Überlebenskampf nach schwerem Unfall. Alfred Frantes wurde im Elektromobil angefahren. Der Dietmannser ist zehn Monate später gesundheitlich – und auch finanziell – fast am Ende.

Von Karin Pollak. Erstellt am 15. April 2021 (05:36)
Alfred Frantes wurde im Juni 2020 unverschuldet bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. Seither kämpft er mit Problemen.
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Es gibt auch abseits von Corona Schicksale, die das Leben von einer Sekunde auf die andere komplett auf den Kopf stellen können. Davon ist der Dietmannser Alfred Frantes (73) betroffen. Er wurde bei einem Verkehrsunfall unverschuldet schwer verletzt, muss sich jetzt mit der Versicherung des Unfallverursachers vor Gericht streiten.

Das Leben hat es mit Alfred Frantes nicht gut gemeint. Er arbeitete trotz 80-prozentiger Behinderung wegen einer spastischen Lähmung 40 Jahre lang, dann verstarb unerwartet seine Gattin, einige Jahre später stürzte er schwer. Er rappelte sich immer wieder hoch, um in seinem Haus bleiben zu können. Doch seit dem Vorjahr ist das eine noch größere Herausforderung: Er wurde von einem Pkw-Lenker angefahren, lag schwer verletzt im Krankenhaus.

Auf seine Ansprüche von der Versicherung des Unfallverursachers wartet er noch immer, hat deshalb Klage eingereicht. Denn: „Jetzt wird es nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell sehr eng“, erzählt Frantes, der den Glauben an die Menschlichkeit und die Gerechtigkeit mittlerweile ziemlich verloren hat.

„Jetzt wird es nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell sehr, sehr eng.“ Alfred Frantes

Der schwere Unfall ereignete sich am 15. Juni 2020. Alfred Frantes war mit einem Elektromobil in Dietmanns unterwegs, als ein 24-Jähriger aus dem Bezirk Gmünd mit seinem Pkw in einer leichten Rechtskurve auf das Elektromobil auffuhr. Der schwerverletzte Frantes wurde mit dem Rettungshubschrauber Christophorus 2 ins Unfallkrankenhaus Linz geflogen.

„Mein Vater war nach mehrwöchigen Spitalsaufenthalten für drei Monate auf Übergangspflege im PBZ Tulln, wurde danach vom Hilfswerk, von mir und meinem Mann zwei Monate zuhause betreut. Im Dezember trat er eine sechswöchige Reha an“, berichtet Tochter Romana Frantes, die ihren Vater betreut und für ihn das Leben organisiert. „Jetzt ist er wieder zuhause und wird vom Hilfswerk intensiv betreut. Zum Glück kann ich durch Homeoffice sehr oft bei meinem Vater sein.“

Sein gesundheitlicher Zustand sei nach dem Unfall schlimm: „Er wird nie wieder auf Krücken gehen können, ist selbst nach den ganzen Rehabilitationsmaßnahmen auf den Rollstuhl angewiesen. Er kann sich nicht selbstständig ins Bett legen, aufstehen oder die Toilette benutzen. Die psychischen Auswirkungen sind natürlich enorm und wohl noch schlimmer für einen Menschen wie ihn, der sein ganzes Leben lang alles daran gesetzt hat, ein selbstständiges Leben führen zu können“, ist die Tochter verzweifelt.

Dazu komme die immer prekärer werdende finanzielle Situation: „Eine außergerichtliche Einigung mit der Versicherung des Unfallgegners in Bezug auf Schadenersatz war nicht möglich, weil sich diese trotz mehrmaliger Aufforderung weigerte, ihre Haftung für den Unfall anzuerkennen. Somit blieb unserem Anwalt nichts anderes übrig, als zu klagen“, erzählt Romana Frantes. Derzeit laufe das Verfahren, bei dem Alfred Frantes von Anwalt Martin Wabra vertreten wird. „Es gab bereits eine Verhandlung, die nächste ist für August anberaumt. Wann es ein Urteil gibt, das ist noch nicht absehbar. Daher musste mein Vater seit dem Unfall – abgesehen von einer vernachlässigbaren Akontozahlung der Versicherung des Unfallgegners – alle unfallkausalen Kosten selbst tragen“, betont die Tochter.

Gesamte Ersparnisse sind schon weg

Das Pflegegeld wurde von Stufe 3 auf 4 erhöht, deckt aber nicht annähernd die Mehrkosten ab. „Er hat alle Spitals-Aufenthalte, die Übergangspflege in Tulln in Höhe von rund 7.000 Euro, den Reha-Aufenthalt, die Selbstkostenbeiträge für Heilbehelfe und sonstigen Hilfsmittel selbst bezahlt. Dafür sind seine gesamten Ersparnisse draufgegangen.“ Der größte zusätzliche Brocken ist die Hilfswerk-Rechnung, die alleine – trotz Deckelung und Förderung aus der Sozialhilfe des Landes NÖ – nahezu das Doppelte des Pflegegeldes ausmacht. „Natürlich laufen alle normalen monatlichen Kosten weiter, etwa seine horrende Stromrechnung pro Quartal. Sein Haus wird großteils elektrisch beheizt, eine andere Möglichkeit ist ihm gesundheitlich gar nicht möglich“, rechnet Romana Frantes vor. Unterstützungen gebe es laut Behindertenverband keine.

Alfred und Romana Frantes hoffen auf ein „Irgendwann“. Irgendwann, wenn das Verfahren abgeschlossen ist, wird das Unfallopfer vermutlich alle unfallkausalen Kosten erstattet bekommen. Irgendwann werden dann auch bauliche Anpassungen im Haus vorgenommen werden, die ebenfalls der gegnerischen Versicherung auferlegt werden sollen. „Bis es soweit ist, kann sich mein Vater in seinem Haus alleine nur mit dem Rollstuhl zwischen Küche und Wohnzimmer bewegen. Finanziell geht es sich hinten und vorne nicht mehr aus. Wir überlegen, einen Kredit zur Überbrückung bis zum Gerichtsurteil aufzunehmen.“

Verstehen kann Romana Frantes die Situation nicht: „Wie kommt mein Vater, der vollkommen unschuldig in den Unfall geraten ist, körperlich und seelisch genug darunter leiden muss, dazu, sich jetzt noch verschulden zu müssen? Es muss doch eine Möglichkeit geben, dass er zumindest finanzielle Unterstützung bekommt, um seine Zahlungen zu bewältigen und endlich den Umbau durchführen lassen kann, damit er wieder alleine auf die Toilette und die Terrasse fahren kann.“

Das Warten auf das Gerichtsurteil

Eine Antwort darauf kann zumindest der „muki“-Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit aus Bad Ischl vorerst nicht geben. „Wir haben nie die Forderungen von Alfred Frantes abgelehnt. Er hat eine zivilrechtliche Klage eingebracht und diese ist jetzt gerichtsanhängig. Wir müssen auf das Urteil warten. Wann es dieses gibt, ist offen, ebenso der Ausgang dieses Zivilprozesses“, betont Wolfgang Reiter, der Leiter der Kfz-Schadensabteilung, auf Nachfrage der NÖN.