112 Länder in 9 Jahren: Weltreise auf Raten. Carina Prager aus Reinprechts will alle Länder der Erde bereisen – wie eine Sprachreise eine Leidenschaft entfachte.

Von Maximilian Köpf. Update am 10. April 2021 (11:51)

Einmal Kalifornien sehen. Los Angeles, Hollywood, den Sunset-Strip mit seinen Designer-Boutiquen und Nachtclubs. Die Filmstars. Diesen Traum erfüllte sich Carina Prager im Jahr 2011 im Rahmen einer EF-Sprachreise. Das war die Initialzündung für eine fast beispiellose Reise-Leidenschaft, die die Reinprechtserin bis heute in 112 Länder der Erde geführt hat. Ihr Ziel: Sie will die erste Österreicherin sein, die alle Länder der Erde bereist hat.

„Das Reisen hat mir von Beginn an Spaß gemacht. Du startest ja nicht mit dem Vorhaben, ‚Ich will 194 Länder sehen!‘. Das hat sich entwickelt, wurde nach und nach zur Art Wettbewerb“, schildert Prager. „Wenn etwas wirklich dein Hobby wird, vernetzt du dich im Internet, registrierst dich auf Plattformen. So ist der Wunsch gewachsen.“

USA-Tour nach Matura als „Sprungbrett“

Ausgehend von einer Reise für die EF-Sprachschulen, die sie als 19-Jährige kurz nach der Matura am Schulzentrum Gmünd für einige Wochen in die USA führte. „Ich hatte davor zwei Sprachreisen absolviert, bin dann ‚Ambassador‘ geworden“, sagt Prager. Als solche nahm sie im Sommer 2011 an einer Tour durch die USA teil, besuchte von Boston ausgehend zehn Sprachschulen in den Vereinigten Staaten – die Reise führte durch alle Bundesstaaten.

„Sie war das Sprungbrett. Es hat Spaß gemacht, jede Woche eine andere Schule zu besuchen“, blickt sie zurück. „Die EF-Sprachreisen haben mir um die 15 Flüge kostenlos ermöglicht.“ Reisen wurde ihre große Leidenschaft. Als Studentin brachte sie es ab 2012 im Schnitt auf bis zu 300 Reisetage jährlich. „Ich fand es lustig, mal einen Monat nach Hawaii zu fahren, oder fünf Wochen in Guatemala zu verbringen.“

Möglichst viele Länder zu sehen, sei da noch kein Thema gewesen. Das erweckte erst 2018 eine Begegnung in einem Autobus in Kambodscha. „Ich habe dort zufällig die Freundin von Drew Binsky (großer Reise-Blogger und -Vlogger, der bereits 191 Länder bereiste; Anm.) kennengelernt. Wir sind ins Reden gekommen. Dabei hat sie erzählt, wie es ablaufen kann, wenn ich alle Länder der Welt bereisen möchte, welches Potenzial dahinter steckt.

Dass ich das auch über Social Media sehr gut vermarkten könnte – was ich bisher noch ziemlich vernachlässige“, schmunzelt Prager. Seit dem Treffen setzt sie ihren Plan, alle Länder der Erde zu bereisen, aber in die Tat um. Das hat auch ihre Reisetaktik geändert. „Bisher habe ich Länder, die mir gefallen haben, immer wieder bereist. Hawaii zum Beispiel. Heute schaue ich darauf, wo ich noch nicht war, verbinde bei meinen Reisen gleich mehrere Länder, wenn es geht.“

Anfang des Jahres verabschiedete sie sich etwa nach Nordafrika – erst nach Ägypten, und weiter in den Sudan. Durch das derzeitige Heimprogramm an den Unis war das neben dem Geographie-Studium leicht möglich. „Eine Prüfung habe ich in Hurghada abgelegt“, schmunzelt sie. „Ich fand ein günstiges Angebot für Ägypten, habe mir das Land angeschaut, bin dann im Bus noch in den Sudan – eine wirklich unvergessliche Reise.“

Beide Länder seien, obwohl Nachbarn, sehr unterschiedlich. „Ägypter sind Touristen gewohnt, wollen dir auf der Straße gleich etwas verkaufen. Oder dich heiraten. Im Sudan sind die Menschen Touristen weniger gewöhnt, gehen viel freundlicher auf einen zu, sind sehr interessiert daran, was du hier machst und warum du hier bist.“

Bei Pragers Art zu reisen, braucht es Durchhaltevermögen. „Wenn ich die Möglichkeit habe, versuche ich zwischen den Ländern viel mit dem Bus zu reisen, weil du da am meisten von der Landschaft mitbekommst.“ Dafür waren ihr auch die 88 Stunden zwischen der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires über die Anden nach Ecuador nicht zu viel.

