Gmünder Architekt: "Das Bauen wird teurer". Baustoff- und Arbeitskräftemangel trifft auch Architekten. Karin Pollak sprach mit Rudolf Schwingenschlögl über die Entwicklungen.

Von Karin Pollak. Erstellt am 29. April 2021 (05:14)
Rudolf Schwingenschlögl und sein Team beschäftigen sich aktuell viel mit dem Ausbau und der Sanierung von Kindergärten und Schulen – aber nicht nur. 
Karin Pollak

NÖN: Die Bauwirtschaft boomt wie schon lange nicht. Da müsste doch bei allen Unternehmen, die dazugehören, Jubel ausbrechen. Jubeln Sie?

Rudolf Schwingenschlögl: Wirtschaftlich geht es uns wirklich gut. Wir arbeiten derzeit an 50 Projekten. Aber es gibt auch Schattenseiten. Die Mitarbeiter sind rar und die Materialpreise explodieren. Die Preise von Holz, Kupfer, Stahl & Co. sind innerhalb kurzer Zeit um 50 Prozent gestiegen. Die Unternehmen haben mit der Suche nach geeigneten Mitarbeitern und auch mit der Preisgestaltung Probleme. Es ist nicht einfach, im veranschlagten Budget zu bleiben. Das Bauen wird teurer.

In welchen Bereichen herrscht große Nachfrage?

Schwingenschlögl: Meine neun Mitarbeiter und ich sind vorwiegend am Objektsektor tätig. Hier gibt es die drei Hauptsäulen Sozialer Wohnbau, Gemeinden mit Bauhof, Kindergarten, Schule, Tagesbetreuung, Rathaus und der Industriebau mit Hallen und Büros. Als Bausachverständiger in 16 Gemeinden mache ich laufend die Erfahrung, dass auch der private Wohnbau boomt. Es gibt nämlich überdurchschnittlich viele Bauverhandlungen.

Worauf führen Sie diesen Bauboom gerade in der Pandemie zurück?

Schwingenschlögl: Natürlich gibt es derzeit coronabedingt einen gewissen Förderanreiz von Land und Bund. Ich sehe aber auch etwas ‚Euroskepsis‘ in der Bevölkerung. Viele investieren lieber, das deckt sich auch mit der starken Nachfrage nach Immobilien. Wir machen ja auch den für einen Immobilienverkauf notwendigen Energieausweis. Da passiert es häufiger, dass das Haus schon vor der Erstellung dieses Ausweises verkauft ist. Die Städter wollen aufs Land, suchen Häuser mit Garten. Durch den fortschreitenden Ausbau des Glasfasernetzes ist auch das Homeoffice kein Problem mehr. Man ist mehr zuhause und legt wieder mehr Wert auf das Wohnen. Da greifen viele Rädchen ineinander.

Worum geht es hauptsächlich bei den öffentlichen Bauprojekten?

Schwingenschlögl: Intensiv gefragt sind die Erweiterungen von Kindergärten und Tagesbetreuung sowie die Sanierung von Schulen. In den 1970er-Jahren wurden viele Schulen gebaut, die jetzt den notwendigen Platzbedarf haben, aber puncto Energieeffizienz, Barrierefreiheit, Brandschutz, Sicherheit usw. nachrüsten müssen. Dabei geht es auch um Kleinigkeiten, wie zusätzliche Waschtische oder die vorgeschriebenen versperrbaren Fensteroliven, die den Lehrern das jetzt geforderte oftmalige Lüften in den Klassen schwer machen und in die Zwickmühle bringen. Wenn die Fenster offen sind, müssen die Schüler beaufsichtigt werden. Wir statten daher die Fenster mit außenliegenden Absturzgittern aus. Das sind wichtige Kleinigkeiten. Es wurde in den vergangenen Jahren nicht viel in die Schulen investiert, das wird jetzt schlagend. Viele dieser Projekte wurden schon vor Corona geplant.

Nochmals zum Thema Arbeitskräftemangel. Suchen Sie auch Personal?

Schwingenschlögl: Ja, wir bräuchten einen Bauleiter, finden aber keinen. So geht es derzeit allen Firmen in allen Branchen. Jeder sucht Personal, vom Baumeister bis zum Maler. Dass wir in diese Situation einmal kommen werden, habe ich nicht geglaubt. Vor elf Jahren haben wir ganz klein begonnen. Jetzt sind wir auch platzmäßig in unserem Büro am Schubertplatz an der Grenze. Wir wollen aber an unserem Standort bleiben, haben Privatparkplätze hinterm Haus und ein wirklich gutes Einvernehmen mit dem Vermieter. Wir werden uns durch interne Umstrukturierungen raummäßig optimieren.

Abgesehen von Preissteigerungen und Arbeitskräftemangel, gibt es sonst Probleme am Bausektor?

Schwingenschlögl: Hier liegt das Hauptthema bei der Änderung der Raumordnung durch das Land Niederösterreich. Da wurde eine gewisse Beschränkung bei der Geschoßflächenzahl geschaffen und das ganz ohne eine Übergangslösung. Davon ist vor allem der verdichtete soziale Wohnbau betroffen. Wo es keinen Bebauungsplan gibt, da herrscht deswegen ein Baustopp. Auch bei uns liegen deshalb Bauprojekte auf Eis. Diese Verordnung ist etwas unglücklich gelaufen und es gibt viel Kritik dazu. Diese neue Richtlinie macht vielleicht für den Speckgürtel um Wien Sinn, in unserer Region hemmt sie.

Trotz dieser Probleme laufen die Projekte (siehe Infobox). Wie hat Corona sich bei Ihnen privat als Obmann des TTC Großdietmanns ausgewirkt?

Schwingenschlögl: Freizeit habe ich ja nicht viel. Und diese würde ich gerne zum Tischtennisspielen nutzen. Aber es ist ein Drama. Wir konnten nur vier Meisterschaftsrunden spielen, dann wurde die heurige Meisterschaft annulliert. Wann wir beim Tischtennisverein Großdietmanns aktiv werden können, das weiß ich nicht. Aktuell unterstützt unser Verein Alfred Frantes, der ja nach einem unverschuldeten Unfall nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell große Probleme hat. Wir haben für ihn – wie die NÖN ja berichtet hat – ein Spendenkonto eingerichtet.

Glauben Sie, dass der Bauboom weitergeht? Wie schaut es mit der Zukunft Ihres Unternehmens aus?

Schwingenschlögl: Ich weiß nicht, wie es in zwei Jahren aussehen wird. Aber ich denke, dass weiter fleißig gebaut wird. Ich bin 60 Jahre alt, mir macht die Arbeit Spaß und ich denke noch nicht ans Aufhören. Aber unser Sohn Elias studiert Architektur. Da könnte es durchaus einen Nachfolger geben.

Umfrage beendet

  • Rohstoff-Knappheit: Spürt ihr die Folgen bei eigenen Projekten?


Umfrage beendet

  • Lieferengpässe und Preiserhöhungen bei Baustoffen: Habt auch ihr Probleme bei Projekten?