Hilferuf aus Selbsthilfegruppe: „Manchmal bin ich 48 Stunden alleine“

Wenn Arm & Beine dem Willen nicht folgen, braucht man im Alltag Hilfe, so auch Silke Kropacek aus Kirchberg/Walde. Die Hilfe dünnt jedoch immer mehr aus. Volksanwalt sieht Land in Pflicht.

Erstellt am 18. November 2021 | 06:27
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Das Lächeln ist der Kirchbergerin Silke Kropacek vergangen.
Foto: K. Pollak/Archiv

25 Jahre ist es her, seit die Friseurin Silke Kropacek (damals 31) bei einem Autounfall so übel zugerichtet wurde, dass sie im Spital schon totgeschrieben war. Sie ist stark geblieben, obwohl sie Hände und Beine bis heute so gut wie nicht bewegen kann und im Alltag auf „persönliche Assistenten“ angewiesen ist. Sie hat als Gründerin der Selbsthilfegruppe „Anders“ jahrelang um das Recht von Menschen mit Behinderung auf ein selbstbestimmtes Leben gefochten. Im Schatten der Not in Gesundheits-, Pflege- & Sozialberufen verlässt sie langsam die Kraft.

Wenn Pflegeheime Stationen schließen müssen, 24-h-Agenturen ihre Dienste nicht abdecken können und Hauskrankenpflege-Dienste Aufnahmestopps verhängen, dann werde nämlich die Luft in den schlechter bezahlten Bereichen noch dünner. Für viele sei die Lage unzumutbar geworden, klagt die Waldviertlerin angesichts jüngster „5 nach 12“-Proteste an: „Es gibt Tage, an denen niemand für einen da ist.“

Mit 20,50 Euro die Agentur und die Assistenz einkaufen zu können, das stelle ich mir schwierig vor.“ bernhard achitz Volksanwalt

Selbstbestimmte Lebensführung ist Menschenrecht

Verantwortlich sei die Politik, sagt die 56-Jährige, die zum Zeitpunkt des Unfalles mit Gatte und drei Kids in Schrems wohnte, nun alleine in Kirchberg/Walde lebt. Sie erinnerte Grünen-Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein via Mail an die UN-Behindertenrechtskonvention, die Behinderten eine unabhängige, selbstbestimmte Lebensführung zuerkenne, nannte Voraussetzungen. „Antwort kam keine.“ Kropacek: Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung auch im Alter steige, zudem spülen Pensionierungswellen geburtenstarker Jahrgänge Menschen aus dem Arbeitsmarkt, die eines Tages selbst auf Unterstützung angewiesen sein können. Die Nachfrage werde rapide mehr.

Wo liegt das Problem?

„Wir haben kein Auffangnetz, keinen Ansprechpartner und keinen Rechtsanspruch auf Assistenz“, erzählt sie. Finde sich niemand, der einen unterstützt, hat man Pech. Seit September habe sie fast alle Nächte im Rollstuhl verbracht, weil nicht einmal jemand zu finden war, der ihr ins Bett geholfen hätte: „Manchmal bin ich 48 Stunden alleine, muss dringend nötige Arzt- und Therapietermine absagen.“ Das schadet ihr mental, weil ihr daheim die Decke auf den Kopf fällt, aber auch körperlich.

Es gehe aber nicht um sie alleine, sondern um ein grundlegendes Problem. Eine Freundin lebe in einer Familie. Bloß: „Es ist eine Abhängigkeit, aus der es kein Entrinnen gibt. Betroffene trauen sich sehr wenig.“

Warum nicht einfach ins Heim?

Die Antwort auf eine solche Frage könne jeder bei sich selbst finden, warnt Kropacek: „Stell dir vor, du könntest Arme und Beine von einem Tag auf den anderen nicht mehr bewegen. Möchtest du in ein Heim? Oder möchtest du deine Selbstbestimmung bewahren? In dem Fall brauchst du Menschen, die dich unterstützen, damit du leben kannst. Du wirst wen brauchen, der dir die Funktion von Arm & Bein abnimmt – genau dann, wenn du es möchtest.“ Das sei der große Unterschied zu Pflege und Betreuung. Assistenten übernehmen Arbeiten in Haus und Garten, Besorgungen wie den Einkauf, Transporte zu Ärzten oder Therapien.

