Progress-Festival: Vom Ich zum Wir-Gefühl. Subetasch fragte sich: „Wie kommen wir von der Individualisierung zum Wir und wie kann das ausschauen?“ Limitiert war die Besucherzahl beim „Progress“-Festival in Pürbach, aber nicht die Lebensfreude.

Von Gerald Muthsam. Erstellt am 17. September 2020 (05:50)

Die Ärztekittel von einem Teil der „Progress“-Festival-Crew in Pürbach zeigten es am Wochenende deutlich: Die Welt ist erkrankt. Doch das dürften selbst die weniger Feinfühligen in den letzten Monaten bemerkt haben. Die Subetasch als gesellschaftlicher Seismograf legt schon seit 13 Jahren den Finger dorthin, wo es schmerzt.

Der andere Teil der Progress-Crew fragte sich in signal-orangefarbenen Baumeisterjacken, schaffen wir das? „This future doesn’t work“, sagte die Aufschrift auf dem Eintrittsband, das einen als einen der 100 Auserwählten kennzeichnete, die heuer bei der „Limited Edition“ im Hoftheater dabei sein konnten. Limitiert war zwar die Besucherzahl, aber nicht die Ausgelassenheit und zelebrierte Lebensfreude. Selbstverständlich feierte man mit Abstand am besten. Der omnipräsente Babyelefant im Innenhof wanderte immer wieder durch die ohnehin lichten Reihen. Doch alles war entspannt. Man war auch trotz Distanz irgendwie miteinander verbunden. Darum ging es auch in diesem Ausnahmejahr.

Inklusion und Exklusion, Grenzen und Grenzüberschreitungen

Das Festival thematisierte das „Wir“, Inklusion und Exklusion, Grenzen und Grenzüberschreitungen in der Gesellschaft. Im Zentrum stand die Theaterperformance „Nothing hurts“. Der Text von Falk Richter, in dem man den Aufstieg und Fall einer Künstlerin erlebt, wurde von „Subetasch“ und „Wald4tler Offtheater“ gemeinsam inszeniert.

Social Distancing versus Begegnungszone und Individualisierung versus Solidarität. „Wie kommen wir von der Individualisierung zum ‚Wir‘, und wie kann das ausschauen?“, diesen Fragen wollten wir uns beim heurigen Festival stellen, meinte Obmann Johannes Bode. „Wie gefährlich ist es, wenn das Gemeinsame dem individuellen Begehren untergeordnet wird? Wie gefährlich ist ein absolutes ‚Wir‘, das alle anderen ausschließt, wie beim Nationalismus? Wie wichtig ist ein Wir-Gefühl in Krisen, wo fängt es an, und kann es irgendwo aufhören?“

Wir wollen das ganze Leben zurück

Amin Hak-Hagir hat gemäß des diesjährigen Mottos ein Fotoexperiment durchgeführt. Mittels spezieller „Morphingsoftware“ wurde versucht, die Porträts der Anwesenden zu einem einzigen Porträt, dem „daswir“- Gesicht, zu verschmelzen.

Großartige Live-Acts wie „Koenig“ und „Titus Probst“ sowie DJs, Installationen und Workshops sorgten dafür, dass auch im Ausnahmejahr das bekannte Progress-Flair etwas aufflackerte und somit eine kleine Normalität wahrgenommen wurde, obwohl um 1 Uhr das Geschehen auf ein stilles Gedenken an bessere Zeiten heruntergefahren wurde. Die Limitierung zeigte aber auch die Kostbarkeit des Moments auf. Vielleicht liegt ja darin der größte Erkenntnisgewinn. Trotzdem: Wir wollen wieder das ganze Leben zurück.