„Wir waren teils auf Schotterstraßen unterwegs“, erzählt sie. „Aber die Landschaft, die du da siehst, ist einmalig.“ Am Titicaca-See vorbei, mitten durch die Nazca-Linien, durch diverse Andendörfer. Nur den Abstecher nach Machu Picchu musste sie selbst organisieren. „Das war die schönste Busfahrt meines Lebens“, schwärmt sie.

Eindrucksvoll war auch die Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. „Wir hatten kein Hotel, sind immer über Nacht gefahren und hatten dann tagsüber Aufenthalte in einigen Städten“, erzählt Prager. „Und dazwischen die wunderschöne Landschaft. Die Transsib fährt nur um die 60km/h, da hast du genug Zeit und Gelegenheit, Sibirien zu genießen.“
Ihr Lieblings-Reisekontinent ist aber Afrika.

„Die Natur, die Menschen, die Kulturen, die Tierwelt. Das ist alles sehr faszinierend“, sagt sie. „Auch das Zusammenleben. Die Menschen sind hier in vielen Ländern Touristen kaum gewöhnt, gehen ganz anders mit dir um. Du erlebst hier Dinge, die du sonst nirgendwo erleben würdest.“ Aufgrund der schwierigen Einreisebedingungen fehlen ihr von den 56 afrikanischen Ländern aber immer noch 46.

Alleine auf Achse

Die 28-Jährige reist großteils alleine, muss sich daher auch immer wieder die Sorgen von Verwandten und Freunden zur Wahl ihrer Destinationen anhören. Angst habe sie aber keine. Weder in den Favelas in Rio de Janeiro oder Sao Paolo, noch im Iran oder im Irak. „Wenn du dort bist, erlebst du diese Länder nicht in den bei uns bekannten Stereotypen. Ich habe die nettesten, freundlichsten Menschen auf Reisen kennengelernt“, sagt Prager. Fehlende Angst wird freilich durch die Erfahrung verstärkt. „Du wirst mit jedem mal sicherer.“

Brenzlige Situationen habe es bisher kaum gegeben, sagt sie. In Durban (Südafrika) hatten sie und eine Freundin aber Glück. „Wir sind auf der Suche nach dem Hotel abends durch die Straße geschlendert, haben dann einen Taxifahrer nach dem Weg gefragt. Zuerst aber hat er uns ganz überrascht gefragt, ob wir denn noch nicht ausgeraubt worden sind“, erzählt Prager. Die jungen Frauen verneinten, gingen den erfragten Weg weiter. Aber nicht lange. „Meine Freundin hat hinter uns eine Gang erblickt, die mit Messern und Pistolen in unsere Straße gebogen ist. Dann sind wir doch schnell ins Taxi gehüpft. Genau zum richtigen Zeitpunkt – die Männer hatten uns schon erblickt, sind noch dem Taxi etwas nachgelaufen.“

Von der Hyäne bewacht

Knapp war es in der Serengeti, wo sie in einem Camp im Zelt übernachtete, es sich nachts eine Hyäne vorm Zelteingang gemütlich machte. Der Toilettengang mus-ste bis zum Morgen warten, als sich das Raubtier verzogen hatte.
Ganz groß auf der Wunschliste steht noch Afghanistan. „Drew Binsky hat mich da sehr geimpft, weil er erst vor Kurzem dort war. Das will ich unbedingt sehen“, sagt Prager. „Es gibt im Land sechs Gebiete, die nicht von Taliban kontrolliert, sicher sind.“ Socotra, eine dem Jemen vorgelagerte Insel, berühmt für Drachenblutbäume, möchte sie auch bald sehen. „Aufs Festland im Jemen würde ich eher nicht fahren“, sagt sie dann doch.

