Ortschaft zerstört, Kirche noch zu retten?. 65 Jahre nachdem der einst große Gmünder Vorort Zuggers fast zur Gänze von Kommunisten ausradiert wurde, läuft Rettungsaktion für Kirche an.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 25. Oktober 2017 (04:49)
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Pfarrer Tomáš Vyhnálek, einst Kaplan in Gmünd, will die Rettung des arg ramponierten Gotteshauses vorantreiben.

Es ist ein vergessener Ort, der besonders bedrückend Zeugnis der Folgen von kriegerischen Handlungen und militärischen Schachzügen abgibt: Zuggers, einen Steinwurf und eine jahrzehntelang „tote“ Grenze vom Gmünder Strandbad entfernt.

In seiner etwa tausendjährigen Geschichte hatte Zuggers als Gemeinde, zu der auch Breitensee und die umliegenden Sandgruben gehörten, bis zu 900 Einwohner. Die um das Jahr 1400 erbaute Pfarrkirche war bedeutende Mutterpfarre für Gläubige zwischen Dietmanns und Brand. Die daran angebaute Schule führte Kinder der umliegenden Ortschaften an den Ernst des Lebens heran.

Markus Lohninger
Die Kirche Zuggers hinter dem zerstörten Pfarrhof.

Heute existiert Zuggers als Ort nicht mehr. Es steht nur noch als „Ortslage“ namens Krabonoš in der Landkarte, deren Handvoll Häuser zur Gemeinde Nová Ves nad Lužnicí gehört und Teil Tschechiens ist. Nach den Weltkriegen fiel das in einer Schneise zwischen Lainsitzfluss und der 1920 gezogenen Staatsgrenze gelegene Zuggers der damaligen Tschechoslowakei zu. Dazwischen war es 1939 bis 1945 Teil des „Landkreises Gmünd“ im Deutschen Reich.

„Der ruinöse Zustand dieser Kirche hat mich sehr bewegt.“ Bischof Klaus Küng nach einem Besuch der Pfarrkirche Zuggers

Nach 1945 wurden die österreichischen Zuggerser enteignet und vertrieben, Breitensee blieb österreichisch. Zuggers, das sich am rechten Lainsitzufer fast einen Kilometer lang in Richtung Breitensee und Gmünd gezogen hatte, wurde nach 1950 zur Grenzsicherung für einen „Eisernen Vorhang“ zur militärischen Zone. Die Kirche wurde, völlig leergeräumt, mit Schule und Pfarrhof als Kaserne und später als Kino genützt. Auch von der Nutzung als Turnsaal ist in einem tschechischen Internet-Portal die Rede. Der Turm diente als Beobachtungsposten.

Ansonsten blieben einzelne Häuser zwischen Kirche und dem nahen Erdweis (heute Nová Ves) bestehen, die geduldeten Einwohner wurden nach Erdweis umgesiedelt. Die anderen Gebäude bis zur Staatsgrenze wurden dem Erdboden gleich gemacht. Heute erinnern an das einst rege Treiben dort nur noch Zaunreste, verstreute Obstgärten oder eine massive Lainsitz-Holzbrücke, hinein ins Nirgendwo. Kirche, Pfarrhaus und Schule wurden – als daneben eine neue Kaserne gebaut wurde – dem Verfall preisgegeben.

„Ein für Mitteleuropa unwürdiges Dasein“

Neben Pfarrhof-Ruinen steht noch die Kirche Johannes der Täufer. Die immer noch eigenständige Pfarrgemeinde zählt bloß noch zwei Gläubige älteren Jahrgangs. Das höchst sanierungsbedürftige, strom-, gas-, und fensterlose Gotteshaus erduldet ein, wie Gerhard Schindl bedauert, „für Mitteleuropa unwürdiges Dasein“.

