Karriere im Ausland: „Ich war einfach einmal frech“. Warum Gmünderin das Gym abbrach, „nie in die Schweiz gehen“ wollte – und doch jetzt dort Vizechefin eines großen Spitals ist.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 28. Februar 2019 (04:59)
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Martina Bürgi-Hawel ging 1991 als OP-Schwester für einen Kurs in die Schweiz – und blieb. Heute ist sie Vizedirektorinder renommierten Schulthess-Klinik.

Die Ankunft einer 25-jährigen OP-Schwester aus Gmünd in der Schweiz: Es schüttet in Strömen. Ernüchterung bei den ersten Schritten so weit wie nie zuvor entfernt von der Heimat. Daheim hatte alles noch so spannend geklungen. Beim Skiurlaub mit ihrer Schwester und deren Freund hatte sie sich, beruflich unglücklich und privat gerade wieder solo, durch ein schillerndes Stelleninserat in einer Hochglanzzeitung („Als OP-Schwester in die Schweiz“) zu dem Abenteuer hinreißen lassen. Aber jetzt, am Tag vor dem Bewerbungsgespräch, weicht der Übermut einer Erkenntnis: „Ich werde niemals in die Schweiz gehen!“

Das war 1991. Inzwischen sind 28 Jahre vergangen, und in einer Sache behielt Martina Bürgi-Hawel Recht: Als Staatsbürgerin ging sie echt nie an die Schweiz verloren. „Meinen Pass gebe ich sicher nicht her. Ich bin stolz darauf, Österreicherin und Waldviertlerin zu sein – ich habe meinen Dialekt und meine Heimat“, sagt Bürgi-Hawel heute. Privat und beruflich ist die 54-Jährige aber fix dort verankert, seit wenigen Monaten als Vizedirektorin der Schulthess-Klinik in Zürich – mit etwa 9.600 Operationen und 1.200 Mitarbeitern eine der führenden orthopädischen Kliniken Europas.

„Geplant war ein Aufenthalt für ein Jahr. Dann begann es, mir zu gefallen…“ Martina Bürgi-Hawel

„Ich wäre vor diesem Urlaub nie auf die Idee gekommen, ins Ausland zu gehen“, blickt Bürgi-Hawel nun zurück: „Ich war halt einfach einmal frech…“ Genauso wie zum Beginn ihrer Karriere, als sie sich als Schülerin der fünften Klasse im Gmünder Gym dem Willen ihrer Eltern widersetzt hatte, sich gegen Matura und für eine Ausbildung zur Krankenschwester entschieden hatte.

In der nächsten Pflegeschule Zwettl sei das Boot bereits voll gewesen, die beste Aufnahmeprüfung habe ihr dann aber doch den Ausbildungsplatz beschert, sagt sie: „Ich war nicht glücklich, wollte aber nicht aufhören und damit meinen Eltern Recht geben.“

Mit einem Diplom mit Auszeichnung ging es ans Gmünder Klinikum und bis zur stellvertretenden OP- Leiterin. Für die praktische Ausbildung wurde sie angelernt, das Gesuch für die theoretische Ausbildung wurde abgelehnt. „Es hätte finanziell und beruflich nichts gebracht, aber ich wollte einfach mehr“, blickt sie zurück.

In der Schweiz seien ihr immer alle Türen offen gestanden, „ich konnte mich immer weiter entwickeln, habe bis heute jede Aus- und Weiterbildung im In- und Ausland durch den Arbeitgeber finanziert bekommen“.

„Ich habe rasch gemerkt, wie schnell ich mich hier entwickeln kann und wie man hier seiner Kompetenz wegen geschätzt wird.“ Martina Bürgi-Hawel

Und so begann für sie bereits am Tag nach dem schaurig-nassen Empfang im Jahr 1991 die Sonne zu scheinen. Im Lindenhof-Klinikum Bern wurde sie schon beim Vorstellungsgespräch von der Oberin zum Frühstück eingeladen, den Theoriekurs zur OP-Fachfrau an der Uniklinik Bern durfte sie berufsbegleitend absolvieren. Bürgi-Hawel: „Geplant war ein Aufenthalt für ein Jahr. Dann begann es, mir zu gefallen, dann lernte ich meinen späteren Gatten kennen…“

Noch während der Ausbildung wechselte sie an die Uniklinik, war vier Jahre als Ausbildnerin und Lehrerin tätig. 1998 standen plötzlich vier Job-Optionen zugleich offen – die Gmünderin entschied sich für den Weg ins Management einer kleinen Privatklinik in Biel bei Bern. In zwölf Jahren als OP-Bereichsleitung war sie in verschiedenste Funktionen eingebunden, begleitete Neubauprojekte, baute Risiko- und Qualitätsmanagement auf, implementierte die ISO-Zertifizierung. „Ich konnte in der Geschäftsleitung sehr viel kennenlernen und aufbauen.“

"Ich habe rasch gemerkt, wie schnell ich mich hier entwickeln kann"

Das Know-how bot die Basis, um nach einem Intermezzo in Bern ins ferne Zürich zu übersiedeln: An der renommierten Schulthess-Klinik machte Martina Bürgi-Hawel das Rennen um die ausgeschriebene COO-Stelle. Sie übernahm die operative Leitung für diverse Abteilungen vom Pflegedienst über den OP-Bereich bis zu Radiologie, Therapie und Hotellerie – und vor allem für einen fünf Jahre dauernden Bauprozess, im Zuge dessen das Spital für umgerechnet 80 Millionen Euro an allen Ecken erweitert wurde. Zuletzt rückte sie zur Vizedirektorin auf.

Ihren Weg habe sie keinen Tag bereut, bilanziert Bürgi-Hawel. Zwar habe sie den Gedanken, was das Abenteuer in der Praxis bedeuten würde, zuvor nicht ausreichend durchgedacht. Die neue Kultur, der anfangs unverständliche Dialekt oder die ersten Eindrücke mit der Erfahrung, eine Ausländerin zu sein und als solche aufs „Ausländeramt“ gehen zu müssen, das seien echte Herausforderungen gewesen. Aber: „Ich habe rasch gemerkt, wie schnell ich mich hier entwickeln kann und wie man hier seiner Kompetenz wegen geschätzt wird. Ich würde es wieder so machen.“

Bürgi-Hawel lebt länger in der Schweiz als in Österreich, kann sich zumindest beruflich eine Rückkehr nicht mehr vorstellen. Dennoch, und obwohl beide Eltern bereits verstorben sind, ist der Draht nach Gmünd nicht gerissen. Einmal im Jahr kommt sie wenn möglich zurück, dreht ihre Stadtplatz-Runde, besucht Geschäfte von früher, trifft alte Bekannte. Zu einer davon pflegt sie eine besondere Verbindung: Als 19-Jährige habe diese ihr wegen des Verdachts, schwanger zu sein, eine Urinprobe mit ins Klinikum gegeben. „Plötzlich hat es geheißen, ‚Martina, du bist schwanger!‘“, schmunzelt Bürgi-Hawel, selbst kinderlos: Das Baby wurde auf Miryam getauft. Als 28-Jährige folgt diese ihrer vermeintlichen „Mutter“ derzeit in die Schweiz, wo sie in zehn Kilometern Entfernung einen Lehrerjob annehmen möchte.

Die Welt ist klein, alles ist möglich. Es wird spannend bleiben im Leben der Auslands-Gmünderin Martina Bürgi-Hawel, was auch immer dieses noch mit ihr vor hat…