Kidsnest-Leiter: „Kinder sind oft die Symptomträger“. Kidsnest-Leiter Thomas Graf und Sonja Welt, Leiterin der Zwettler Kidsnest-Außenstelle, sprechen über Kinder in der Krise.

Von Anna Hohenbichler. Erstellt am 01. Januar 2021 (06:35)
Das Kidsnest-Team: Julia Marksteiner-Ungureanu, Sylvia Schwarzinger, Rosa Prinz, Barbara Großauer, Katrin Heichinger (hinten), Thomas Graf, Sonja Welt und Katharina Janousek (vorne).
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NÖN: Das vergangene Jahr hat de facto alle Bereiche des alltäglichen Lebens verändert – nicht nur das von Erwachsenen, sondern auch das von Kindern. Welche Bilanz ziehen Sie im Kinderschutzzentrum Waldviertel?

Graf: Es war ein turbulentes Jahr in vielen Familien.

Welt: Sie waren im Alltag gefordert. Wir merken, dass das auch Kinder beeinflusst: Von der psychotherapeutischen Seite kann ich sagen, dass Ängste und Depressionen vermehrt auftreten. In vorher schon belasteten Familiensystemen hat es sich zugespitzt: Ressourcen wie Nachmittagsbetreuung, Freizeitangebote und die Schule, die ein ganz wichtiger Faktor ist, sind weggefallen. Wir haben vermehrt Anfragen und gerade jetzt zu Weihnachten viel zu tun.

Wie lassen sich die Hauptproblematiken beschreiben, mit denen Klienten zu Ihnen kommen?

Graf: Wir sind auf den Gewaltbereich spezialisiert und betreuen vor allem Kinder, die von sexueller, psychischer oder physischer Gewalt direkt oder indirekt betroffen sind.

Welt: Das fordert uns derzeit ziemlich. Wir haben sehr viele Fälle, die aktuell genau mit diesem Schwerpunkt bei uns sind. Dennoch sind wir auch eine Familienberatungsstelle. Wenn Gewalt von den engsten Bezugspersonen ausgeht, ist das für die Kinder noch erschütternder. Der Weg aus der Gewalt ist in Wahrheit Beziehungsarbeit.

Gibt es denn Probleme, die als Folgen der Krise zu sehen sind?

Welt: Verglichen mit den Vorjahren haben wir heuer deutlich mehr Prozessbegleitungen. Ich denke, das ist darauf zurückzuführen, dass sich die Situationen in belasteten Familien durch diese Unsicherheit, die ja nicht nur die Kinder sondern auch die Erwachsenen betrifft, zugespitzt haben. Ängste und Depressionen sind die Folgen des Wegbrechens der Strukturen. Je jünger die Kinder sind, desto abhängiger sind sie von ihren Bezugspersonen – je älter die Kinder sind, umso mehr Bewältigungsstrategien haben sie selbst.

War die Nachfrage heuer merklich anders als in den vergangenen Jahren?

Graf: In absoluten Zahlen blieb es beinahe gleich, es gab einen leichten Anstieg. Wobei man aber sagen muss: Wir hatten im ersten Lockdown zwei Monaten fast geschlossen. Wenn ich diese Monate ausklammere, ist es im Schnitt sicher mehr geworden als in den vergangenen ein, zwei Jahren. Obwohl es da schon kontinuierlich gestiegen ist, weil wir sehr gut vernetzt sind und einen bestimmten Bekanntheitsgrad haben.

Wie viele Klienten wurden heuer im Kinderschutzzentrum Waldviertel betreut?

Graf: Insgesamt ziemlich genau 500 Kinder und deren Systeme.

Welt: Wir betreuen ja auch die Eltern mit, weil Kinder oft Symptomträger sind. Manchmal brauchen die Bezugspersonen Unterstützung. Was auch wichtig ist: Dass Institutionen wie Schulen oder Kindergärten Meldungen abgeben. Denn erst dann können wir tätig werden. Es ist sicher auch deshalb nach dem ersten Lockdown zu mehr Anfragen gekommen, weil vieles sichtbar wurde, als die Kinder wieder in diese Institutionen zurückgekehrt sind.

Welche Art von Hilfe bietet Ihr Team im Kidsnest für Kinder und ihr Umfeld?

Graf: Der Hauptteil unserer Arbeit ist die Psychotherapie direkt mit Kindern und Jugendlichen. Wir versuchen aber, das ganze System miteinzubinden und bieten auch Erziehungsberatungsstunden an, um den Eltern unter die Arme zu greifen.

Welt: Und ein wichtiger Teil unserer Arbeit sind auch Besuchsbegleitungen und Prozessbegleitungen.

Geht sich das mit Ihren Ressourcen aus?

