Bürgermeisterin Göll: „Böse Stimmen wurden leiser“. Margit Göll sprach mit Karin Pollak über die Krise und die Region.

Von Karin Pollak. Erstellt am 09. April 2020 (12:42)
Margit Göll , Bürgermeisterin von Harbach und Landtagsabgeordnete.
privat

NÖN: Moorbad Harbach ist primär bekannt als Tourismusgemeinde. Tourismus gibt es jetzt keinen. Wie gehen Sie damit um?

Göll: Das Schlimmste ist, dass die Gemeinde total ausgestorben ist. Das Moorheilbad und alle Gasthäuser haben geschlossen. Die Stimmung ist am Tiefpunkt. Das Ostergeschäft fällt aus, ebenso Familienfeiern, die es mit Erstkommunionen, Firmungen oder Hochzeiten gegeben hätte. Einige Gasthäuser liefern Menüs aus und sorgen damit für kostengünstiges, regionales Essen. Auch bei einigen Landwirten wird der Ab-Hof-Verkauf angeboten. Unser Greißler ist ein wichtiger Nahversorger.

Wie bewerten Sie insgesamt die Situation in Ihrer Gemeinde?

Margit Göll: Ich bin fast täglich am Gemeindeamt. Wir arbeiten derzeit mit zwei Teams, auch am Bauhof. Die Arbeit gehört ja gemacht, und davon gibt es derzeit viel. Wir haben einen Hilfspool erstellt. Daran beteiligen sich viele Freiwillige, es sind kreative Ideen entstanden.

Was ist für einen Bürgermeister derzeit besonders wichtig?

Göll: Wir müssen uns in einem Krisenstab auf die schlimmsten Szenarien vorbereiten, damit wir, sollten sie eintreffen, sofort reagieren können. Ein Kanal oder eine Wasserleitung kann jederzeit kaputt gehen. Daneben läuft die alltägliche Arbeit weiter. Die Mitarbeiter bauen auch Überstunden und Urlaube ab. Mit den Gemeinderäten gibt es Videokonferenzen. Für die Betriebe werden wir Erleichterungen bei den Abgaben schaffen. Das wird auch bei der Abwassergenossenschaft so sein.

Sie sind ja auch Abgeordnete und Gemeindebundobfrau. Wie üben Sie diese Funktionen aus?

Göll: Erst danke ich allen Bürgermeistern für ihre Arbeit als Krisenmanager in ihren Gemeinden. Alle arbeiten hervorragend. Auf Landesebene fehlen jetzt Repräsentationstermine. Trotzdem wird gearbeitet. Wir haben häufig Videokonferenzen, mit dem VP-Klub bin ich per Telefon und Whatsapp ständig in Kontakt.

Sehen Sie Positives in der Krise?

Göll: Der Stellenwert der Landwirte hat sich enorm verbessert. Das Umdenken in der Bevölkerung ist spürbar. Viele schätzen wieder die hochwertigen Produkte, die Bauern produzieren. Ich hoffe, das bleibt so. Auch Familien leisten derzeit hervorragende Arbeit, sind zusammengerückt. Davon profitieren vor allem die Kinder. Vielleicht kann man in Zukunft auch mehr von zuhause aus erledigen. Laute und böse Stimmen sind leiser geworden. Es ist schön, wenn Leute sich gegenseitig helfen.

Wird Corona das Leben verändern?

Göll: Ich glaube ja. Es muss wieder gelingen, die Versorgung in der Region zu stärken. Das kann durch Hof- und Weideschlachtungen gelingen, Tiertransporte wären nicht mehr nötig. Viele Berufsgruppen haben endlich einen besseren Stellenwert in der Gesellschaft. Auch der Blick auf die eigene Gesundheit hat sich verbessert. Beim Kochen wird mehr zu Produkten aus dem Garten und der Region gegriffen. Dazu werden wir ein Kochbuch herausgeben: Rezepte von Gerichten, die während der Krise gekocht wurden, sollen an diese schlimme Zeit erinnern.