Plus im Kino trotz Streamings. Trend zu Heimkino wochentags, Kinoerlebnis mit Top- Bild & Ton am Wochenende beflügelt Stadtkino.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 16. Januar 2020 (04:39)
Julia Gaugusch-Prinz (Mitte, zwischen ihren Mitarbeiterinnen Liza Winkler und Katrin Binder) sieht einen Wandel ihrer Waldviertler Kinos zu Familienkinos. „Die Heinzels“ über die Heinzelmännchen könnte in der Hinsicht ab Ende Jänner vor allem für Jungfamilien spannend werden.
M. Lohninger

Der weltweite Boom der Internet-Streamingdienste stellt die gewohnte Kinowelt auf den Kopf. Das Sehverhalten ändert sich, wenn alleine im deutschen Netflix-Kanal rund um die Uhr zwischen aktuell 365 Serien und 1.451 Filmen gewählt werden kann. Die Rolle klassischer Lichtspiele unterliegt dem Wandel – der allerdings nicht als Bedrohung wahrgenommen werden muss: Entsprechend dem bundesweiten Trend zogen die Besucherzahlen in den Waldviertler Kinos Gmünd und Zwettl im vorigen Jahr sogar an.

Inhaberin Julia Gaugusch-Prinz nennt ein Besucherplus von fünf Prozent im Vergleich zu 2018 in Gmünd und sechs Prozent in Zwettl – trotz jeweils zweiwöchiger, umbaubedingter Schließung. Sie nimmt aber außerhalb der Ferien einen Trend zum Kinobesuch primär an Wochenenden wahr: Während der Woche würden Filmfans im stressigen Alltag angesichts bequemerem Streamen stärker ins „Heimkino“ gedrängt, zwischen Freitag und Sonntag gewinne der gesellschaftliche Aspekt des gemeinsamen Kinobesuchs wieder stark an Bedeutung.

Wandel zum Familienkino.

Parallel zu dieser Entwicklung nimmt Gaugusch-Prinz in ihren beiden Kinos einen inhaltlichen Wandel wahr. „Der Kindergeburtstag mit Jause für die Gruppe, Blicken hinter die Kulissen, Geschenkesuchen im Kinosaal und gemeinsamem Filmschauen boomt in Gmünd und Zwettl“, spricht sie von zusammen mehr als 80 Buchungen im Vorjahr.

Vorbei ist zugleich vorläufig die Zeit von Action & Thriller, anders als im Bundestrend fallen fünf der Top-6-Filme in ihren Kinos in den Bereich Komödie/Familie/Animation – darunter mit „Der König der Löwen“ (gesamt 7.000 Besucher), „Die Eiskönigin 2“ (5.400) und der deutschen Komödie „Das perfekte Geheimnis“ (4.200) die drei eindeutigen Spitzenreiter.

Gotham City: Gar nicht lustig.

Der heimische Film blieb bundesweit unter der Wahrnehmungsgrenze. Es fehle an den Budgets, Storys, auch Persönlichkeiten, sagt Gaugusch-Prinz. Marvel-Verfilmungen ziehen, jedoch weniger als im Österreich-Vergleich.

„Joker“ war ein Erfolg – und stellte einige Gäste auf Belastungsproben: Nicht alle drückten den zweistündigen Blick in das Böse von Gotham City emotional durch, räumt die Chefin ein. Sie selbst habe nach einer Stunde aussteigen müssen.

Kino-Erlebnis mit Bild- & Tonqualität gegen Stream.

Der Streaming-Kunde wählt online aus vierstelligen Angeboten, das deutsche Kino habe im Schnitt 14 neue Filme pro Woche am Start, Julia Gaugusch-Prinz zwei. „Der Druck auf die Kinos steigt, ebenso viele Filme zu zeigen“, glaubt sie. Andererseits spüle der Trend unzählige Filme ins Internet, die man mangels schauspielerischer, erzählerischer oder technischer Qualität nicht mehr zwingend im Kino sehen müsse.

Genau da könne das Kino also auch künftig seine Stärken ausspielen, sagt Gaugusch-Prinz: „Es steht für Bild- und Tonqualität, für den Eventfilm wie König der Löwen, und für Filme, die neue Geschichten erzählen, wie Joker.“ Mehr als 700.000 Euro hat sie seit 2009 zu ungefähr gleichen Teilen in die Sanierung und Modernisierung der Stadtkinos in Gmünd und Zwettl gepulvert. Im Vorjahr wurden in drei der zusammen sechs Säle Bestuhlung, Böden und Licht erneuert, in Gmünd ging es auch der Ölheizung an den Kragen.

Ein Hit: Kinostühle für daheim.

Zum Publikums-Renner entwickelte sich 2019 wie berichtet der Sessel-Abverkauf im Zuge der Erneuerung. An die 400 Kinostühle wurden in Gmünd und Zwettl günstigst angeboten, mussten von den Käufern allerdings selbst abmontiert werden. Sie waren rasch vergriffen.

„Wir hätten noch fünf weitere Säle abverkaufen können“, schmunzelt Gaugusch-Prinz: „Es kamen Gäste, die genau ‚ihren‘ Stammsessel kauften.“ Teils sitzt es sich jetzt auch in Ecken von Vereinslokalen oder Kellerstüberln in Kinoqualität.

2020: Hesse-Klassiker kommt ins Kino.

Der Ausblick auf das neue Kinojahr ist aus Waldviertler Sicht positiv – auch wenn es ein EM-Jahr ist und Fußball-Endrunden traditionell vierwöchige Kinoflauten mit sich bringen. Heuer stehen keine umbaubedingten Spielpausen an. Die vorläufig letzte, vergleichbar kleine Investition soll jeweils zwei Sälen in Gmünd und Zwettl neue Tonanlagen bescheren, dann müsste das jahrelange Mammutprogramm in die Infrastruktur abgeschlossen sein.

Cineastisch rechnet Julia Gaugusch-Prinz durchaus mit einigen positiven Highlights. Potenziell könnte endlich auch wieder eine Produktion mit österreichischer Beteiligung abräumen: Die Verfilmung des Hermann-Hesse-Klassikers „Narziss und Goldmund“ durch Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky, für die auch auf der Burg Hardegg gedreht wurde, läuft ab März!