Vergangenheitsbewältigung: „Kultur der Zigeuner nicht sterben lassen“

Erstellt am 18. August 2022 | 04:06
Lesezeit: 6 Min
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„Vom Zigeuner zum Jenischen“: Unternehmer Markus Josl über die Blüte und den Niedergang des „fahrenden Volkes“ nördlich der Donau.
Foto: privat
Markus Josl, bekennender Nachfahre der „Messerschleifer-Gang“ in Amaliendorf, arbeitete Geschichte seiner Vorfahren auf.
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„Die Klischees über Zigeuner stimmen großteils. So gab es die berüchtigte Messerschleifer-Gang in Amaliendorf wirklich, mein Ururgroßvater war ihr Chef.“ Markus Josl, in Heidenreichstein aufgewachsener und in der Schremser Katastralgemeinde Langegg lebender Unternehmer, Redner und Berater ist unter die Autoren gegangen. Und er nimmt sich im vorige Woche erschienenen Werk „Vom Zigeuner zum Jenischen“ kein Blatt vor den Mund.

Fad war dem 33-Jährigen auch davor nicht gewesen. Er ist nach eigener Auskunft an sechs Unternehmen beteiligt, ist wie berichtet Mitbesitzer der ehemaligen Ergee-Fabrik in Schrems und der Waldviertler Spielewelt mit Pension in Hoheneich, übernahm heuer mit Partnern das Café im EKZ Waidhofen. Er hat in den Bereichen Nahrungsergänzungsmittel, Vermietung und Verkauf von Immobilien in Nieder- und Oberösterreich genauso zu tun wie in den Bereichen Reinigung & Alltagshilfe.

Das Buch nicht zu veröffentlichen, wäre ein historisches Verbrechen für mich als Nachfahre.“

„Kultur, die mein Leben und meine Identität ausmacht.“

Aber, so Josl im NÖN-Gespräch: „Es ging einfach darum, jene Kultur, die mein Leben und meine Identität ausmacht, nicht sterben zu lassen. Dieses Buch ist auch wichtig für eine Entmystifizierung von Zigeunern, und es ist durch ein Wörterbuch auch etwas für jene Nachfahren, die keine Gelegenheit mehr hatten, unsere Sprache zu lernen“, betont er.

Aus der eigenen Verwandtschaft habe es eine Morddrohung für den Fall einer Veröffentlichung gegeben, „das Buch nicht zu veröffentlichen, wäre aber ein historisches Verbrechen für mich als Nachfahre. Und noch lebe ich.“

Vom Leben auf der „Gstrade“

Die großen Geheimnisse an sich verrät Josl auf den 106 Seiten – darin das 33-seitige Glossar über die Sprache seiner Ahnen, die er als „Urform“ des „Jenischen“ bezeichnet – gar nicht. Er gibt Einblicke in den Alltag in Gruppen von fahrenden Völkern nördlich der Donau im heutigen Nieder- und Oberösterreich, Südmähren und Südböhmen, in deren Organisation, Hierarchien, Sichtweisen oder in die Art, Konflikte zu lösen. Schlecht sei es ihnen bis zur Zeit des Nationalsozialismus nicht gegangen, sie seien als Handwerker geschätzt und als Händler begabt gewesen, seien Sesshaften offenherzig begegnet – und hätten nebenbei halt mitunter als Diebe oder Schmuggler gearbeitet.

Das Wort „Tschipse“ als Abwandlung des englischen „Gypsy“ für „Zigeuner“ sei in keinem negativen Kontext gestanden, es habe vielmehr stolz gemacht, Zugehörigkeit und Werte vermittelt. Wer dazu gehörte, das sei nach außen wegen des nordischen Einflusses des Volkes auf der „Gstrade“ – der Straße – im Gegensatz zu Roma oder Sinti für Sesshafte oft gar nicht leicht erkennbar gewesen. Immer wieder seien etwa blonde Kinder mit blauen Augen dokumentiert, schmunzelt Josl.

Was die Sache so brisant macht, dass man um sein Leben fürchten sollte?