Wieviele Länder hat die Welt?

Wieviele Länder es derzeit genau zu bereisen gibt, darüber ist man sich in einschlägigen Kreisen übrigens gar nicht so einig.

Die Vereinten Nationen erkennen die volle völkerrechtliche Staatsqualität bei 195 Staaten an, darunter die 193 UN-Mitglieder, der Vatikanstaat und Palästina. Dazu gibt es neun weitere Territorien, bei denen der Status „Staat“ umstritten ist. In Reisenden-Kreisen spricht man derzeit meist von 193 oder 194 Ländern. „Je nachdem, ob der Vatikanstaat mitgezählt wird oder nicht“, so Carina Prager. „Aber es gibt auch hier unterschiedliche Zählweisen. Manche kommen auf über 200 Länder.“

In Österreich gibt es derzeit drei Männer, die „alle“ Länder bereist haben – noch keine Frau. Carina Prager will die Erste werden. „Mit 112 Ländern bin ich momentan im Österreich-Ranking der meistgereisten Frauen auf Platz zwei. Dass ich einmal die Erste bin, die alle Länder bereist hat, da bin ich optimistisch“, sagt sie. Zeitrahmen will sie sich dafür keinen setzen. Der wäre wegen des Coronavirus ohnehin schwer zu kalkulieren.

Pandemisches Reisen

Pragers Reisen sind ziemlich zum Erliegen gekommen. Ehe die Pandemie in Europa ausbrach, war sie noch auf Madagaskar und Mauritius, die Lücke im Sommer ging sich für Südfrankreich aus. „Ansonsten war ich nur in Ägypten und Sudan, wo die Einreisebestimmungen sehr liberal waren“, erzählt Prager. „Du kannst nichts planen, weil du eben nicht weißt, wann ein Land wieder zumacht.“ Eben erst musste sie Namibia stornieren. Auch die Reise nach Neuseeland samt angeschlossenem Ozeanien-Rundtrip kam nicht zustande.

Generell sei das Reisen in Pandemiezeiten nur mit sehr viel Aufwand möglich. „Das beginnt schon bei der Frage des Coronatests bei der Einreise? Wie frisch muss der sein? Dazu bekommt man oft unterschiedliche Auskünfte, je nachdem, wo man fragt. Oft gibt dieselbe Stelle unterschiedliche Auskünfte“, schildert Prager. Für heuer hält sich ihr Optimismus in Grenzen. „Ich genieße zurzeit aber auch, dass ich daheim bin, die Ruhe. Reisen ist ja schon auch Stress.“

Der Stress des Reisens

Besonders Flughäfen sieht sie als „Orte des Stresses“. Eine Kreditkarte mit Priority Pass, die am Flughafen Zutritt zu Lounges erlaubt, helfe. Auch wichtig: das Reisen mit Trolley. „Es gibt nichts Stressigeres als die Gepäckabgabe. Den Trolley kann ich ins Flugzeug mitnehmen. Über die Jahre habe ich auch Techniken gefunden, alle nötigen Dinge darin zu verstauen.“

Einfach flexibel bleiben. Globetrotting heißt für Prager übrigens nicht, auf Urlaub, wie ihn Normalsterbliche kennen, zu verzichten. Sie setzt Fixpunkte wie Südfrankreich im Sommer und Skifahren in Lech im Winter, dazu vielleicht den Spring Break in Miami – und arrangiert um sie herum eher kurzfristig den Jahresreiseplan. Ihre hohe Flexibilität ermögliche es, auch stark verbilligt abzuheben.

Im Interview mit einem Reiseblog wurde die Reinprechtserin kürzlich für ihren „unüblichen Reisestil“ gefeiert. Damit war die Vielfalt der Reisearten gemeint. Vom Zelten in der Serengeti über das Wohnen in Mittelklasse-Hotels bis zur Highclass-Absteige in New York City. „Meist bin ich in Mittelklasse-Hotels. Hotels mit Geschichte, wie das Waldorf Astoria oder das Beverly Hills Hotel, erlebe ich aber auch gerne. Man muss auch unterscheiden zwischen dem Reisen alleine und dem Urlaub mit Freunden“, sagt sie. „Ich liebe Backpacking, genauso den Yachturlaub in St. Tropez.“