzw. zwischenzeitlich sogar wieder leicht gestiegen war, sei deshalb einfach keine Option. Mit 27. März musste den Arbeitern, mit 1. April den Angestellten gekündigt werden: Lediglich drei von zuletzt 35 Beschäftigten bleiben vorerst, wie Karun Verma bestätigt: Man fahre den Betrieb nicht von heute auf morgen komplett herunter, müsse ihn aber vorläufig in einen „Beobachtungs-Modus“ versetzen.

Aufgrund der notwendigen Vorlaufzeiten wird damit gerechnet, dass der Produktions-Kreislauf selbst nach einem Überstehen der Coronakrise nicht von heute auf morgen wieder voll in Schwung kommen wird.

In Spitzenzeiten 300 Beschäftigte in Gmünd.
Noch in den 1990er Jahren hatte die 1916 in Böhmen gegründete Weberei, die 1924 nach Kirchberg/Walde übersiedelt war und seit 1929 in Gmünd beheimatet ist, etwa 300 Mitarbeiter beschäftigt, zum Zeitpunkt der ersten Insolvenz 2011 war die Belegschaft bereits halbiert, vier Jahre später beim Verkauf der zwischenzeitlichen Eigentümergruppe um Franz Siller an eine indisch-dubaianische Gruppe auf 56 geschmolzen.