Leuchtturm-Projekt der Gmünder Glasmacher vor Abschluss. Gmünd wird Europas Glasfaser-Hauptstadt. Die letzte Etappe des 50-Mio.-Euro-Glaswerkes der NBG-Gruppe läuft: Über Visionen, Rückschläge, Beharrlichkeit, Waldviertler Qualität – und das allgegenwärtige Thema Covid-19.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 03. Februar 2021 (05:18)

Ein Jahrhundertprojekt der NBG-Gruppe steht vor dem Abschluss: Läuft alles nach Plan, dann sind bis März alle Vorlauf-Prozesse abgeschlossen und kann in Gmünd die Serienproduktion hochwertigster Glasfaser-Rohkörper aufgenommen werden. Die in der Rekordzeit von eineinhalb Jahren errichtete Produktionsstätte ist mit Kosten von mehr als 50 Millionen Euro eine der teuersten Einzelinvestitionen aus privater Hand, die im Waldviertel je getätigt wurden.

Die Nachfrage nach den hier produzierten „Preforms“ – aus denen in eigenen Werken feinste Glasfaser gezogen wird – übersteigt mit 11,5 Millionen Faserkilometern die Kapazität um mehr als das Doppelte. Also wird 2021 als Jahr der Stabilisierung gesehen, im Hinterkopf aber bereits der Gedanke an einen weiteren Ausbau gespielt.

Covid-19: Quertreiber und Antreiber zugleich

CoV hat das Projekt auf vielerlei Ebenen gestört, aber auch den Wert des Glaswerkes klar vor Augen geführt, sagt Andre Schönauer, Geschäftsführer der NBG Fiber GmbH: „Es hat gezeigt, dass die Glasfaser essenzieller Bestandteil der Infrastruktur einer Gesellschaft ist, wie sinnvoll Investitionen in solche Projekte sind – und welchen Nachholbedarf Länder wie Österreich und Deutschland noch haben. Digitale Infrastruktur ist das Top-Thema neben grüner Energie.“ Das Kommen von 5G-Standards werde die Nachfrage weiter ankurbeln. Alleine in Wuhan, wo das Virus seinen Anfang genommen hat, seien nach drei Lockdown-Monaten Ausschreibungen für 200 Millionen Faserkilometer – fast 40 Mal so viel wie die Jahreskapazität des Gmünder Werkes – für den 5G-Ausbau angelaufen.

Umsatz-Verdreifachung für heuer erwartet

Die NBG-Gruppe läuft seit bald einem Jahr in allen Unternehmungen auf Vollbetrieb, die Auftragsstände sind hoch wie nie und lasten auch den Ende 2020 erworbenen Schweizer Spezialkabel-Produzenten Solifos – der noch Reserven hatte – bereits voll aus. Für 2021 erwartet CEO Karl Bauer einen Umsatzsprung der NBG-Gruppe von 20 auf etwa 60 Millionen Euro.

Das Glaswerk sei ein Leuchtturm geworden, sagt Schönauer, „die gesamte Branche schaut auf uns. Das bringt auch unseren anderen Spezifikationen zusätzliche Aufmerksamkeit – etwas, das uns sehr stolz macht.“

Höhepunkte waren zu oft auch Tiefpunkte

Einen Grund für die Leuchtturm-Funktion kennt Glasfaser-Pionier Bauer – gelernter Elektrotechniker, der vor 25 Jahren einen Job in der Breitband-Sparte eines Elektrotechnik-Konzerns aufgegeben und mit Günther Neunteufel die damalige „NBG Neunteufel & Bauer Glasfasertechnik GmbH“ aufgebaut hatte – aus eigener Erfahrung. Der Weltbedarf für die Faser steigt seit Jahrzehnten, aber in Wellen. Bei Nachfrage-Spitzen kracht es an allen Ecken und Enden. „Als 2015 wieder ein massiver Engpass am Markt war, schauten wir und viele andere trotz fixer Verträge durch die Finger“, sagt Bauer.

Vier Milliardenkonzerne teilen sich demnach den Weltmarkt auf, geben Mindest- und tatsächliche Abnahmemengen vor. Das Problem: Sie sind Produzenten der Glasfaser-Rohmasse und arbeiten zugleich für Endkunden – müssen also bei Knappheit entscheiden, ob sie das Glas selbst verarbeiten oder darauf verzichten und es dem Mitbewerb verkaufen.

Ein großer Plan gegen die Ohnmacht am Markt

Bauer fasste 2015 einen Entschluss: „Zu einer solchen Ohnmacht darf es nicht mehr kommen! Es braucht eine unabhängige Produktionsstätte, die europäische Qualität bietet und nicht mit ihren Abnehmern im Mitbewerb um Endkunden steht.“ Die NBG-Gruppe sieht sich nicht als Mitbewerberin, sondern als verlängerte Werkbank für die Kabelindustrie, die selbst primär nur die Spezialitätenseite bedient.

