Martina Kösner: „Den Druck unbedingt rausnehmen“. Was macht Corona mit den Familien? Die Antwort gibt Psychotherapeutin Martina Kösner.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 20. Januar 2021 (04:30)
Martina Kösner , Psychotherapeutin, Gmünd
privat

NÖN: Die Kinder sind jetzt seit Wochen nicht mehr in der Schule. Jetzt wird das Distance-Learning nochmals verlängert. Wie wirkt sich der lange fehlende Kontakt zu den Freunden aus?

Martina Kösner: Die Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche mit anderen Spaß haben, Sport machen, „abhängen“ sind extrem limitiert. Hier ist man gefordert, nicht in eine Resignation zu verfallen, sondern stattdessen für die Kids eine Möglichkeit zu finden, trotzdem eine Form des Austausches zu erleben“, betont Psychotherapeutin Martina Kösner aus Gmünd. Wie auch schon vor der Corona Zeit rücken die sozialen Medien hier in den Fokus. Natürlich ist es wichtig, je nach Alter und Entwicklungsstand, Zeiten für den Medienkonsum zu limitieren. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass durch Distancelearning sowohl die Schulzeit als auch die Freizeit „alleine“ verbracht wird. Das hat Auswirkungen auf die Kinder. In den Therapien häufen sich Symptome von Depressionen und Ängsten, Gefühlen der Einsamkeit. Ich plädiere für Ausnahmen in Ausnahmezeiten und den Kindern, aber vor allem den Jugendlichen hier ein wenig mehr ‚online‘ Zeit zu ermöglichen, um mit Gleichaltrigen in Kontakt zu bleiben.“ Grundsätzlich funktioniert das auch ganz gut innerhalb der Familie – viele Kinder erzählen mir, dass sie über Skype auch Kontakte zu Großeltern, Onkeln und Tanten haben.

Was kann man als Eltern tun, damit die Kinder diese Zeit ohne bleibende psychischen Schäden überstehen können?

Kösner: Für Kinder und Jugendliche (auch für Erwachsene) ist es wichtig, in Zeiten der Unsicherheit eine Form der Stabilität zu erleben. Ein besonderes Augenmerk auf Rituale und Gewohnheiten, wie gemeinsames Kochen, Spieleabende, Filmabend, Waldspaziergang, Schneeballschlachten etc., zu richten, die es auch schon vor Corona gab, halte ich für absolut sinnvoll. Vielleicht kann jetzt der Sonntagsbesuch bei Verwandten, ein virtuelles Treffen sein, um ein wenig Normalität bieten zu können.“

Durch das Distance-Learning fehlt ja auch der Vergleich mit den anderen Schülern. Hat das auch Auswirkungen auf die Leistungen der Schüler?

Kösner: Ob und inwiefern Distancelearning Auswirkungen auf Noten und Zeugnisse hat, kann zum derzeitigen Zeitpunkt nicht verlässlich beantwortet werden . Vielmehr möchte ich Familien dazu ermutigen, sich zu erlauben, den Druck, der durch Mehrfachbelastung und neuen Anforderungen entsteht, rauszunehmen. Es ist wichtig, sich zuzugestehen, dass die Ansprüche nicht gleich erfüllt werden können. Diese Vorgehensweise entlastet Kinder und Jugendliche, aber auch die Eltern. Nicht Leistung, sondern Solidarität, ein Zusammenhalt, ein Miteinander – das sind Eigenschaften, die wir Kindern und Jugendlichen (auch) in dieser Krise vermitteln können, die sich positiv auf ihre Zukunft auswirken werden. Eine humanere/kulantere Benotung, wie wir sie jetzt oft Medien entnehmen können, darf erlaubt sein – die Kids lernen unter extrem erschwerten Bedingungen – das sollte ihnen auch kommuniziert werden.

Was würden Sie sich für die Kinder und Jugendlichen wünschen?

Kösner: Es ist zu beobachten, dass Kinder und Jugendliche zwar von Corona genervt sind, sie sich mit den Hygienerichtlinien gut arrangieren, deswegen würde ich einen ausgedünnten Schulbetrieb empfehlen, um ihnen soziale Kontakte zu ermöglichen und die Schüler, die durch Distancelearning jetzt vermehrt schulische Probleme haben, wieder unterstützen zu können. Kinder und Jugendliche sind bereit, sich an viele Maßnahmen zu halten, um einander wieder sehen zu können.

Es ist wichtig Eltern zu ermutigen ihre Kinder mit ressourcenvollem Blick zu beobachten, denn diese schaffen vieles gut und leisten viel. Diejenigen, die bei ihren Kindern beobachten, dass sie sich verändern, schlechter schlafen, weniger essen, sich zurückziehen, traurig wirken oder vermehrt vielleicht über körperliche Beschwerden klagen, kann ich nur empfehlen, das ernst zu nehmen und sich Unterstützung zu holen. Kinderpsychotherapie findet auch im Lockdown statt (unter Einhaltung aller Hygienerichtlinien).

Wo gibt es diese Unterstützung?

Kösner: Unter anderem bei der Beratungshotline des ÖBVP für Kinder und Eltern unter 0512 561734, bei der Clearingstelle NÖ unter 0800 202 434 oder bei Rat auf Draht - online oder telefonisch.