Ein Relikt wird reaktiviert. Begräbnisse in traditioneller Kutsche / Historischer Leichenwagen von Litschau soll wieder regelmäßig buchbar werden. Der bislang letzte Kutscher Johann Hirsch erinnert sich.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 28. August 2014 (08:02)
NOEN, privat
Die im Jahr 2003 renovierte Litschauer Bestattungskutsche soll schon bald eine Renaissance erfahren.

Elf Jahre, nachdem der Litschauer Kurt Viertlmayr die im Jahr 1910 gebaute Bestattungskutsche der Stadtgemeinde Litschau renoviert hat, könnte diese schon bald eine Renaissance erleben: Der Wagnermeister will in Zusammenarbeit mit dem Litschauer Bestattungs-Unternehmen Glaubauf wieder Begräbnisse mit der Originalkutsche organisieren.

„Wir möchten Begräbnisfeiern künftig auf traditionelle Art anbieten“, bestätigt Viertlmayr. Das Gefährt, das vor seiner Renovierung im Feuerwehrhaus von Loimanns stand und dank der Unterstützung der Stadtgemeinde und einiger Freiwilliger vor der Zerstörung gerettet wurde, war seit der Renovierung erst zweimal im Einsatz. Nachdem es zwischenzeitlich in der nun geschlossenen Tischlerei Eglau in Eisgarn stand, hat es jetzt eine neue Bleibe im Fuhrpark der Bestatter gefunden.

Dringend gesucht: Ein Kutscher mit Pferden 

Eine wichtige Hürde gilt es für Viertlmayr vor der regelmäßigen Inbetriebnahme noch zu meistern: „Wir suchen einen Kutscher mit Pferden.“

Warum diese Suche alles andere als ein Kinderspiel ist, das erklärt der Mann, der diesen Job als bisher Letzter in Litschau ausgeführt hat: Johann Hirsch aus Loimanns. „Ich hatte zwei Rösser, die geschickt und langsam genug waren, damit ein würdiges Begräbnis möglich war“, erinnert sich der beeindruckend agile 92-Jährige: „Sie durften nicht zu jung und wild sein, genauso aber nicht zu scheu, sonst hätten sie die Musik nicht ausgehalten. Es wäre ein Malheur gewesen, wenn die Rösser während der Prozession aufgesprungen wären.“ Er konnte dafür garantieren, dass seine Vierbeiner ruhig blieben.

Johann Hirsch blickt auf bewegte Jahre auf der Kutsche zurück, bevor das erste Bestattungsauto angekauft wurde. Seine Landwirtschaft alleine hatte mit 10 Hektar zu wenig abgeworfen, also fuhr er den Leichenwagen und arbeitete als Draufgabe über 20 Jahre in der Glasfabrik in Nagelberg (davon 15 Jahre als Portier). Hatte er ein Begräbnis, dann tauschte er den Dienst mit einem Kollegen.

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg

Auf heiße Sommer hinter den Rössern blickt er zurück, genauso auf klirrend kalte Winter. Letztere waren mitunter brutal: „Man musste ja langsam fahren, den weiten Weg in die Dörfer und bis zur Grenze rauf.“ Leichenhalle gab es damals noch keine. „Also wurden die Verstorbenen in ihren Wohnungen aufgebahrt. Wir mussten sie holen, vom Haus zur Kirche und von dort zum Friedhof bringen. Alles im Schritttempo und dazwischen mit Wartezeiten.“

Kommt der Loimannser auf die Kälte zu sprechen, dann kommen ungebeten die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg in ihm hoch. Als 18-Jähriger musste er in den Zweiten Weltkrieg einrücken, verbrachte die Winter 1940 bis 1942 im tiefsten Russland.

„Wir waren alle fast ohne Winterausrüstung. Die Kälte war katastrophal, einfach nicht vorstellbar. Was wir mitgemacht haben in den Tagen und Nächten, das glaubt einem heute keiner mehr“, sagt Hirsch: „Hitler hat den Menschen was angetan. Es sind so viele junge Leute gefallen für nichts. Da waren Stunden dabei, in denen du denkst, alle paar Minuten ist es jetzt aus – entweder du lebst, oder du stirbst.“

Tod auch nach dem Krieg Begleiter

Er selber hatte Glück. In drei Gefechten wurde er von Kollegen schwer verletzt aus dem Gelände geholt, neben dem Auge steckt heute noch ein Granatensplitter. Niemand hatte damals Zeit, ihn herauszuholen.

14 Tage verbrachte er zuletzt im Militärzug von Mittelrussland retour nach Hamburg, mit aufgehängtem Bein. Eine Operation war bis dahin nicht möglich gewesen. „Viele sind gestorben während der Fahrt.“ Bis Kriegsende kam der wieder genesene Johann Hirsch noch durch halb Europa, nach Belgien, Holland, Frankreich und wieder nach Deutschland, wo er zum Schluss der britischen Gefangenschaft entkam.

Der Tod blieb ihm auch nach dem Krieg ein Begleiter. Die Hoffnung und der Wille, weiterzumachen, aber genauso.