"Literatur im Nebel" im Zeichen Chinas

Zu Ehren des chinesischen Schriftstellers Liao Yiwu meldete sich das große Literatur-Festival in Heidenreichstein zurück. Von Zensur und Unterdrückung im Land der Mitte.

Sebastian Dangl Erstellt am 10. Oktober 2021 | 12:56

Im Jahr des Tierkreiszeichens Büffel feierte „Literatur im Nebel“ sein Comeback. Für das große Literaturfestival hätte man schon im Vorjahr den chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu eingeladen, ehe abgesagt werden musste. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. So holte man das Festival zu Ehren seiner literarischen Werke einfach heuer nach.

Es war die bereits 14. Ausgabe des vom ehemaligen Kulturminister Rudolf Scholten und Schriftsteller Robert Schindel ins Leben gerufenen Literaturfestivals in Heidenreichstein. Bürgermeister Gerhard Kirchmaier eröffnete wie gewohnt und hieß alle Gäste in der Stadt willkommen. Auch Moderatorin Andrea Schurian zeigte sich froh, wieder auf der Bühne der Margithalle stehen zu dürfen. Sie brachte gleich zu Beginn ein passendes Zitat aus dem Kurier: „Literatur hat vielleicht keinen Einfluss auf die Welt, aber man kann sie mit ihr beschreiben.“

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Für ein Gedicht inhaftiert und gefoltert

Damit war natürlich Ehrengast und Exilschriftsteller Liao Yiwu gemeint. Er wurde in China für sein Gedicht über das Tian’anmen-Massaker für vier Jahre inhaftiert und gefoltert. Im Gefängnis versuchte er zwei mal, sich das Leben zu nehmen. Nach seiner Entlassung schrieb er weiterhin kritisch gegen das Regime an, was ihm weitere Diskriminierungen einbrachte. 2011 gelang Yiwu die Flucht. Seither schreibt er im Exil in Deutschland.

Ein Festival ganz im Zeichen der Weltmacht China und ihrer fragwürdigen Menschenrechte. Dass die kritischen Werke Yiwus in seinem Heimatland verboten sind, ist keine große Überraschung. „Das Land der Mitte ist nach wie vor die Zensur-Nation schlechthin“, betonte Schurian. Yiwu sei aber ebenfalls kritisch am Westen, da dieser mit China „gemeinsame Sache macht“.

Gelesen wurde unter anderem aus seinem Buch „Fräulein Hallo“, mit dem Yiwu 2009 zum ersten Mal international Beachtung fand. Schriftstellerin Nora Bossong und Burgtheater-Schauspielerin Marie-Luise Stockinger waren zu hören. Anna Rieser und Aleksandar Petrovic rezitierten aus „Gott ist rot“ über die Verfolgung von Christen in China.

Ein Versuch, China zu verstehen

Tiefe Einblicke gewährte der ehemalige deutsche Botschafter in Peking, Volker Stanzel. In seinem Vortrag erklärte er, warum wir uns bemühen sollten, die Weltmacht China besser zu verstehen. Im Gespräch mit Hans Balmes erzählte ein emotionaler Liao Yiwu von seinen Erfahrungen im restriktiven China.

Ein emotionaler Paukenschlag ertönte auch gleich zu Beginn des zweiten Festivaltages. Sona MacDonald rezitierte das Gedicht „Massaker“ über die bekannten Gräueltaten am Tian’anmen-Platz, welches Liao Yiwu ins Gefängnis brachte.

Der Ehrengast brachte nicht nur seine schriftlichen Werke mit, sondern auch die Musik. In China verdiente er sich sein Geld zum Teil als Straßenmusiker. Meditative aber gleichzeitig auch klagende Lieder trug er nur mit Klangschale und Stimme oder mittels Flöte vor. Der krönende Abschluss machte Liao Yiwu gemeinsam mit Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Sie lasen aus „Über den Grenzfluss“.

Letzten Endes meldete sich das Festival mit einer fulminanten, abwechslungsreichen und politisch relevanten Ausgabe zurück, auch wenn die „Literatur im Nebel“ abermals ohne Nebel auskommen musste.