Graf nach CoV-Jahr: "Ich fürchte mich überhaupt nicht". Gmünder Unternehmensgruppe Leyrer + Graf mit 2.400 Beschäftigten kam souverän durchs CoV-Jahr 2020. Markus Lohninger im Gespräch mit CEO Stefan Graf über Virales, die W4-Autobahn, den Sport – und „pathologischen Optimismus“.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 28. Januar 2021 (03:24)
„Stehen bleiben, innehalten, neu orientieren“: Stefan Graf führt die Unternehmensgruppe Leyrer + Graf mit etwa 2.400 Mitarbeitern und gut 430 Millionen Euro Jahresumsatz mit Sitz in Gmünd.
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NÖN: Ein Interview mit dem CEO des größten NÖ Bauunternehmens und Top-Arbeitgebers mit Sitz im Waldviertel kann im Jahr eins nach Ausbruch der Covid-Pandemie wohl mit keiner anderen Frage als jener nach den Auswirkungen des Virus beginnen. Wie hat es das Geschäftsjahr 2020 bei Leyrer + Graf beeinflusst?

Stefan Graf: Wir spürten natürlich die Auswirkungen, aber der massive Einschlag wie in anderen Branchen ist in der Bauwirtschaft glücklicherweise – noch – nicht angekommen. Im Geschäftsjahr 2020 hatten wir einen Umsatzrückgang von etwa fünf Prozent. Damit müssen wir zufrieden sein, wir kamen hinsichtlich Umsatz und Rendite relativ gut davon. Wichtige Projekte wie das Heidi-Horten-Museum Wien, der Bau des Lidl-Großlagers Großebersdorf oder der S3-Ausbau bei Hollabrunn und die A4-Erweiterung, aber auch immer stärkere Präsenz in St. Pölten und Wiener Neustadt sind Symptome für eine sehr gute Entwicklung, die Mut macht.

Ein Grund für den Rückgang liegt auf der Hand: Die ersten Wochen des Lockdowns im März stand auch L + G weitgehend still…

Graf: Ja, die zweite Märzhälfte tat weh. Wir konnten einiges wieder gutmachen, weil witterungsbedingt ein Arbeiten bis weit in den Winter hinein möglich war. Wir hatten mit Jahresende rund 2.400 Beschäftigte im Einsatz. Ich sehe 2020 rückblickend aber auch als Jahr der Konsolidierung: 2019 war ein absolutes Rekordjahr, in dem wir schon leichte Überhitzungs-Erscheinungen gespürt hatten.

Wie hat sich Leyrer + Graf auf die neuen Bedingungen eingestellt?

Graf: Die ersten Wochen waren fordernd. Wir wollten arbeiten, aber es war unklar, ob wir sollen, können, dürfen oder müssen. Wir wollten die Mitarbeiter auf keinen Fall gefährden. Am Montag nach dem ersten Lockdown hatte ich um 9 Uhr den ersten Anruf eines Kunden, der erwartete, dass weitergearbeitet wird. Zugleich wurden Leute oft angefeindet, wenn sie auf Baustellen arbeiteten. Es war eine sehr schwierige Situation, die Sichtweisen von Kunden, Beschäftigten und Arbeitgebern waren in der Zeit allesamt verständlich. In Zeiten der Krise schaltet die Logik teils aus, die Emotionen übernehmen. Wir haben entschieden, stehen zu bleiben, innezuhalten und uns neu zu orientieren.

Welche Rolle spielt Covid-19 heute im Unternehmen?

Graf: Heute können wir auf den Erfahrungen vom Frühjahr bauen. Es hat sich gezeigt, dass das Infektionsrisiko bei der Arbeit im Freien gering ist. Im Büro haben wir einen guten Mix aus Telearbeit und Präsenz mit mobilen Plexiglaswänden in Räumen mit zwei Beschäftigten gefunden. Auf Dauer ist die Büropräsenz sicher optimal, auch wegen des Kontaktes zu Kollegen in Angelegenheiten, die einer Entscheidung bedürfen. Aber man braucht die Flexibilität. Es hat sich gut eingependelt, die Zahlen bestätigen uns: Sieben Infektionen und doppelt so viele Quarantänefälle bei gut 2.400 Beschäftigen sind wenig, unser Maßnahmen-Mix greift.