Graf: Eine Frage, über die wir schon jahrelang diskutieren. Erstkontakte, die betreuten Kinder und die Stunden wurden von Jahr zu Jahr mehr. Kinderschutz ist ein breiter Begriff, deshalb haben wir uns vor zwei Jahren auf den Gewaltbereich beschränken müssen. Für dieses Kerngebiet geht es sich gerade aus, aber wenn wir es ausweiten wollen, reicht es eindeutig nicht. Wir haben sieben Mitarbeiter, aber alle in Teilzeit.

Welt: Auch, wenn unsere Ressourcen knapp sind, freuen wir uns, wenn sich Menschen an uns wenden. Falls wir keinen Platz haben, überlegen wir uns, wohin wir sie weiterleiten können. Man kann uns auch mit Spenden unterstützen – etwa damit wir Familien mit Spielsachen unter die Arme greifen können.

Man hatte auch als Erwachsener im eigenen Umfeld mit der Krise zu tun: Kommt man als Psychologe oder Psychotherapeut in diesem Job auch selbst an seine Grenzen?

Welt: Ich würde das nicht auf heuer beschränken. Es gibt immer wieder Thematiken, die uns natürlich beschäftigen. Ein wichtiger Part unserer Arbeit ist deshalb, dass wir für uns einen Ausgleich finden. Dadurch, dass es außen mehr Belastungen gibt, ist das heuer auch bei uns – wie bei allen Menschen – natürlich verstärkt.

Wie sind die Beratungen unter den veränderten Umständen – gerade im Frühjahr – abgelaufen?

Graf: Im ersten Lockdown haben wir auf Telefon und Online umgestellt. In dieser Phase war es relativ ruhig bezüglich der Erstanfragen. Im Sommer, der sonst eher ein bisschen schwächer ist, hat sich das aber verstärkt. Im Herbst und jetzt im zweiten Lockdown hatten wir ganz viele Anfragen: mehr Gewaltfälle, mehr Prozessbegleitungen. Da spielt die Pandemie sicher dazu.

Welt: Die Beratungszeiten wurden ausgeweitet und wir haben darauf geachtet, dass wir trotzdem Kontakt mit den Kindern, Jugendlichen und Bezugspersonen halten können. Nach dem ersten Lockdown ist es vermehrt zu Anfragen gekommen. Zwischen erstem und zweitem Lockdown haben wir deutlich gesteigerten Bedarf in der Bevölkerung gesehen, die Prozessbegleitungen wurden auch mehr.

Nach den Weihnachtsferien stehen wieder Schulschließungen an. Welche Auswirkungen haben die ständigen Änderungen im Bildungsbereich auf Kinder?

Welt: Gerade in Familiensystemen, wo wenige Ressourcen vorhanden sind, ist es ganz schlimm, wenn wieder Schulschließungen kommen. Ich habe viele Kinder und Jugendliche, die mir sagen: ‚Ich möchte so gerne in die Schule gehen‘. Das habe ich vor einem Jahr noch ganz anders erlebt. Damit sich ein Kind gut entwickeln kann, braucht es sichere Orte, gute Strukturen und Bezugspersonen, die für sie da sind und Zuversicht vermitteln. Vom Wegfall der Sozialkontakte sind Kinder fast noch mehr betroffen als Erwachsene.

Was sollte man Kindern in so einer Krisensituation wie der heurigen bieten?

Graf: Ein offenes Ohr für sie zu haben, zuversichtlich zu bleiben, dass diese Krise vorbei geht und das auch auf die Kinder übertragen zu können.

Welt: Und ganz wichtig: Bezugspersonen, die Verständnis für die Sorgen und Nöte der Kinder haben und auf deren Ängste eingehen.

Wie kommt jemand, der Hilfe braucht, in Kontakt mit dem Kinderschutzzentrum?

Graf: Man erreicht uns wochentags per Telefon, wir sind auch via E-Mail verfügbar. Momentan leider nicht, aber regulär bieten wir in Gmünd montags von 9 bis 11 Uhr eine Ambulanz an.

Welt: Jeder, der etwas beobachtet – seien es Nachbarn oder Pädagogen – kann bei uns anonym anfragen. Wir haben schon so viele unterschiedliche, komplexe Familiensysteme erlebt und haben einen guten Überblick. Ein Telefonat kann oft wirklich schon viel bewirken, wir geben gerne Auskunft.

Erwarten Sie sich eigentlich eine Art Zeitversetzung im Auftreten von Problemen?

Welt: Das kommt darauf an, wie es sich weiterentwickelt – ob sich die Situation allgemein entspannt. Wenn es weiterhin so angespannt bleibt, dann ganz sicher. Je mehr das System belastet wird, umso mehr wird sichtbar, dass Menschen zu Ängsten und Depressionen neigen und ihnen die Bewältigungsstrategien ausgehen. Aggression und Depression sind oft Geschwister.

Was wünschen Sie sich für Kinder nach der Krise?

Welt: Dass wieder soziale Kontakte möglich sind, das ist nicht nur – aber vor allem – für Kinder sehr wichtig.

Graf: Ich wünsche mir, dass Kinder wieder gesünder aufwachsen können. Und da gehört eine entlastete Struktur dazu.