Gasthaus schließt: Familie Hackl nimmt nach 60 Jahren Abschied

Erstellt am 11. Mai 2022 | 04:32
Lesezeit: 4 Min
Schicksalsschläge sorgen für ein ungeplantes Aus des legendären Gastro-Betriebes in der Gmünder Neustadt.
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An einem Seitenfenster hängt ein großer Aufkleber. „Wir bedanken uns bei allen Gästen für 60 Jahre Treue“, ist zu lesen. An der Eingangstür kleben mehrere Zettel mit der Erklärung dazu: Krankheitsbedingt werde das Gasthaus geschlossen. Die Tür geht auf, die Wirtsfamilie Hackl wartet schon auf den Besuch. Im Gasthaus wird es einer der letzten sein. Schicksalsschläge ließen Elisabeth und Kerstin Hackl keine andere Wahl, als den Betrieb zu schließen – ungeplant und ohne Verabschiedung.

Für heutige Begriffe ist der Gastraum mit den alten Kartenspielertischen beinahe wie eine andere Welt. Es riecht nach Wirtshaus. Die vielen Jahrzehnte haben eben ihre Spuren hinterlassen, noch bevor das Rauchverbot in Kraft treten konnte. „Es ist viel zu groß. Man ist so dumm, wenn man jung ist und baut immer weiter dazu“, sagt Elisabeth Hackl. Ihr Mann Günter hat den Betrieb Anfang der 1980er Jahre von seinen Eltern übernommen, die das Gasthaus 1960 gekauft und renoviert haben. Die Kinder Alexander und Kerstin sind mit dem Betrieb auf- und mitgewachsen. „Es war immer normal, dass es das Gasthaus gibt. Aber dass ich es einmal führen würde, das wollte ich nie“, sagt Kerstin Hackl. Sie sei nicht für die Selbständigkeit gemacht.

Bluthochdruck & Schwindel machen Arbeit unmöglich

Seit Mitte März ist das Traditions-Gasthaus am Gmünder Schubertplatz geschlossen. Elisabeth Hackl und zwei Mitarbeiter hatten sich mit Covid-19 infiziert. Das Team dachte, es würde bald wieder weitergehen. Dann musste die Familie erleben, dass das Virus trotz Omikron-Variante schwere Verläufe mit sich bringen kann: Bei Elisabeth Hackl kamen Bluthochdruck und Schwindel dazu – und blieben. „Ich könnte nicht mehr arbeiten. Wenn ich zur Apotheke gehe, bin ich danach erledigt“, sagt sie. Unmöglich vereinbar mit dem „Stressberuf“ in der Gastronomie. Trotz Pension hat sie bis zuletzt mitgeholfen, „aus Freude“.

Die Arbeit wurde zwischen Elisabeth und Kerstin Hackl und den fünf Mitarbeitern aufgeteilt. „Eigentlich ist das alles Papas Lebenswerk, er war ein Vollblutwirt“, meint Kerstin Hackl. Krankheitsbedingt kann er schon seit mehreren Jahren nicht mehr im Gasthaus stehen, wird von der Familie betreut. Long-Covid der Mutter, die Pflege des Vaters, der Vollzeit-Job der Tochter und dazu ein Betrieb – das war nun zu viel. Immerhin war das Gasthaus dienstags bis sonntags geöffnet, Hackls Tanzcafé aber seit der Pandemie geschlossen. Es wurde Anfang der 1980er Jahre dazugebaut. Was aus dem Leerstand wird, steht noch nicht fest. Für Gedanken darüber sei noch keine Zeit gewesen.

Mitarbeiter und Gäste wurden zur Familie

Der Dachboden wurde einst zu vier Fremdenzimmern ausgebaut, dieses Angebot bleibt bestehen. Genauso wie die große Dankbarkeit gegenüber Mitarbeitern und Stammgästen, sie alle seien wie Familie, sagen die Hackls: „Wir hatten tolle Mitarbeiter. Es war schlimm, als wir die Kündigung aussprechen mussten und hätten die Gäste gerne auf ein Getränk eingeladen, haben aber einfach Angst, nochmals aufzusperren“, schüttelt Kerstin Hackl den Kopf.

Werden die beiden nach Höhepunkten gefragt, wird klar: Das Leben von, mit und in der Gastronomie war so normal, dass Anekdoten Alltag sind. Doch: „Der Hackl ging in die Fernsehgeschichte ein“, schmunzelt Kerstin: „Von Soko Donau war einer zum Essen bei uns. Dem hat es so gefallen, dass er zum Drehen kommen wollte. Wir haben ihm nicht geglaubt, aber dann kam die Anfrage.“ Gasthaus und Tanzcafé dienten 2017 als Kulisse für eine Folge aus Gmünd, die Hackls waren hautnah dabei.

Erlebt habe die Familie viel, blickt Elisabeth Hackl zurück: „Ein bisschen hätten wir es schon noch gemacht. Aber das Schicksal hatte Anderes geplant.“ Rückmeldungen, dass „der Hackl“ fehlen werde, gehen auch Kerstin nahe, erzählt sie beim Rausgehen: „Es ist uns sehr schwergefallen, die Zettel rauszuhängen.“

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