Was wird die nahe Zukunft für die Baubranche bringen?

Graf: Viele Aufträge sind langfristig und laufen daher weiter. Aber was kommt nachher? Nach der Finanzkrise 2008 dauerte es bis 2010, ehe das Tief die Bauwirtschaft erreichte… unsere Mitarbeiter sind kraftvoll durchmarschiert. Es wird sich zeigen, wie es nun mit Investitionen von privater und öffentlicher Seite weitergeht. Wie stark kommen angekündigte Infrastrukturpakete tatsächlich? Wie und wie langfristig wirken sich Investitionsprämien aus? Ich sehe Licht am Ende des Tunnels und hoffe auf ein „normales“ Leben ab Herbst. Aber es gibt sehr viele Fragezeichen wie die Wirkung der Impfung, Virus-Mutationen, Verhalten von Bevölkerung und öffentlicher Hand – es braucht Gelassenheit und Geduld.

Leyrer + Graf hat in den vergangenen Jahren offensiv gegen Krisen investiert, sich in vielen Bereichen neu aufgestellt. Wie sieht es in der Hinsicht aktuell aus?

Graf: Ja, wir sind in Gmünd sehr bewusst ein starkes Programm gefahren, haben zuletzt auch in Horn und Schwechat ausgebaut und so insgesamt gute Grundlagen geschaffen. Ab Jahresmitte wollen wir die Dächer aller Hauptstandorte mit Photovoltaik ausrüsten. Wir hatten das Thema schon im Auge, weil wir unsere ökologische Verantwortung wahrnehmen wollen, jetzt ziehen wir es durch. Der Bürozubau in Gmünd wurde zum Beispiel mit einer Klimaanlage ausgestattet, weil die Sommer wärmer werden – schön, wenn wir damit dank Photovoltaik klimaneutral bleiben.

Von welcher Dimension sprechen wir hier?

Graf: Das ist ein Millionenbetrag. Wenn wir etwas machen, dann machen wir es ordentlich.

Die Wirtschaft wird vermutlich irgendwann durchgeschüttelt, wenn staatliche Programme auslaufen oder nicht mehr finanzierbar sind. Wie blicken Sie dieser Phase entgegen?

Graf: Mir gefällt die Beschreibung des pathologischen Optimisten, irgendwas davon steckt auch in mir (lacht). Das Bevölkerungswachstum ist der Treiber des Wirtschaftswachstums und damit des Wohlstandes. Lang-fristig wird sich daher die Wirtschaft sicher erholen. Wir wollen diesen Weg mitgehen: Wenn wir unsere Arbeit gut machen und unsere Kunden zufriedenstellen, dann können wir mit der Wirtschaft mitwachsen. Zwischendurch schwierige Situationen, in denen wir uns anstrengen, über Grenzen gegangen und durchgebissen werden muss, hat es immer gegeben und wird es immer geben. Willst du was erreichen, musst du reinbeißen. Dazu sind wir wild entschlossen. Wir haben eine klare Strategie, sind gut gerüstet. Insofern fürchte ich mich überhaupt nicht – weder kurz-, mittel-, noch langfristig.

Inwiefern hatte die Pandemie Auswirkungen auf Aspekte wie Unternehmenskultur, Herangehensweisen an bestimmte Themen, Prozesse? Wie ist das Personal bisher damit umgegangen?

