Dorf-Chronistin fand Vertrautes aus anderer Zeit. Just zum zweiten Lockdown fand Hermine Grabenhofer bei Arbeit zu Hirschenschlager Chronik 102 Jahre alte Notizen: Inhalt weckt Assoziationen zur Gegenwart.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 28. November 2020 (05:28)
Foto: privat
privat

Interessantes zur allgegenwärtigen Coronavirus-Pandemie fand die Dorf-Chronistin Hermine Grabenhofer aus der Litschauer Katastralgemeinde Loimanns im Zuge einer aktuellen Arbeit: Bei Recherchen für eine Chronik zur Reingerser Katastralgemeinde Hirschenschlag stolperte sie über Beschreibungen aus dem Herbst 1918 zu einer neuartigen Krankheit, die damals weite Bevölkerungsteile befallen hatte.

„Unbekannte, influenzaähnliche Krankheit“

Im Oktober 1918 – die Spanische Grippe sollte in den folgenden zwei Jahren weltweit mehr als 20 Millionen und in Österreich 21.000 Menschenleben fordern – schrieb der damalige Hirschenschlager Schulleiter Karl Koller über eine hier unbekannte, „influenzaähnliche Krankheit“, die wild um sich griff.

Hermine Grabenhofer, am Archivbild mit ihrem Gatten Hubert bei der Materialsichtung für das Werk zu Wanderglashütten, stieß auf spannende Einträge eines Lehrers zu einer Pandemie vor 102 Jahren.
privat

„Beim einen ging sie wie ein leichtes Übelbefinden nach einigem Schwitzen vorbei, während sie anderen arg zusetzte“, hielt Koller fest. Jedenfalls: „Die Ärzte hatten noch nie so schweren Dienst“.

Auch der damals noch junge Koller sei erkrankt und habe sechs Wochen zur Genesung gebraucht, berichtet Grabenhofer aus der Lektüre, die der Pädagoge während seiner 43 Lehrerjahre in drei Schulchroniken hinterlassen hatte. Der Pandemie an sich dürfte er sich danach nicht mehr gewidmet haben.

Dorf-Chronistin aus Zufall

Hermine Grabenhofer selbst steht indes noch am Beginn ihrer Recherchen über den Ort Hirschenschlag mit heute etwa 110 Einwohnern. Dorf-Chronistin sei sie eigentlich zufällig geworden, blickt sie zurück: Mit Reitzenschlag habe sie vor etwas mehr als zehn Jahren begonnen, weil sie sich für die Häusergeschichten im Wohnort ihrer Mutter interessiert habe, „danach wäre es eine Schande gewesen, die Geschichte von Loimanns, wo mein Vater herkam, nicht genauso aufzuarbeiten“.

Dann ergab eine Chronik die nächste, nach Rottal in der Gemeinde Haugschlag ging es in den Hauptort und die weiteren Katastralgemeinden Türnau und Griesbach. Mit Hirschenschlag streckt sie ihre Fühler nun in die nächste Nachbargemeinde aus.

Litschau als fast unlösbare Aufgabe

Die Arbeiten führen Grabenhofer von Haus zu Haus – gilt es doch auch, zu den Geschichten der Häuser Daten wie Geburten, Sterbefälle oder Hochzeiten zu recherchieren, das Okay für eine Veröffentlichung einzuholen.

Ihr nächstes Projekt hält in der Hinsicht eine aus zweierlei Gründen kaum lösbare Aufgabe bereit: Das Stadtgebiet Litschaus mit mehr als 1.350 Einwohnern umfasst mehr Häuser als alle bisher aufgearbeiteten Orte zusammen.

„Vor allem haben sich die Namen vieler Siedlungen und Straßenzüge dreimal geändert. Eine vollständige Aufarbeitung ist fast unmöglich“, sagt sie. Aber: Der Stadtplatz mit seinen etwa hundert Häusern blieb im Lauf der Jahrhunderte unverändert, und auf den will sich Grabenhofer konzentrieren.

Wälzer über Glashütten zog weite Kreise

Herausgegeben werden die Chroniken in Eigenregie – genauso wie der 2017 in Zusammenarbeit mit ihrem Gatten Hubert erschienene, tausendseitige Wälzer „Wanderglashütten diesseits und jenseits der Grenzen“.

Für Letzteren gab es eine Anfrage aus einem deutschen Verlag, schmunzelt Grabenhofer: „Die boten 1,44 Euro pro verkauftem Buch an und glaubten ernsthaft, tausend Exemplare davon verkaufen zu können. Das ist unmöglich bei einem solchen Sachbuch.“ Sie lehnte ab, blieb beim Eigenverkauf.

Das Werk schlug nach der Präsentation in der NÖN dennoch Wellen. Die Grabenhofers standen für ein Radio-Interview zur Verfügung und führten ein TV-Team zu früheren Plätzen von Glashütten. „Immer wieder gibt es Echos“, spricht Hermine Grabenhofer etwa von Kontaktaufnahmen durch Nachfahren von Andreas Hartauer, dem legendären böhmischen Glasarbeiter und Verfasser des Böhmerwaldliedes „Tief drin im Böhmerwald“, oder eine alte Glasmacher-Dynastie aus dem Eisengebirge. Letztere hat noch Nachfahren in Weitra, erfuhr Hermine Grabenhofer dabei auch Neues. – Eine Bestätigung für sie, dass ein Blick zurück meist auch einen Schritt nach vor bedeutet.