Meine Woche in Quarantäne. Markus Lohninger aus Gmünd, NÖN-Regionalleiter im Waldviertel, gibt Einblicke in die am 22. September als Covid-Hochrisikokontakt angetretene Heimquarantäne.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 01. Oktober 2020 (05:45)
Markus Lohninger
NOEN

Weiß.

Ich starre nach oben und sehe nur das Weiß der Zimmerdecke, während ich krampfhaft versuche, mich irgendwie vom bescheuerten Krafttraining zuhause abzulenken. Klar, es ist nicht grundsätzlich bescheuert. Aber halt doch immer noch blöder als ein 35km-Lauf im Schneesturm, der einen zumindest Demut vor der ungeheuren Gewalt, Vielfalt und auch Schönheit der Natur lehrt. Von der Radtour bei herrlichem Herbstwetter, die für heute geplant war, keine Rede.

Weiß hat nichts mit dem Goldenen Herbst gemein, der sich ankündigt, als ich am 22. September den Epidemiearzt am Rohr habe – den nicht ich für die NÖN angerufen habe, sondern der von sich aus den Kontakt zu mir sucht: Da ich wiederum intensiven Kontakt zur Nummer 42 in der Corona-Statistik des Gmünder Bezirks hatte.

Keine Party, keine MNS-Verweigerung, kein Leichtsinn... eben Zufall. Ich bin Hochrisikokontakt und damit zur sofortigen Absonderung aufgefordert. Weiß ist das Beste, das ich derzeit haben kann, und das für mindestens 20 Tage am Stück. Wie gut, dass wir den ersten Lockdown zum Ausmalen unserer Wohnung genutzt haben. Weiß ist nämlich immer noch besser als Grau.

Die Polizei war auch schon da

Zweimal sogar. Wir hätten sie ja zum Kaffeeplausch hereingebeten, aber… CoV und so... Übern Balkon war der Tratsch über Zustand und Vorgeschichte etwas öffentlichkeitswirksamer. Immerhin brauchen wir es nun nicht mehr den Nachbarn zu erzählen, sie sind im Bilde. Bezirkshauptmann und Polizeichef hatten aber nicht zu viel versprochen: Die Einhaltung der Quarantäne wird strikt überwacht. Genauso soll es sein.

Orange.

Ich bin Journalist, der direkte Kontakt zur Bevölkerung und zu den Kollegen ist das Salz in der Suppe. Ein Glück, dass ich in der Woche vor meiner Quarantäne zufällig nicht im Büro und auch bei keiner Veranstaltung war. Die NÖN hatte früh alle Büros freiwillig auf Orange gestellt, Homeoffice hatte wieder Einzug gehalten. Ich habe damit in jeder Hinsicht Erfahrung, kann bei Bedarf vom Bett aus News machen, Videokonferenzen abhalten, den Waldviertelchef geben. Das alles machte die Sache am 22. September einfacher.

Die große Beichte

Trotzdem: Ich muss der Bürgermeisterin am Telefon erklären, warum ich nicht mal schnell für ein Foto zu Hygienemaßnahmen am Stadtamt vorbeikommen kann. Muss erklären, warum ich Gesprächstermine in den virtuellen Bereich verlagern muss. Ja, Covid-Betroffene werden teils wie Aussätzige behandelt. Aber ich mache das, was ich auch im Beruf mache. Ich halte mich so weit wie möglich an die Fakten. Ich vertraue darauf, dass der Großteil der Menschen damit umgehen kann, lasse die Anderen eben anders sein.

Ich bin wegen einer Infektion der Partnerin, die sich bei einer Vereinstätigkeit in einem anderen Bezirk – mit Covid-Konzept, allen Maßnahmen, Beweisfoto – CoV geholt hatte, für mindestens 20 Tage abgesondert. Ich bin nicht offiziell positiv, weil symptomlos und daher ungetestet. Aber ich könnte mich zuhause zehn Tage oder länger anstecken, dann zehn Tage oder länger andere anstecken. Indem ich weggesperrt bin, kann ich mal keinen Schaden anrichten.