Von den Kunden, die etwa bei der NBG-Tochter „NBG Tube“ gefertigte Röhrchen für die Faser kaufen, sei von Beginn an Unterstützung signalisiert worden.

Sechs Jahre später hat sich ein 32-köpfiges Spezialisten-Team gefunden, das gemeinsam mit Experten aus aller Welt das erste freie Glasfaser-Rohlingswerk in Europa hochfährt. Im fast partikelfreien Reinraum, dessen gigantische Lüftung das Volumen von mehr als 600 Wohnraumlüftungen in Wohnhäusern hat, werden hier aus Gasen in hochkomplexen, jeweils 120-stündigen Prozessen die 80kg schweren „Preforms“ gebrannt. Ab März soll in Gmünd die Masse für 5,2 Millionen Kilometer Glasfaser pro Jahr gebrannt werden, zehnmal so viel, wie innerhalb der NBG-Gruppe selbst benötigt wird.

Die Produktion des Kernglases läuft bereits erfolgreich, an jener für das darüber vorgesehene Mantelglas wird noch getüftelt – sie soll noch im Februar die Qualität für die Serienproduktion erreichen. Danach ist das Gmünder Werk startklar.

Der Weg zum aktuellen Punkt war steinig, wurde aber mit Zuversicht und Euphorie beschritten.

Ein Planungsjahr führte in die „One-way-road“

Karl Bauer begann 2015 die Suche nach Partnern für das Glaswerk. Den ersten fand er, bereits Kommerzialrat, Chef zweier NBG-Holdings und einer Schweizer AG mit gesamt 220 Beschäftigten, im Sohn eines alten Musikerfreundes: Er hatte Andre Schönauer aufwachsen sehen, ihn auf seinen beruflichen Wegen nie aus den Augen verloren und schließlich für den Wechsel in die NBG-Familie gewonnen. Schönauer war danach als Geschäftsführer der neu gegründeten „NBG Fiber GmbH“ für die Projekt-Ausarbeitung und Entwicklung verantwortlich.

„Das erste Jahr war gleich einmal ein Leerlauf“, kann er heute über eine bittere, aber lehrreiche Episode lachen. In London hätten nach intensiver Vorarbeit und guten Gesprächen Verträge mit einem 100-%-Investor unterzeichnet werden sollen. Dazu kam es nicht: Bei Durchsicht der finalen Details dämmerte, dass im Hintergrund einer der Weltkonzerne stand – und ganz eigene Pläne verfolgte. „Wir hätten mittlerweile das gesamte Unternehmen verloren“, sagt Bauer.

Es trotzdem machen

„Wir haben uns darauf geeinigt, das Projekt durchzuziehen. Man geht eben im Leben durch Höhen und Tiefen“, blickt Schönauer zurück. Die britischen Türen gingen schon vorm Brexit zu, dafür öffneten sich die Türen zu den Industriegrößen Franz Hrachowitz (Elin Motoren) und Rudolf Weinmann (BMW-Zitta). Bauer: „Das sind super Burschen, die als ‚Early Birds’ stark unterstützend hinterm Projekt gestanden sind. Wir haben ihnen sehr viel zu verdanken.“ 2018 stiegen sie mit geringen Anteilen in die Gmünder Glasproduktion ein. Über sie gelang es, die oberösterreichische Invest AG als Partnerin auf Augenhöhe mit ins Boot zu holen. Sie erfüllt eine bis dahin unmöglich gewesene Voraussetzung: dass der Investor nicht automatisch auch Mehrheitsbesitzer einer Firma wird.

Die NBG Fiber GmbH ist nun mehrheitlich in Gmünder Privatbesitz, die Invest AG mit 25 Prozent beteiligt. Ein in Oberösterreich weitaus stärker vorhandenes Investorendenken als bei uns wertet Bauer als Erklärung für das dort auch wesentlich höhere Pro-Kopf-BIP.

Nach dem Deal ging es Schlag auf Schlag. Am 16. Mai 2019 war der Spatenstich zum 4.500 m² großen Werk, im März 2020 wurde das Büro bezogen. Im Frühsommer wurden die Bauarbeiten abgeschlossen, ab Ende September die Maschinen aufgebaut, nach und nach in Betrieb genommen. „Jede Maschine der acht Maschinengruppen muss sachte an den Vollbetrieb herangeführt werden, ist Teil eines Rattenschwanzes an Zusammenhängen“, so Schönauer: „Natürlich treten da Design- und Denkprobleme zutage, muss nachjustiert werden.“

Leistungsschau von Waldviertler Professionisten

Der Aufbau sei trotz der Herausforderungen wegen des Virus in Weltrekordtempo gelungen, obwohl insgesamt 480 Behördenauflagen – die die Baukosten um 1,5 Millionen Euro korrigierten und die jährlichen Kosten um 250.000 Euro erhöhten – noch im Projekt berücksichtigt werden mussten. Schönauer: „Das spricht für die Koordination und die Professionalität aller beteiligter Partner.“

Der Glas-Koloss ist nun nicht nur ein Symbol für die Kraft des festen Glaubens ans Erreichen eines Zieles, sondern auch eine Leistungsschau von Waldviertler Professionisten. „Es ist gewaltig, was hier von Waldviertlern geschaffen wurde! Ihre Leistungen hier können sich auf jeden Fall weltweit messen“, sagt Christian Zwettler, CTO und Gesamtprojektleiter beim Aufbau.

