Kiefeln an Folgen der Überalterung im Bezirk Gmünd. Einwohnerzahl im Bezirk Gmünd bleibt rückläufig – allerdings ausschließlich wegen negativer Geburtenbilanz.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 22. Januar 2020 (18:09)
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Der alljährliche Rundruf unter allen 21 Gemeindeämtern des Gmünder Bezirkes bestätigt eine Entwicklung, die gleichwohl Freude und auch Besorgnis auslöst: Die Zeiten der Abwanderung sind definitiv vorbei, der Bezirk verliert aber infolge der Überalterung an Einwohnern. Wie 2018 war das Minus in der Bevölkerungsbilanz im Vorjahr komplett durch den Überhang von Todesfällen gegenüber Geburten verursacht.

Binnen fünf Jahren gingen insgesamt 823 Haupt- und 302 Nebenwohnsitzer verloren, 36.608 Hauptwohnsitzer per 31. Dezember 2019 bedeuten einen Tiefststand in der Geschichte des Gmünder Bezirkes.

Größtes Minus in Litschau

Den höchsten Aderlass musste 2019 die Stadtgemeinde Litschau hinnehmen, sie rutschte in der Bilanz mit 2.180 Hauptwohnsitzern hinter die Marktgemeinde Großdietmanns (2.216). 72 Sterbefälle übertrafen 17 Geburten um mehr als das Vierfache. Immerhin stand minus 77 Haupt- ein Plus von 45 Nebenwohnsitzern gegenüber. Bürgermeister Rainer Hirschmann (ÖVP) weist auf zahlreiche Maßnahmen der Gemeinde hin, die gegensteuern sollen: Man habe in den vergangenen Jahren Bauland geschaffen, bewerbe leerstehende Wohnungen und suche ständig den Kontakt mit Siedlungsgenossenschaften als potenzielle Bauträger.

Gmünd: Minus trotz Baubooms

Die Bezirkshauptstadt verlor 2019 etwas mehr Einwohner, als durch die negative Geburtenbilanz verursacht waren – trotz reger privater Bautätigkeit im Wasserfeld oder beim Harabruckteich. Freier und leistbarer Miet- Wohnraum ist knapp (Seite 7). Im Bereich Schulgasse/Schremser Straße soll wie berichtet neues Bauland geschaffen werden, auch ein neuer Genossenschaftsbau soll sich anbahnen.

Schrems leidet unter demografischer Entwicklung

Über fünf Jahre gesehen, hat Schrems mit einem Minus von 162 auf nun 5.386 Hauptwohnsitzer den größten Verlust zu verkraften, ist aber immer noch einwohnerstärkste Stadtgemeinde im Bezirk. Mehr als doppelt so viele Sterbefälle wie Geburten vermiesten 2019 die an sich erfreuliche Entwicklung, dass es mehr Zuzug als Wegzug in die Gemeinde gab.

Die Entwicklung schmerze, sagt Bürgermeister Karl Harrer (SPÖ) – das tut sie auch finanziell, weil für Hauptwohnsitzer Ertragsanteile des Bundes ausgeschüttet werden. Man lasse keine Chance aus, um gegen den Trend zu arbeiten, nennt Harrer das laufende Wohnprojekt Berggasse, den fortschreitenden Ausbau im Wohnpark oder Bauland-Schaffungen in den Katastralgemeinden Langschwarza, Kottinghörmanns sowie Niederschrems. Und, so Harrer: „Für die Stadt Schrems ist ein Genossenschafts-Bau im Anmarsch.“

Brand-Nagelberg: Last für Gemeinde wird schwerer

15 Hauptwohnsitzer im Vorjahr sind in der Marktgemeinde Brand-Nagelberg nicht extrem, ein Minus von 112 binnen von fünf Jahren bedeutet aber gleich hinter der mehr als dreimal größeren Gemeinde Schrems den zweitgrößten Verlust im Bezirk. Auch die Zahl der Nebenwohnsitzer ging seit 2014 um 47 zurück.

Das Wegziehen oder Sterben könne man nicht beeinflussen, sagt SP-Bürgermeister Franz Freisehner: „Wir haben einmal eine überalterte Gesellschaft.“ Alleine im Vorjahr seien 32 Personen aus der Gemeinde gestorben, auch etliche, die als Heimbewohner in anderen Gemeinden gemeldet waren. In vielen günstigen Wohnungen der ehemaligen Glasmacher-Metropole herrsche ständige Fluktuation. „Ein Problem wird werden, dass die Immer-Weniger-Werdenden die finanzielle Last, die nicht weniger wird, tragen müssen“, sorgt sich der Gemeindechef.