Das hat für Markus Josl eng mit der Verfolgung der „Fahrenden“ als „Systemfeinde“ während des Nationalsozialismus, mit Angst, Frust und Scham zu tun. „Kultur und Sprache sind erblasst, heute ist das Thema für die Leute weit weg – unter 60-Jährige, die die Sprache kennen, kann ich auf einer Hand abzählen.“

Viele Spuren seien in Polen, wohin ein Großteil vor den Nazis geflüchtet war, erloschen. Gewachsene Strukturen und auch Verbindungen zwischen Gruppen seien zerstört, Überlebende durch weggebrochene Geschäftsfelder in Armut oder Kriminalität – oder in gegenseitige Rivalitäten – getrieben worden. Einige hätten in der Nachkriegszeit bürgerliche Existenzen aufbauen können, andere den Anschluss nicht geschafft. „Viele kamen auf der ‚Gstrade‘ zur Welt, haben nie lesen und schreiben gelernt, ausschließlich in Wägen gewohnt“, sagt Josl. Das Leben, das sie kannten, habe nicht mehr existiert. Etliche seien in Identifikationskrisen geschlittert, „fast jeder Zigeuner, der kein Roma oder Sinti war, zählte sich von da an zu den Jenischen“.

Das waren davor für Fahrende nördlich der Donau demnach Nicht-Sesshafte primär in Tirol und Kärnten – mit nicht identer Sprache. Die Sprache derer, die sich vor der Nazi-Zeit noch selbst stolz als „Tschipse“ und „Zigeuner“ bezeichnet hatten, sei mehr und mehr verschwunden, sagt Josl. Das Wort „Zigeuner“ sei allmählich sogar innerhalb der Gemeinschaften zu einem Schimpfwort geworden: „Viele wollten sich nicht mehr so nennen… meine Familie aber schon.“

Interviews und Überlieferungen aus drei Generationen

Woher der Jungautor seine Informationen bezog? Die Basis hätten eine des Schreibens mächtige Uroma und ein Opa mit schriftlichen Überlieferungen inklusive Stammbäumen hinterlassen, erklärt er. Ein Onkel habe die Geschichte aufgearbeitet, seine Arbeit aber krankheitsbedingt nicht abschließen können – und das Material an den Neffen weitergegeben.

2018 habe ihn die Tante bei der Ehre gepackt, blickt Markus Josl zurück. Das Projekt habe Fahrt aufgenommen, mehr als 30 Zeitzeugen zwischen Budapest und München seien kontaktiert worden. Ein Großteil habe erst abgewunken, sagt er. Dann seien einige doch wieder auf ihn zugekommen. Für das Buch blieben letztlich trotzdem nur acht Gesprächspartner, geboren zwischen 1937 und 1986.

Zentrale Erkenntnis aus allen Gesprächen für die eigene Identität: „Kein einziger Befragter hat angegeben, von einem ‚Gadsche‘ – einem Nicht-Zigeuner – je diskriminiert worden zu sein. Gehässigkeit gibt es zwischen Fahrenden nur untereinander – teils leider durch Denkweisen, die im 21. Jahrhundert nichts verloren haben.“

Verkaufen wie ein „Tschipse“

 Parallel zur Arbeit am Buch startete Josl auf einer weiteren Ebene: Er wurde Redner und Berater, hält Vorträge etwa für Betriebe online und in Präsenz. Dazu ist ein zweites Werk in der finalen Phase: In „Sell like a Gypsy“ will Markus Josl anhand des Wissens aus seiner Kultur vermitteln, wie man „offensiv ein Geschäft gründet und mit einer Idee erfolgreich wird“.

Während der Arbeiten sei ihm nämlich bewusst geworden, dass er als „Tschipse“ auf einer Goldader sitze: „Es geht einfach darum, die Einstellung, Sichtweisen und Motivation meiner Vorfahren weiterzugeben – das Wissen und die Verkaufstechnik ins digitale Zeitalter zu transferieren.“ Die hätten Probleme nicht in einem negativen Kontext wahrgenommen, sondern als Chance, „sie haben dem Leben wohlgesonnnen und unbeschwert entgegen geblickt. Meine Großeltern habe ich nur herzlich erlebt und nie traurig – obwohl sie alle Gründe dafür gehabt hätten.“

Der 1995 gestorbene Opa sei es gewesen, der ihn schon als Fünfjährigen das Verkaufen gelehrt habe. „Er war der Letzte, der im Waldviertel auf die Gstrade gegangen ist.“

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