Eine Baustelle der kurzen Wege

Die Motivation am Bau sei trotz der praktischen und mentalen Belastungen wegen der Pandemie immer hoch gewesen, betont Zwettler – Grenzhürden, Liefer-Engpässe in zig Bereichen von Fliesen bis zum französischen Bitumen für den Asphalt, oder der geschlossene Baumarkt für die Deckung des schnellen Bedarfs zwangen laufend zur Improvisation. „Aber den Arbeitern taugte es auf der Baustelle, auch weil sie in der Phase nicht in die Ferne mussten. Sie bauten auf Kontakte zu den Kollegen anderer Firmen, alles lief koordinierter, einfacher und unkomplizierter ab. Vieles war auf kurzem Weg direkt abklärbar.“

Wegen der Komplexität wurden zentrale Aufgaben samt Bauüberwachung selbst abgewickelt und Schwerpunkte an Teil- Generalunternehmer vergeben, die für Detailaufträge möglichst regionale Betriebe einspannten. So hatte Leyrer+Graf Hoch- und Tiefbau und Elektrotechnik inne. Dazu stießen die Ziviltechniker Zehetgruber+Laister als Statiker für Stahlbau und Bodenfundamente sowie Stahl-Bauer für den 2.500m² großen, 24m hohen Produktions- und Lager-Koloss mit zwei Tonnen Schrauben und einem Gesamtgewicht von 430 Tonnen verzinktem Stahl.

24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche

Begleitend wurde NBG-Personal in die Bauphase eingebracht, um Know-how für die spätere Betriebsführung der Anlage zu erlangen. Reinhard Apfelthaler stieß als Leiter der Instandhaltung dazu. Seine Aufgabe ist es, hochsensible Bereiche wie Chemikalien-Versorgung oder Abluft und sehr komplexe Produktionsanlagen im 4-Schicht-Betrieb im Auge zu behalten. Probleme müssen 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche binnen kürzester Zeit behoben sein, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Alle Systeme im Probebetrieb. Die Maschinen wurden in ihren Einzelteilen in 280 Lkw-Fuhren geliefert und durch NBG-Leute, Subfirmen sowie Experten des finnischen Herstellers aufgebaut. Aktuell sind alle Schritte der Produktion im Probebetrieb, begleitet von einem zehnköpfigen Team des Maschinenbauers laufen die Zertifizierungs-Prozesse. „Produkte werden analysiert, anhand der Ergebnisse werden die Maschinen nachjustiert“, sagt Zwettler: Bei einer Durchlaufzeit von einer Woche für eine Preform geht der Optimierungsprozess nicht mit einem simplen Fingerschnippen.

Jeder Tag ist noch ein Tag des Dazulernens mit Hochs & Tiefs. Es geht um Themen der Sicherheitstechnik, den Umgang mit nicht handelsüblichen Spezialanlagen oder das Erlernen manueller Fertigkeiten an Maschinen – wie das Glas-Schweißen.

Ein Werk wie eine Kleinstadt

Zentral ist auch die ständige Versorgung: Das Werk verputzt im Jahr 11 Millionen kWh Strom (Bedarf von etwa 2.750 Einfamilienhäusern), 7 Millionen kWh Erdgas und 35.000 m³ Wasser. Bis zu 19 Meter hohe Großtanks fassen und verteilen 100.000 Liter Wasserstoff (zweitgrößter Tank in Österreich), 95.000 l Helium, 63.000 l Sauerstoff und 60.000 l Stickstoff – der Umgang mit den Stoffen ist heikel. Notstromaggregate mit über 2.000 kVA könnten mehr als 125 Einfamilienhäuser versorgen.

„Glücklich über das, was wir geschafft haben.“ Das Gröbste sollten die Beteiligten inzwischen hinter sich haben. „Dass nicht alles problemlos laufen würde, war zu erwarten. Insgesamt sind wir aber auch zeitlich super unterwegs – ich bin sehr glücklich über das, was wir geschafft haben“, strahlt CEO Karl Bauer. Er rechnet noch mit drei Wochen des Nachjustierens. Dann soll der fixe Produktionsstart erfolgen – und der NBG-Gruppe damit das schönste Geschenk zum 25. Firmenjubiläum bereiten.