Heidenreichstein: Spirale dreht sich

„Wenn man 50 bis 70 Todesfälle in einem Jahr verkraften muss und die Geburten nur halb so viel ausmachen, dann kann sich die Spirale nur nach unten drehen“, analysiert Bürgermeister Gerhard Kirchmaier (SPÖ) auch für Heidenreichstein. Zuzug und Wegzug hielten sich im Vorjahr genau die Waage, 2019 wurden 23, in fünf Jahren 103 Hauptwohnsitzer verloren.

Wirtschaftlich gehe es seit Jahren wieder bergauf in der Burgstadt, die Voraussetzungen für Ansiedlungen bewertet Kirchmaier positiv: „Der Kindergarten wurde ausgebaut, es gibt keine Warteliste mehr. Die Mittelschule ist saniert, und wir planen für die nächsten Jahre den Neubau der Volksschule.“

Harbach als Gewinner-Gemeinde

Die Sonne scheint indes für Bürgermeisterin Margit Göll (ÖVP) in der Gemeinde Moorbad Harbach: Sie freut sich über Zuwächse bei Haupt- und auch Nebenwohnsitzern 2019, binnen fünf Jahren legten beide Werte um 50 bzw. 48 auf bereits 734 Haupt- und 222 Nebenwohnsitzer zu. Eine vergleichbare Entwicklung machte keine andere Gemeinde im Bezirk Gmünd.

„Wir liegen nicht zentral, sind aber ein attraktiver Wohnstandort inmitten der Natur mit Schule, Einkaufs- und Freizeit-Möglichkeiten“, so Göll. Wohnen sei im Vergleich zu Städten erschwinglich, Junge würden häufig noch zu Eltern dazu bauen. Zuzug nimmt Göll von Familien wahr, durch Mitarbeiter bzw. begeisterte Gäste des Moorheilbades oder auch Akademiker, die nach Wien auspendeln bzw. im Homeoffice arbeiten. Den für Juni geplanten Glasfaserbau-Start sieht sie daher als richtigen Schritt. Genauso fiebert sie der anstehenden Sanierung der Volksschule entgegen.

Großdietmanns: Gemeinde überholte Stadt

Die Marktgemeinde Großdietmanns schrumpfte in fünf Jahren um 57 Hauptwohnsitzer, verzeichnete 2019 aber das größte Plus und zog in Bilanz an der Stadtgemeinde Litschau vorbei auf Rang fünf des Bezirks-Rankings. Den Umschwung bemerkt Bürgermeister Erhart Weißenböck (ÖVP) auch bei der Nachfrage nach Bauplätzen: „Daher wird an der Erweiterung des Entwicklungsgebietes Spanbichl um 21 Bauplätze gearbeitet.“ Bis Herbst soll die Infrastruktur geschaffen werden.

In Hörmanns werden gerade drei neue Bauplätze geschaffen.

Generell verfolgt die Gemeinde einen neuen Weg, wie Weißenböck erklärt: Sie will verstärkt leerstehende alte Gebäude kaufen, wegreißen und neue Bauplätze zur Verfügung stellen. „Das hat einen weiteren Vorteil: Die Ortschaften werden verschönt. Wir wollen wachsen.“

Weitra: Sterben als Tagesthema

Das Sterben ist in der Stadtgemeinde Weitra ein Tagesthema. „Bis 16. Jänner waren bereits 16 Sterbefälle zu verzeichnen“, schüttelt VP-Bürgermeister Raimund Fuchs den Kopf. Das ist natürlich auch durch das Pflegeheim bedingt – das der Gemeinde allerdings auch Hauptwohnsitzer bringt. Um 60 Hauptwohnsitzer ging die Bevölkerung seit 2014 auf 2.650 zurück, um zehn im Vorjahr. Dass das Minus nicht größer ausfiel, war kräftigem Zuzug zu verdanken. Und darauf setzt auch Fuchs: „Die neue Wohnhausanlage in der Bergzeile und Bauland, das erschlossen werden soll, könnten neue Bewohner bringen. Die Nachfrage nach einem Bauplatz oder einer Wohnung in Weitra ist jedenfalls groß.“