Fit für die Katastrophe? Große Not machte stark. Jahrhundert-Flut 2002 als Startpunkt für aktiven Katastrophenschutz im Bezirk: Jetzt wird der große Test für die Leistungsfähigkeit des Netzes vorbereitet.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 22. September 2018 (04:10)
Markus Lohninger
Der unter Katastrophenreferent Günther Sohr (rechts) aufgerüstete Führungsraum der Bezirkshauptmannschaft wird im Zentrum einer großen Katastrophenübung am 24. Oktober stehen. Bezirkshauptmann Stefan Grusch hat die erste Übung einer zivilen Organisation mithilfe des Führungssimulators der Kaserne Weitra ins Laufen gebracht.

Der Sommer 2002 markierte einen Wendepunkt in der Sicherheitspolitik des Bezirkes Gmünd. In 140 Jahren der Aufzeichnungen durch die Meteorologische Bundesanstalt hatte es hier keine derartigen Niederschläge gegeben wie ab dem 7. August 2002, Häuser wurden meterhoch überflutet, Straßen und Brücken weggespült. In vier Tagen fiel mit knapp 260 Litern pro Quadratmeter so viel Regen wie das ganze erste Halbjahr zuvor – ehe noch eine zweite „Flutwelle“ den Bezirk heimsuchte.

„Es war die erste große Katastrophe im Bezirk“, blickt Günther Sohr von der Bezirkshauptmannschaft heute zurück. Dementsprechend unvorbereitet erwischte sie die handelnden Organisationen. Sohr: „Alles steckte damals in den Kinderschuhen. Internet-Zugang hatte nur der Bezirkshauptmann, er musste mir sein Passwort geben.“

Vier Jahre später schlug das Schicksal wieder zu – mit einem weiteren massiven Hochwasser und einem Busunfall auf der B2 bei Schrems mit vier Toten und 45 Verletzten. „Wir haben gesehen, dass wir uns einfach vorbereiten müssen“, erinnert sich Günther Sohr: „Heute sind wir im Bezirk eine große Katastrophenschutz-Familie geworden, die über viele Jahre zusammengewachsen ist.“

Auf Führungsebene bis zu 250 Teilnehmer

Das digitale Zeitalter hat Einzug gehalten. Via Mausklick sind heute Pegelstände der Gewässer und Wetterdaten inklusive jeweiliger Prognosen ablesbar, für den Austausch der Einsatz-Organisationen selbst beim Totalausfall aller anderer Kommunikations-Mittel wie 2002 wurde ein Behördenfunk geschaffen, Vernetzungen und Schulungen wurden forciert, die Einsatzdokumentation eingeführt. „Das Land hat intensiv in Technik, Ausbildung und Personal investiert“, sagt Sohr.

Günther Sohr selbst – der Praxis-Erfahrung auch von Bundesheer, Feuerwehr und Rotem Kreuz mitbrachte – habe sich „weit über die Grenzen hinaus“ den Ruf eines Fachmannes erarbeitet, betont Bezirkshauptmann Stefan Grusch.

Wie leistungsfähig der bei Sohr zusammenlaufende Katastrophenschutz im Bezirk mittlerweile ist, das wird am 24. Oktober im Zuge der groß angelegten Übung „Blitzeis“ in den Städten Gmünd und Weitra mit bis zu 250 aktiven Teilnehmern festgestellt. Tatsächlich ausgerückt wird dabei nicht, vielmehr geht es um die Koordination der Arbeit auf Führungsebene – wobei es zu einer Premiere kommt.

Bezirkshauptmann Grusch, der den Anstoß zur Übung gegeben hat: „Wir werden die erste zivile Organisation sein, die die neue, europaweit einzigartige Software des Führungssimulators in der Kaserne Weitra beüben darf.“

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, wobei der Ausgangspunkt für die Übung „Blitzeis“ das Blitzeis-Ereignis im Winter 2014/15 ist.

„Blitzeis“-Ereignis 2014 als Vorlage für Übung

Regen und Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt legten damals weite Teile des Waldviertels unter eine brutale Eisschicht. „Die Auswirkungen – umgeknickte Bäume auf Straßen, Straßensperren oder Stromausfälle – sind auf viele weitere Themen umlegbar“, sagt Grusch. 2014 wurde laut Sohr das Moorheilbad Harbach von der Stromversorgung gekappt, hunderte Menschen waren ohne Strom, Heizung und Warmwasser. Vergleichbares kann am 24. Oktober via Computer eingespielt werden – der Führungsstab wird Aufträge ausgeben, deren Umsetzung wieder durch plötzliche Probleme gestört werden kann.

Mit dabei sind unter anderem ein 25-köpfiges Team der Bezirkshauptmannschaft, Sachverständige, Verbindungs-Offiziere der Blaulicht-Organisationen, Zivilschutzverband, Straßendienst, Betreiber „kritischer Infrastruktur“ wie EVN, Landesklinikum, Wasser-, Strom-, Gas- oder Treibstoff-Versorger sowie Führungsstäbe der Stadtgemeinden Gmünd und Weitra – jeweils in eigenen Führungsräumen. Das Bundesheer ist mit Betreuern und Auswertern dabei, die Heidenreichsteiner Amateurfunker stellen ihr Funksystem als Not-Kommunikationsmittel zur Verfügung. Auch Drohnen, die rasch ein Bild der Lage einfangen und vermitteln können, könnten zum Einsatz kommen.

Da die Katastrophe auf Führungsebene durchgespielt wird, dürfte die Bevölkerung wenig von der Übung mitbekommen – aktiv beübt soll bloß die Notstromversorgung werden. Dennoch sind für Gmünd und Weitra im Vorfeld Info-Veranstaltungen geplant, die Termine werden noch bekannt gegeben.