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Schindl, Pfarrkirchenrat, einstiger Vizebürgermeister und Lokalhistoriker in Brand-Nagelberg, will mit Gleichgesinnten wie dem Brander Pfarrkirchenrat Franz Illetschko nun eine Rettungsaktion für die Kirche ins Leben rufen. Im Raum steht eine Baustein-Aktion genauso wie die Gründung eines Unterstützungs-Vereins, wobei aus Illetschkos Sicht zunächst abgewartet werden muss, ob und wie die Kirche überhaupt erhalten werden kann. Bis dahin sucht er den Kontakt zu früheren Zuggersern, Informationen und Fotos zur Vergangenheit des Ortes (Infos unter Tel. 0664-1940238).

Den Anstoß zur Rettungsaktion gab der aus Znaim stammende Pfarrer Tomáš Vyhnálek. Nach der Priesterweihe 2003 hat er als junger Kaplan für ein Jahr in der Herz-Jesu-Kirche Gmünd- Neustadt gewirkt, im Februar 2017 kehrte er nach Jahren in Rom, Wien bzw. als Missionar in der Sahara zurück („nur halt auf die andere Seite der Grenze“). Vyhnálek ist nun – nach drei Jahren ohne eigenen Priester – für alle Pfarren zwischen eské Velenice und Suchdol nad Lužnicí zuständig. Er hat sich neben der Pfarrhaus-Sanierung in Velenice vor allem der Wiederbelebung der Kirche in Zuggers verschrieben, die nach dem Ende ihrer Verwendung für das Militär als Lager für Baumaterial gedient hatte und erst im Jahr 2015 wieder geöffnet wurde.

Notdürftig wurde sie seither eingerichtet. Sie ist nun, wie Pater Tomáš sagt, „eine Sammlung aus südböhmischen Kirchen“ – Besucher an der rechten Sitzreihe müssen mit Bierbänken vorliebnehmen, den holprigen Boden bedecken indes alte Teppiche aus Gmünd. Die Mauern, die umfassende mittelalterliche Fresken andeuten, bröckeln ab. Vor allem die Seitenkapelle fristet ein gar gefährliches Dasein.

Ziel: Die Atmosphäre der Kirche erhalten

Das Projekt steht noch am Startpunkt. Ein Statiker prüft den baulichen Zustand der Gebäude, ein Architekt soll eingebunden werden, und für die Fresken hofft Pater Tomáš, dass noch heuer ein Uni-Projekt mit angehenden Restauratoren realisiert werden kann. Ziel sei nicht die völlige Wiederherstellung. Die schlichte Atmosphäre des Gotteshauses – das nicht geheizt und nur durch Kerzen erhellt werden kann – habe auch etwas Bereicherndes. Aber: „Ziel ist es, dass es gesichert wird und eines Tages wieder funktioniert.“ Dabei geht es etwa um den Einbau von Fenstern oder die Schaffung eines festen Bodens.

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Bischof Klaus Küng, rechts im Bild mit Pater Tomáš, bei der Besichtigung der Kirche Johannes des Täufers in Zuggers/Krabonoš.

Zu einzelnen Anlässen werden bereits wieder Gottesdienste und kirchliche Veranstaltungen (Adventkonzert am 17. Dezember) gefeiert, sagt Tomáš Vyhnálek, „dabei kommen oft ältere Österreicher, die von hier stammen und von früher erzählen“. Darunter der älteste noch lebende Zuggerser Ludwig Fuchs, der nun in Groß-Eibenstein lebt. „Es geht mir heute noch nicht ein, dass so etwas möglich ist“, sagt er im NÖN-Gespräch über die Jahre zwischen Vertreibung und Zerstörung: „Plötzlich hieß es, ‚jetzt reißen sie unsere Häuser weg‘. Wir haben ihnen über die Grenze nur dabei zusehen können.“ (mehr auf Seite 12).

Vor einigen Tagen war auch Bischof Klaus Küng von der Diözese St. Pölten, zu der die Kirche viele Jahrhunderte gehört hatte, hier. „Der ruinöse Zustand dieser Kirche hat mich sehr bewegt“, sagt Bischof Küng heute. Dass sich eine Gruppe von freiwilligen Helfern formiert, freue ihn: „Die Diözese prüft derzeit die Möglichkeiten, wie sie dem jungen Priester bei der Realisierung dieses Projektes beistehen kann.“

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