Auf den Spuren der Glashütten. Hermine und Hubert Grabenhofer trugen in dreijähriger Arbeit reichen Fundus zusammen – und gossen ihn in 1.000 Seiten.

Von Markus Lohninger und Camara Binter. Erstellt am 18. August 2017 (04:16)
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Hermine und Hubert Grabenhofer sammelten während ihrer dreijährigen Arbeit an dem Werk „Wanderglashütten diesseits und jenseits der Grenzen“ eine Menge an Fundstücken.
privat

Der Werkstoff Glas ist seit mehreren tausend Jahren nicht mehr wegzudenken. Aber woher kommt dieser Stoff, den wir tagtäglich verwenden? Was ist die Geschichte des Glasmachens? Was hat das Glasmachen mit uns zu tun? Welche bis heute sichtbaren Spuren hat es hinterlassen?

Hermine und Hubert Grabenhofer aus Loimanns (Gemeinde Litschau) beschäftigten sich drei Jahre lang mit Fragen wie diesen, durchsuchten Archive, besuchten unzählige Originalschauplätze, wühlten unter Erdoberflächen, sprachen mit Zeitzeugen und Historikern. Herausgekommen ist dabei zum Titel „Wanderglashütten diesseits und jenseits der Grenzen“ eine 1000 Seiten dicke Lektüre.

„Es wurde sehr viel untereinander geheiratet. Wissen und Geschäft wurden im Regelfall innerhalb von Dynastien weitergegeben.Hubert Grabenhofer

Die Grabenhofers gingen der reichen Geschichte der Wanderglashütten vom Waldviertel über den Böhmerwald zum Bayrischen Wald und Isergebirge nach. Reichliche Vorkommen von Holz und – häufig in Bachbetten angeschwemmtem – Quarzsand hatten in diesen Gebieten einst ideale Voraussetzungen für die Glaserzeugung geboten.

War an einer Stelle ein Rohstoff erschöpft, dann wurde die Glashütte abgebaut und woanders wieder aufgebaut, daher der Begriff Wanderglashütte.

Mini-Hütte für Uhren-Gläser in Falkendorf

Für ihre Recherchen suchten die Grabenhofers noch vorhandene Hütten auf, machten sich auf die Suche nach Orten von abgetragenen Hütten und besuchten unter anderem Friedhöfe, wo sie auf enge Verflechtungen zwischen Glasmacher-Dynastien aufmerksam wurden.

„Es wurde sehr viel untereinander geheiratet“, sagt Hubert Grabenhofer, er vermutet als Grund dahinter primär das Zusammenhalten von Wissen: „Das Wissen und das Geschäft wurden im Regelfall innerhalb von Dynastien weitergegeben, manches Wissen wurde ins Grab mitgenommen.“

Innerhalb des Waldviertels war die Waldglas-Herstellung vor allem auf das Gebiet des heutigen Bezirkes Gmünd konzentriert, streifte aber auch die Nachbarbezirke.

Die älteste Hütte im heutigen Bezirksgebiet, die im Schmöker verewigt ist, befindet sich gleich in der Nähe der Grabenhofers in der Saaß (Gemeinde Litschau), ihr Errichtungsjahr wird auf 1430 geschätzt. Die Autoren sind durch ihre intensive Beschäftigung mit dem Thema zu wandelnden Lexika geworden.

Sie haben Glas-Verwandtschaften und Häuser-Geschichten verinnerlicht, können allerlei Episoden erzählen – mitunter von Begebenheiten, die auch im Ort nicht bekannt sind. So stießen sie auf Reste der „Goldstein-Hütte“ in Falkendorf (Gemeinde Amaliendorf-Aalfang), die mit nur einem Mitarbeiter die kleinste Glashütte gewesen sein soll, Uhrengläser erzeugt hat und im Jahr 1867 nach fast 40 Jahren aufgegeben wurde.

Bei ihren Exkursionen – bei denen sie offene Türen beim Milliarden-Betrieb Swarovski (mit Wurzeln in Böhmen) vorfanden oder den 80 Kilometer langen Schwarzenbergschen Kanal zur Holzschwemme im bayrisch-tschechischen Grenzgebiet bestaunten – häuften die Waldviertler unzählige Fundstücke an. Hubert Grabenhofer: „Man könnte ein Museum damit füllen. Wenn man an früheren Orten von Hütten ein wenig herum schert, dann findet man überall etwas.“

Viele ausgefallene, bunte Stücke sind so zusammengekommen und wurden, penibel in eigenen Schachteln getrennt, archiviert. Im tschechischen Klikov nahe Suchdol fand das Paar im Zuge der aktuellen Straßen-Großbaustelle schwarzes Glas, in Františkov Schlackenreste (Verbrennungs-Rückstände), in der Saaß Glas- und Schmelztiegel-Reste. Etliche Funde wurden auch in Reichenau im Freiwald bei einer Führung durch Altbürgermeister Franz Kitzler gemacht.

Die Befassung mit Wanderglashütten kommt nicht ohne Carl Stölzle aus, der ab dem Jahr 1835 durch Zukauf unzähliger Wanderglashütten im Waldviertel und in Südböhmen ein regelrechtes Imperium mit Sitz in Alt-Nagelberg und Spitzenqualität für den Weltmarkt aufbaute. Noch im Jahr 1969 hatte Stölzle hier wie berichtet 720 Mitarbeiter, danach ging‘s Schritt für Schritt bergab – im Jahr der Schließung 2001 gab es nur noch 87 Beschäftigte.

Der technische Fortschritt hatte der handgefertigten, finanziell ertragreichen Glaserzeugung einfach weitgehend das Wasser abgegraben. „Schön geschliffenes oder schön gefärbtes Glas ist heute keine Kunst mehr. Einst musste dafür aber alles selbst geschaffen werden“, sagt Hubert Grabenhofer. Filigran gestaltete oder kunstvoll per Hand gefertigte Objekte nötigen ihm daher höchste Anerkennung ab: „Das Handwerk brauchte jahrelange Übung und das Wissen früherer Generationen.“

Grabenhofer selbst belebte vor mehr als zehn Jahren in Loimanns das alte Handwerk der Köhlerei wieder (die NÖN berichtete mehrmals). Der Kontext zur Glasproduktion – für die häufig auf Kohle zurückgegriffen wurde – kam dadurch allerdings noch nicht, sagt er: „Vielleicht bin ich einst bei einer Wanderung durch den Böhmerwald mit seinen zahlreichen Glashütten zum Thema gekommen.“