Lkw-Belastung: Mappe mit historischer Tragweite. Kirchberg als Brennpunkt der Wege zwischen Gmünd, Schrems & Zwettl: jahrelange Bemühungen und eine ominöse Zusage.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 02. Mai 2021 (05:39)
Ein unbekannter Vorbesitzer hat Unterlagen zur Kirchberger Verkehrsthematik zusammengetragen und aufbewahrt.
Markus Lohninger

Als hätte sich jemand einer schweren Last entledigt und sie einem Anderen umgehängt: Als die Kirchberger Gastro-Legende Karl Kaufmann unlängst die Post holte, fand sich darin ein gar nicht mal so dünnes Mäppchen.

Karl Kaufmann fielen Protokolle und Berichte aus 15 Jahren in die Hand.
Archiv, Archiv

Der Inhalt zeichnet das jahrelange Ringen der Marktgemeinde um eine Befreiung von aus drei Richtungen anrollenden Lkw-Lawinen nach.

Kaufmann, der sich zuletzt im Kampf gegen den Lkw-Verkehr durch Kirchberg stark gemacht hatte, hat seine Vermutungen, welches Gesicht hinter der unsichtbaren Hand stehen könnte.

2005: „Verkehrsumstände, wie sie im Vergleichsmaßstab nur selten anzutreffen sind.“ Die Mappe enthält in 15 Jahren zusammengetragene Kopien von Protokollen und Zeitungsberichten zum Thema, beginnend bei einer behördlichen Verhandlung im September 2005 – noch unter dem damaligen Bürgermeister Erwin Lintner (ÖVP). Schon da war die Situation klar: Im Protokoll ist durch die in Kirchberg aufeinanderprallenden Landesstraßen 65, 66, 68 und 8150 von „Verkehrsumständen“ die Rede, „wie sie im Vergleichsmaßstab nur selten anzutreffen sind“.

Wie es sich in den Transitorten zwischen Gmünd, Schrems und Zwettl ohne Lkw-Durchzug anfühlt, das erfahren die Anrainer ab 14. Juni: Da wird der Lkw-Verkehr von L66 und L68 weiträumig über Vitis umgeleitet.
privat

Das heute durch eine Art Ampel etwas entschärfte Nadelöhr zwischen Marktplatz und Landesstraßen-Kreuz sei zur Zeit des Ortsaugenscheins durch mehrere sich gegenseitig sperrende Lkw-Züge blockiert gewesen. Auch kurzfristig sei hier ein Lkw-Fahrverbot ins Auge zu fassen, auch die Vision einer Umfahrung kam zur Sprache.

2006: Klare Ansage aus dem Landhaus. Ein Jahr später, im September 2006, informierte das Amt der NÖ Landesregierung die Bezirkshauptmannschaft Gmünd über das Ergebnis einer Erhebung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit, wonach innerhalb von zwölf Stunden 300 Lkw auf L66 und L68 gemessen wurden – der Durchzug habe aus Holztransporten bestanden. Ein Durchfahrtsverbot für Lkw sei wegen der Verdrängung auf andere Trassen nicht anzuraten. Es sei aber dann „vorgesehen“, wenn die B36-Umfahrungen zwischen Vitis und Zwettl fertig gestellt sind. Das stand damals für das Jahr 2012 im Raum.

Absage der Behörde, freiwillige (Kurzzeit-)Lösung der Frächter. Wenige Wochen später kam von der Bezirkshauptmannschaft die Info, ein Lkw-Durchfahrtsverbot sei mangels geeigneter Alternativroute – die Tour über B2 und B36 zwischen Schrems, Vitis und Zwettl hat heute noch acht Ortsdurchfahrten – „nicht möglich und auch nicht vorgesehen“. Immerhin brachte die Wirtschaftskammer die Frächter zusammen, organisierte 2007 – selbst der damalige Landeshauptmann Pröll hatte bereits ein Machtwort gesprochen und eine „rasche Lösung“ angekündigt – eine Art Lkw-Einbahnsystem: Von Nord nach Süd solle es fortan freiwillig durch Kirchberg, retour über Vitis gehen.