Graf: Natürlich belastet so etwas. Es belastet jeden Einzelnen, die Familie, im Freundeskreis, in Unternehmen und die ganze Gesellschaft. Wir dürfen uns aber von einer Pandemie, die ja nicht die erste der Menschheit ist, nicht aus der Bahn werfen lassen. Ich nehme eine Polarisierung, die ich in der Gesellschaft weltweit mitverfolge, bei Leyrer + Graf nicht wahr. Es gab natürlich viele Fragen und Unsicherheiten, doch es heißt, in der Krise zeigt sich der wahre Charakter – für mich hat sich der herrliche Charakter, die Robust-heit und Tragfähigkeit unseres Unternehmens gezeigt. Wir haben Erkenntnisse gewonnen, das Herangehen an manche Themen beschleunigt – und Chancen, die eine Krise bietet, vielfach genutzt. Wir waren schon vor Corona stark digitalisiert, die Systeme waren vorbereitet, etwa auf das Thema Videokonferenzen. Der Rahmen der Telearbeit wird langfristig definitiv erweitert werden, das Gleitzeit-Thema müssen wir künftig mitdenken.

Themenwechsel: Wie bewerten Sie als glühender Waldviertler die Abkehr des Landes NÖ von der Idee einer „Waldviertel-Autobahn“? Wie stehen Sie zum heiß diskutierten „Mobilitätspaket“ für Straße und Schiene?

Graf: Mobilität ist ein Grundpfeiler für Wohlstand, dafür braucht es einen gesunden Mix aus Breitband, Schiene und Straße. Ich begrüße es, dass auf allen drei Ebenen etwas passiert. Glücklich bin ich jedoch mit den aktuellen Plänen nicht: Ziel muss eine hochrangige Straßenverbindung ins Waldviertel bleiben, wie es sie in jedes andere Viertel auch gibt. Schwierig wird die Sache, weil nicht ausgewogen und sachlich, sondern emotional mit verzerrten Bildern wie jenem einer sechsspurigen Transitautobahn diskutiert wird. Meine Vision ist eine Verlängerung der Schnellstraße von Wien über Krems auf der bestehenden Trasse ins Waldviertel. Dafür braucht es keine weitere Schneise, sondern teils nicht viel mehr als eine Spurzulegung. Investitionen in die Bahn sind wichtig und gut investiertes Geld. Nur sehe ich kein Gleichgewicht, wenn 1,35 von gesamt 1,80 Milliarden Euro in die Bahn fließen. 220 Millionen für die Straße sind dazu, auch wenn es nun 440 sein sollen, ein Missverhältnis – das über einen Zeitraum bis zu 15 Jahren gedacht ist, sich dann verdünnt. Es ist nicht der mutige Wurf, den das Waldviertel dringend bräuchte.

Bleiben wir im Waldviertel, aber kommen wir zum Fußball: Der SV Horn sorgt als regionaler Spitzenklub durch Turbulenzen im Umfeld seit Jahren mitunter für mehr Schlagzeilen als am Rasen. Wie verfolgen Sie als einer der Hauptsponsoren das Treiben, und wie bewerten Sie Ihr Engagement?

Graf: Ich beobachte die Situation sehr genau, auch kritisch, und bin damit nicht sehr glücklich. Jeder kann in unruhige Zeiten kommen, aber das hält hier schon wirklich lange an. Es braucht robuste Antworten auf wichtige Fragen. Mich interessiert vor allem, wie die Pläne aussehen, sich wieder auf stabilere Zeiten hinbewegen zu können. Ich möchte jedenfalls, dass sich Leyrer + Graf mit Gewinnertypen umgibt – intern und auch extern.

Welchen Stellenwert hat Sportsponsoring für Leyrer + Graf?

Graf: Einen hohen – weil der Sport einen ganz wichtigen Stellenwert für die Gesundheit, für die Gesellschaft, für die Jugend und die Kinder hat. Wir erhalten wirklich sehr viele Sponsoring-Anfragen und freuen uns über so viele Träume, Visionen und so hohes Engagement, leider müssen wir immer wieder Anfragende aufgrund der Menge enttäuschen. Wir verfolgen eine klare Linie, fördern an den Firmen-Standorten gezielt Sportvereine. Mein persönliches Herz schlägt für die Basketballer vom UBBC Gmünd, bei dem auch meine Söhne spielen.