Sensationeller Fund: Nachricht eines Kanzlers. In einem Personenwagen des Waldviertler Schmalspurbahnvereins tauchte eine handschriftliche Notiz von Ex-Bundeskanzler Raab auf.

Von Stefan Hawlicek. Erstellt am 03. Februar 2018 (04:14)
Stefan Hawlicek
WSV-Obmann Manfred Schwingenschlögl (rechts) und Anton Gisy (links) mit der Rückenlehne, auf der die Notiz von Julius Raab gefunden wurde. Sie wird als Schaustück ausgestellt.

Zu den Feierlichkeiten rund um das 100-jährige Jubiläum der Republik Österreich kann der Waldviertler Schmalspurbahnverein (WSV) seit letzter Woche ein nicht uninteressantes Fundstück beitragen.

Bei den Renovierungsarbeiten an einem der vereinseigenen Personenwaggons gelangte eine handschriftliche Notiz ans Tageslicht, die nicht nur mit 1958 datiert ist, sondern auch von einer ausgesprochen bekannten Person des öffentlichen Interesses unterfertigt worden sein dürfte: Dem damaligen Bundeskanzler Julius Raab. Der Text im Wortlaut: „Verhandlungen über den 14. Monatsbezug. Vertagt auf den 4. Dez. 1958. Julius Raab“.

Anton Gisy entdeckte die beiden Zeilen

Gemacht hat den sensationellen Fund Anton Gisy aus Heidenreichstein. Der Tapezierer kümmert sich bei der Aufarbeitung des Waggons um den Neubezug der Sitzbänke mit historisch dazu passenden Materialien. „Als ich die beiden auf die Rückenlehne geschriebenen Zeilen gelesen habe, war mein erster Gedanke, ob sich seinerzeit jemand einen Streich erlaubt hat“, erzählt Gisy der NÖN.

Der betroffene Waggon, der historisch korrekt mit seiner ehemaligen ÖBB-Bezeichnung Bi/s 3883 zwischen Heidenreichstein und Alt-Nagelberg unterwegs ist, wurde Ende der 1950er-Jahre von der Hauptwerkstätte (HW) St. Pölten der ÖBB geliefert. Am 10. Mai 1959 gab es Nationalratswahlen. „Damit könnte diese Notiz bei einem Wahlkampf-Besuch von Julius Raab in der HW St. Pölten zustande gekommen sein“, hat WSV-Obmann Manfred Schwingenschlögl recherchiert.

"Auf Holz schreibt es sich nicht so leicht wie auf Papier"

Beim Vergleich der Unterschrift auf der Rückenlehne und im Internet abrufbaren Unterschriften von Julius Raab ergeben sich für ihn eindeutige Parallelen. „Das J von Julius ist bei unserem Fundstück etwas schräger und das R von Raab nicht ganz so groß. Was ich allerdings auf die Tatsache zurückführe, dass es sich auf Holz nicht so leicht wie auf Papier schreibt.“

Historische Fundstücke stehen bei Revisionsarbeiten an Personenwaggons grundsätzlich an der Tagesordnung. Besonders häufig finden sich alte Kartonfahrkarten. „Viele Fahrgäste dürften vor dem Aussteigen regelmäßig ihre Fahrkarten zwischen dem Spalt von Armlehne und Außenwand entsorgt haben“, weiß der WSV-Obmann. Anders lassen sich die beachtlichen Zahlen an gefundenen Fahrkarten kaum erklären.

Den Weg zurück wird die Rückenlehne mit der sensationellen Botschaft übrigens nicht mehr antreten müssen. Sie wird als Schaustück am Bahnhof Heidenreichstein ausgestellt. Der neu hergerichtete Personenwaggon wird seine erste planmäßige Ausfahrt bei einem Fotozug für Eisenbahnfreunde haben.