Hamerling-Projekt als Gerichtsfall?. 130.000-Euro-Projekt um das kulturelle Erbe des „Dichterfürsten“ Robert Hamerling für Region um Kirchberg/Walde geplatzt. Gemeinde will bisherige Kosten zurück.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 03. März 2021 (05:20)
Bild aus besseren Tagen: Vor vier Jahren hatten Kirchbergs Vizebürgermeister Markus Pollack und Literaturwissenschafterin Gabriele Reimann die Vision eines dauerhaften Hamerling-Museums vorgestellt. Nun dürfte die Zusammenarbeit vor Gericht landen.
M. Lohninger

Wer war Robert Hamerling? Was hat er mit dem Waldviertel im Allgemeinen und mit seinem Geburtsort Kirchberg/Walde im Speziellen zu tun? Wie ist die Arbeit des vor 190 Jahren zur Welt gekommenen Dichters und Lehrers, den zuletzt die Schriftstellerin Ilse Krumpöck als „Geburtshelfer für die Verbrechen im Holocaust“ bezeichnet hat, für seine Zeit und für die Gegenwart zu bewerten?

Unter anderem Antworten auf Fragen wie diese hätte ein mit reichlich Fördergeldern dotiertes Projekt der Marktgemeinde Kirchberg liefern sollen. Es endete, wie so Vieles im Zusammenhang mit der immer noch sehr kontrovers diskutierten Person des eigentlich als Rupert Hammerling getauften „Dichterfürsten“, im Streit. Und weil es um vergleichbar viel Geld geht, droht das Projekt nun vor Gericht zu landen.

Worum geht‘s? Im Stiftungshaus in Kirchberg, das Hamerlings Förderer und Verehrer Georg Ritter von Schönerer nach dessen Tod an der Stelle des Geburtshauses errichten hat lassen, verbirgt sich ein umfangreiches Archiv mit persönlichen Gegenständen, Bildern, Büsten, einer Sammlung seiner Werke sowie einigen tausend, vielfach mit persönlichen Anmerkungen des weithin bekannten Epikers und Lyrikers versehenen Exemplaren seiner Bibliothek. Aber: Der Großteil davon schlummert unbeachtet in raumhohen Schränken vor sich hin.

Bald vier Jahre ist es her, seit die NÖN über Pläne der in der Kirchberger Katastralgemeinde Hollenstein lebenden Literaturwissenschafterin Gabriele Reimann berichtete, die diesen Nachlass aufarbeiten und in verständlicher Form für die Bevölkerung aufbereiten wollte. Sogar von einem zeitgemäßen Hamerling-Museum im Stiftungshaus war die Rede.

Über 100.000 Euro von Land NÖ und EU in Aussicht

Der Gemeinderat gab schließlich einstimmig grünes Licht für das dreiteilige Projekt „Robert Hamerling und das kulturelle Erbe von Kirchberg am Walde“ mit kalkulierten Gesamtkosten von fast 130.000 Euro, und beauftragte Gabriele Reimann mit der Umsetzung. Immerhin 80 Prozent der Kosten wurden über die Förderschiene „Leader“ aus Geldern von Land NÖ und EU zugesagt (die NÖN berichtete).

Hohe Zustimmung kam 2018 etwa von Petra Bohuslav, damals Tourismus- und Wirtschaftslandesrätin. Mit der Aufarbeitung der kulturellen Hintergründe zu Hamerling und seiner Beziehung zur Heimatregion sowie der Gestaltung eines Vermittlungsprogrammes für diverse Zielgruppen solle das touristische Angebot gehoben, zusätzliche Besucherfrequenz in die gesamte Region gebracht werden, hatte sie betont.