Die großen Fragen

Die Versorgung für einen so langen Zeitraum ist natürlich ein Thema. Erster Gedanke: Ist auch wirklich genug zuhause? Den Hamsterkauf gibts nicht, weil ich nicht erst seit dem Anruf vom Epidemiearzt, sondern vom Zeitpunkt des Testergebnisses der Partnerin zuhause geblieben bin. Aber ja, es ist wohl genug da. Ist genug Bargeld für drei Wochen da?

Ok, andere Frage: Geld stinkt nicht, aber meines will derzeit trotzdem niemand in Cash haben. Eine Freundin hilft, Kollegen bieten Unterstützung an, überraschen mit Kuchen vor der Tür. Ja, in fordernden Zeiten siehst du, auf wen du setzen kannst.

Schmeckt wie Leder

„Geht‘s dir gut?“ Bin ich krank? Oder sind das die Flöhe, die ich husten höre? Nun, wo ich über mein Risiko informiert bin. Uninteressant. Ich stecke hier fest bis irgendwann im Oktober, kann keinen anstecken.

Tag drei. Heute fallen gleich zwei Portionen Rindsbraten für mich ab. „Schmeckt wie Leder“, winkt meine Lebensgefährtin ab. Keine Kritik an der Hopferl-Küche: Ich verputze die herrliche XXL-Portion mit Genuss, aber ich hab noch meinen Geschmackssinn. Sie nicht, daher bekomm ich auch ihre Tasse Kaffee ab. Den dritten Tag infolge kugelt sie fiebrig und matt auf der wunderbaren neuen Couch herum, die für schönere Stunden gedacht war. Ihre Lungenkraft war im Vergleich zu meiner schon vor Corona ein Lüfterl. Klar ist die Sorge da.

Aber hallo, Covid!

Mein CoV-Status? Nicht krank, maximal infiziert. Liest man ja dauernd. Also Augen zu und durch, es sind nur drei Wochen, vielleicht krieg ich vorm Winter eine Handvoll Antikörper.

Aber dann, Tag vier: doch Signale einer leichten Grippe. Muskelschmerzen, Frösteln, Druckgefühl im Brustkorb, schließlich zu Mittag 37,5 Grad. Das Thermometer lügt nie. Aber hallo, Covid! Cool bleiben! Epidemie-Doc Vitovec anrufen, Symptome melden, Testen lassen. Während mir ein brennendes Stäbchen ins Nasenloch gehalten wird, Tränen ins darüberliegende Auge schießen, läuft über die Lautsprecher der Song „Wait“ von „Pain of Salvation“. Zufall?

Tag fünf, das Ergebnis: „POSITIV“, Absonderungsbescheid bleibt aufrecht, that‘s it. Ändert außer der Statistik aktuell genau nichts. Na dann.

Fad. Fad. Gefährlich.

Tag sieben. Beiden geht es bereits besser. Dafür plagen erste Kreuzschmerzen. CoV steht für vieles, aber nicht für diese Sauerei. Nicht direkt. Bewegung im Freien fehlt jedoch total. Seit 2008 ist Sport Fixteil meines Lebens, Sauerstoffzelt, gratis Antifett-, Regenerations- & Glückspille, Ausgleich zum intensiven Job.

Was immer der Schreibtisch körperlich und mental anrichtet: Spätestens ein 3-Stunden-Lauf die Woche, wahlweise ersetzt durch eine 5-Stunden-Biketour, bügelt es aus. Und nun die Bilanz aus sieben Tagen? Minimal Krafttraining (fad), minimal Radeln auf der Walze (fad!), minimalst Laufen; weniger fad wegen der Hindernisse einer strahlend weißen, aber vollgeräumten 70-m 2 -Wohnung, doch gefährlich und schmerzhaft. Fünf Minuten waren eine Qual, zehn wären unmöglich, noch mehr eine Drohung. Insgesamt kann von Bewegung keine Rede sein. Das zieht einen schon runter.

Trotzdem.

Der Geist ist stark. Ich darf nur jetzt gerade nicht einfach ins Freie stürmen. Andere können das nie oder nie mehr, weil Mutter Natur vielleicht andere Pläne für sie hatte. – Danke ja, es geht mir sogar verdammt gut.