Einstimmung auf den neuen „Silva Nortica“ für Wien-Gmünd-Prag

Erstellt am 18. Juli 2022 | 04:02
Lesezeit: 6 Min
30 Jahre, nachdem die populäre „Vindobona“-Schnellzugverbindung zwischen Wien, Prag und Berlin-Ost das bislang letzte Mal durch den Bahnhof Gmünd geführt hatte, wird sie mit Fahrplanwechsel am 11. Dezember als „Silva Nortica“ mit 18 zusätzlichen Verbindungen pro Woche wieder aufgenommen. Am 15. Juli gab es dazu mit Abfahrt am Franz-Josefs-Bahnhof einen eigenen „Premierenzug“ als offiziellen Startschuss für das grenzüberschreitende Projekt.
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Am Bahnhof der Gmünder Schwesterstadt České Velenice stieg eine stattliche Schar an Mitreisenden um Mobilitätslandesrat Ludwig Schleritzko, darunter eine Reihe an Abgeordneten und Kommunalpolitikern von ÖVP, SPÖ, FPÖ und Grünen sowie Experten aus Österreich und Tschechien aus – wurde hier doch passend zum Anlass ein „Mobilitätsfest“ inklusive Mittagessen und Umrahmung durch die Stadtkapelle Gmünd abgehalten.

„Historischer Tag für Wald- und Weinviertel.“ Über einen „historischen Tag für das Wald- und Weinviertel und ganz Niederösterreich“ jubelte Schleritzko dabei. Er sei selbst einst jahrelang zur Ausbildung aus dem Waldviertel nach Wien gependelt, sei also mit dem Vindobona aufgewachsen – und plötzlich sei der weg gewesen: „Wir wollten die Strecke wieder aufleben lassen.“ Mit dem Silva Nortica – für den Nordwald rund um das Herzstück der Trasse, anstelle des lateinischen Vindobona für Wien – sei das in Partnerschaft mit den Bahnbetrieben ÖBB und České dráhy, Klimaschutzministerium sowie Regionalverband Waldviertel nun gelungen.

Schleritzko: Für das Flächenbundesland NÖ brauche es die Bahnverbindung als „backbone“ in einem Mobilitätsmix mit einem starken Bussystem und guten Straßen – „40 Prozent des öffentlichen Verkehrs finden auf der Straße statt“ – und auch ein klares Bekenntnis zum Individualverkehr.

Pracherstorfer: „Mittel in Millionenhöhe“ für Radverkehr. Individualverkehr meint nicht nur jenen mit Verbrennern, wie der führende NÖ Verkehrsplaner Werner Pracherstorfer ausführte: Eine Vielzahl der Wege sei in weniger als fünf Minuten bewältigbar und somit prädestiniert für das Radeln, für die Ertüchtigung von Radverbindungen stünden „Mittel in Millionenhöhe“ bereit.

Auch das Nextbike-Verleihsystem mit derzeit 58 Teilnehmer-Gemeinden in Niederösterreich sprach Pracherstorfer an. Vielleicht gelinge dank „zweier Gemeinden an der Grenze“ – gemeint haben kann er nur Gmünd und am anderen Ufer des Lainsitzflusses České Velenice – eine Aufrundung auf 60. Der Bedarf dafür wäre definitiv vorhanden.

„Dass ich das noch erleben darf…“, kam es beim Mobilitätsfest indes von Gmünds Bürgermeisterin Helga Rosenmayer – einst ebenfalls Pendlerin nach Wien, halt nicht im schnellen Vindobona: „Den konnten wir uns nicht leisten, wir sind normal gefahren. Aber der Vindobona hat dazugehört.“ Angekündigt werden wochentags zwei und an Wochenenden vier zusätzliche Zugpaare für Wien FJB-Gmünd-Prag. Rosenmayer sieht das als „Zeichen der Wertschätzung“, Aufwertung für den Tourismus in das und aus dem Waldviertel – Prag wird in weniger als drei Stunden von Gmünd erreichbar –und genauso für die alltäglichen Wege.

Die direkte Anbindung an Wien und Prag erachtet auch Jaromír Slíva als Bürgermeister von České Velenice als großen Gewinn – als er als Student den Vindobona zum Pendeln nach Budweis nutzte, da war für ihn und alle anderen Landsleute aufgrund des Eisernen Vorhangs vor Gmünd Endstation. Künftig seien Gmünd und České Velenice „noch mehr als bisher ein Herz von Europa“.

Mahnende Worte von Initiative Pro-FJB. Kritik kam am Freitag einmal mehr von Gerald Hohenbichler (Initiative Pro-FJB). Der Silva Nortica sei nach einer Pilotphase wohl zum Scheitern verurteilt, schreibt er, bei einem persönlichen Gespräch mit einem ÖBB-Referenten sei die Verbindung als „Polit-Zug“ abgetan worden. Grenzüberschreitende Verbindungen seien nach dem Vindobona stets von kurzer Dauer gewesen, ein erster „Silva Nortica“ nach Budweis 2010 nach fünf Jahren eingestellt worden – just, als die Strecke elektrifiziert war.

Der neue Silva Nortica umfahre Budweis und verliere so neben dem Ballungsraum auch 23 Minuten in Südböhmen – weil über Veselí nad Lužnicí (Elektrifizierung 2026/27) zweimal zwischen E- und Diesel-Lok gewechselt werden müsse. Ein Erfolgszug dürfe auch nicht auf den „isolierten“ FJ-Bahnhof führen, müsse über den Wiener Hauptbahnhof auch Reisende aus Bratislava, Budapest oder vom Flughafen Wien anbinden.

Großräumiger als über die FJB-Trasse wertet auch der frühere tschechische Botschafter Jan Sechter das Öffi-Thema im Grenzraum, wie er beim Fest sagte: Er sehe das Öffi-Potenzial über die Regionen hinaus – in Richtung Flughafen genauso wie nach Linz oder Bayern. Und, hinsichtlich Langfristigkeit des Silva Nortica: „Hoffentlich bleibt die Wirtschaftlichkeit nicht auf der Strecke.“

SPÖ will Optimierungen an FJB prüfen. Die Waldviertler SPÖ kündigte indes an, im Sommer neben bekannten Forderungen wie zweigleisigem Ausbau und Begradigungen auch kurzfristiger umsetzbare Verbesserungen der FJB prüfen zu wollen – etwa Zeiteinsparungen durch Fahrplan-Optimierungen. Unterstützt werde sie von der Weinviertler Abgeordneten mit langer Infrastruktur-Erfahrung Melanie Erasim. Auch das Drehen an kleinen Rädchen könne für Pendler auch schon nennenswerte Zeitersparnis bringen. Die Sozialdemokraten wollen sich zudem für den Ausbau möglichst direkter Radweg-Verbindungen zu den Bahnhöfen einsetzen, um auch hier eine Alternative zum Auto zu ermöglichen.

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