Die Gegenwart. „Rasch“ war die 2007 angekündigte Lösung nicht: Die freiwillige Lkw-Einbahn hielt nicht lange – zu verlockend war der bis zu acht Kilometer kürzere, billigere Abstecher der B2 bzw. B36 über Pürbach, Fromberg und Kirchberg. Und bis zum Baustart für die ortsdurchfahrtsfreie Verbindung von Vitis und Großhaslau an der B36 vergingen mehr als 13 Jahre, er erfolgt wie berichtet aktuell. Die Fertigstellung zeichnet sich bis 2025 ab. Eine Kirchberger Umfahrung ist nicht in Sicht.

De facto habe sich an der Situation in 15 Jahren „nichts geändert“, fasst Karl Kaufmann heute zusammen. Politisch werde auf Abgeordneten-Ebene immer noch nicht an einem Strang gezogen und sei die Gemeindevertretung „zu schwach“. Geändert habe sich primär, dass der Lkw-Verkehr massiv weiter zugenommen hat. Alleine in den vergangenen fünf Jahren haben sich Holzimporte aus Tschechien wie berichtet fast vervierfacht. Das 2006 vom Land NÖ angeordnete Lkw-Durchfahrtsverbot sei Theorie, „was Handfestes gibt es dazu immer noch nicht“.

Bezirkshauptmann will Situation nach B36-Ausbau bewerten. Bezirkshauptmann Stefan Grusch wechselte erst vor vier Jahren nach Gmünd. Er kann zurecht behaupten, in die damalige Debatte nicht involviert gewesen zu sein. „Ich weiß daher nicht, wer wann wem was versprochen hat“, sagt er. Das Prozedere liege aber auf der Hand: „Zuerst muss die Umfahrung an der B36 fertig sein, dann wird man sich natürlich mit der Frage des Schwerverkehrs befassen.“

Dabei werde man sich an den Fakten orientieren, und die werden auch 2025 die Auswirkungen eines Verbotes auf andere Orte – etwa Langschwarza an der B2 am Weg nach Vitis – mitberücksichtigen.

„Vor meiner Zeit“, sagt auch Wirtschaftskammer-Bezirksobfrau Doris Schreiber zu den Gesprächen aus 2005 bis 2007 und der kurzzeitig freiwilligen Lkw-Einbahn. Sobald die Verbindung von Vitis und Zwettl ortsdurchfahrtsfrei ist, will auch sie seitens der Kammer „dafür kämpfen, dass ein Durchfahrtsverbot über Kirchberg durchgesetzt wird“. Für Langschwarza hofft sie, dass bis zur Fertigstellung der B36-Umfahrung ebenfalls eine Lösung absehbar ist.

Heuer: Ein Sommer komplett ohne Lkw-Durchzug! Wie sich das Leben im Ort ohne Lkw-Durchzug anfühlt, das können Anrainer in Pürbach, Fromberg, Kirchberg, aber auch Haid, Nondorf und Ullrichs zwischen 14. Juni und Ende August schon mal auskosten: Da werden die Brummer wegen Arbeiten an der schwer desolaten Fahrbahn im „Luggraben“ – der Senke der L68 zwischen Limbach und Teichhäuser – eben über die Bundesstraßen 41, 2 und 36 zwischen Gmünd, Schrems, Vitis und Zwettl geleitet. An 1,7 Kilometern wird laut Straßenmeisterei Allentsteig die Konstruktion abgetragen, die Fahrbahn zwecks besserer Überhol-Sichtweite und Entschärfung mit korrigierter Höhenlage und sechs Metern Breite neu gebaut.

Gearbeitet wird zwischen Anfang Juni und September, wobei Pkw-Fahrer durch kleinräumige Umleitungen geschickt werden.