Wer kriegt wie viel persönliche Assistenz?

Ein Antrag kann in Niederösterreich ab Pflegestufe fünf gestellt werden, aus Kropaceks Sicht besteht Bedarf bereits ab Stufe drei. Sie selbst erhält vom Land NÖ 270 Stunden im Monat zugesprochen, die sie mit Selbstkostenanteil einlösen kann, sagt sie. Darüber hinaus Gehendes ist selbst zu zahlen.

Die größten organisierten Anbieter arbeiten mit unterschiedlichen Modellen – einer mit freien Dienstverträgen, 11 Euro die Stunde; der andere mit Angestellten, die dem Dienstgeber aber auch im Urlaubs- und Krankheitsfall Kosten aufwerfen. Kropacek wählte jenen mit Freien. Sie schickt gewünschte Zeiten, dann startet das Hoffen.

Was muss geschehen?

Ziel müsse die Verankerung eines Rechtsanspruches auf persönliche Assistenz sein, fordert Kropacek. Die Wahrscheinlichkeit, einen Dienst nicht besetzen zu können und somit alleine zu bleiben, steigt ihrer Einschätzung nach, je dünner ein Landstrich besiedelt ist. Im August hatte sie, als es im Waldviertel nicht mehr ging, drei Wochen in Wien bei den Söhnen verbracht: „Binnen zwei Stunden waren alle Dienste mit sieben verschiedenen Assistenten abgedeckt. Bei uns wäre das unvorstellbar.“ Es brauche Arbeitgebermodelle der öffentlichen Hand mit Dienstverhältnissen, fixen Einkommen und allen Ansprüchen für das Personal.

Was sagen Volksanwalt und Land NÖ?

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Volksanwalt Bernhard Achitz: „ Der Markt funktioniert nicht.“
Photo Simonis, Volksanwaltschaft

Der von Kropacek eingeschaltete Volksanwalt Bernhard Achitz kennt ähnliche Probleme aus anderen Bundesländern. Er bat das Land NÖ um Stellungnahme – und gibt sich damit alles andere als zufrieden: Die Antwort sei etwa gewesen, dass die Bereitstellung des Personals letztlich Sache der Organisationen sei. Achitz sieht das Land hinsichtlich Leistungserbringung in der Pflicht, wenn „der Markt nicht funktioniert. Niederösterreich zahlt einer Organisation 20,50 Euro pro Stunde – damit die Agentur und die persönliche Assistenz auch nachts und an Wochenenden einkaufen zu können, stelle ich mir schwierig vor.“

Aus der Abteilung Soziales und Generationenförderung im Land NÖ heißt es auf Nachfrage, man sei sich des Themas absolut bewusst: „Wir geben unser Bestes, um zu unterstützen und Lösungen herbeizuführen, sind auch mit dem Träger in Kontakt.“ Das Modell sei auf einen Zuschuss, nicht auf eine Ausfinanzierung der Leistung ausgelegt. Das funktioniere insgesamt ganz gut, aber „in manchen Regionen ist es wegen Personalengpässen wirklich schwer“. Als Problem wird auch eine Verästelung der Zuständigkeit zwischen Ländern (Freizeitbereich) und Bund (Arbeit) gesehen – zumal Assistenz mit Einzelfällen begonnen habe, nun aber immer stärker in Anspruch genommen werde. Deshalb werde daran gearbeitet, das Modell auf neue Beine zu stellen und eine bundesweit einheitliche Linie zu finden. Das Ziel fand so auch Einklang ins Regierungsprogramm.

Um das Netzwerk der Selbsthilfegruppe zu erweitern, ersucht Silke Kropaeck um Kontaktaufnahme weiterer Betroffener: silke.kropacek@gmx.at