80 Prozent – oder nichts

Bürgermeister Karl Schützenhofer: „Wollte das Projekt.“
Archiv

Die Frist zur Vorlage eines Ergebnisses bei Leader, inklusive eines Corona-Aufschubes, läuft allerdings mit 1. April 2021 aus, sagt Bürgermeister Karl Schützenhofer (ÖVP): „Einen Monat davor hat die Gemeinde aber außer einem Programm für eine derzeit technisch nicht umsetzbare Schnitzeljagd nichts in der Hand, das tatsächlich vorgelegt werden könnte.“ Ein „Museum in der Kiste“ wurde in Schulen erfolgreich vorgestellt, etwas Greif- und somit Vorlegbares habe er aber auch dazu nicht, beteuert der Gemeindechef.

Das alles wäre an sich nicht zwingend ein Problem. Ein Problem ist aber, dass für die Marktgemeinde schon reichlich Kosten angefallen sind. Gerüchten zufolge deutlich mehr als 50.000 Euro. Schützenhofer will diese Zahl unter Verweis auf die Abhandlung des Punktes im nicht-öffentlichen Teil der jüngsten Gemeinderats-Sitzung – vor der WFK-Mandatar Norbert Edinger die im Raum stehende Klage dennoch an die Öffentlichkeit gebracht hatte – nicht kommentieren. Aber: „Um Fördergelder zu erhalten, müsste das Gesamtprojekt bis 1. April mindestens zu 80 Prozent abgeschlossen sein. Im anderen Fall gibt es keinen Cent, und wir bleiben auf allen Kosten sitzen.“

Theoretisch noch ein Monat Zeit für gütliche Lösung

Bis zum Monatsende ist theoretisch immer noch Zeit, das Projekt zumindest im Rahmen dieser 80 Prozent abzuschließen. Dass Gabriele Reimann ihren Vertrag mit der Gemeinde noch erfüllt, scheint aber unrealistisch – sie ist laut Schützenhofer davon „quasi zurückgetreten“. Daher bleibe bei aller Wertschätzung ihrer Person und fachlichen Qualität nur der Versuch, sich über den Gerichtsweg an ihr schadlos zu halten.

Mangelnde Unterstützung? Gegenüber der NÖN wollte sich Gabriele Reimann nicht zum Scheitern des Projektes äußern.

Als Grund für ihren Rückzug habe sie mangelnde Unterstützung durch die Gemeinde angeführt, sagt aber Bürgermeister Schützenhofer. Eine solche Hilfe sei nicht Teil des Vertrages gewesen, beteuert er: „Dennoch fanden sich drei Freiwillige, die mithelfen wollten, darunter ein sehr interessierter Stifts-Bibliothekar. Nur hat es offenbar mit keinem davon funktioniert.“ Es habe mit Reimann mehrere Gespräche wegen des zeitlichen Ultimatums gegeben.

Reimann räumt darauf ein, „eine andere Sicht“ auf die Dinge zu haben, sie bedaure aber, „mich im Detail dazu angesichts der Situation nicht äußern zu können“. An sich habe sie sich mit viel Engagement und Enthusiasmus ins Projekt gestürzt – danach mehrfach versucht, wieder Wege zueinander zu finden, und der Gemeindeführung ihre Bereitschaft signalisiert, die Arbeit zu Ende zu führen.

Gesamtprojekt dürfte gestorben sein

Das Projekt ist jedenfalls als Gemeindeprojekt in den Augen von Bürgermeister Schützenhofer nach Ablauf des Förderfensters vorerst Geschichte, er möchte es nicht inklusive einer Neuausschreibung und eines nochmaligen Förderansuchens neu aufrollen. Das bedauern gegenüber der NÖN beide Seiten.

„Die Aufarbeitung des Themas wäre für die Region wichtig gewesen“, sagt etwa Gabriele Reimann. Und Karl Schützenhofer: „Ich wollte das Projekt, weil das historische und kulturelle Erbe Hamerlings in der Region natürlich ein Thema ist.“ Daher wäre es der Gemeinde angesichts des damals einstimmigen Beschlusses auch die Investition wert gewesen.