Spendenwelle: Tausende „Waldviertler“ gehen um die Welt. Schon 215.000 Euro für 3.900 Paar Schuhe an Bedürftige gesammelt: Über die große Wirkung eines kleinen Funkens – und Wege der Übergabe.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 11. Juni 2021 (03:26)
Talk im Lager auf Lesbos: Reza, Mohammed, Rahmat, Abbas, Ali, Renate Gönner.
Christian Prinz, Christian Prinz

Das Lager der Waldviertler Schuhwerkstatt in Schrems lockdown-bedingt rappelvoll, die Not in der Welt schon vorm Lockdown groß: Ein „Last Call“ im Gea-Magazin mit der Mahnung, der Einkauf von heute sichere die Arbeit von morgen, rief schließlich einen „Waldviertler“-Fan aus Vorarlberg auf den Plan. Er brauchte keine Schuhe, überwies aber Geld für eine Schuhspende an Bedürftige.

Die Anfänge der Story sind NÖN-Lesern seit März bekannt, der aktuelle Zwischenstand kaum zu glauben – als Renate Gönner für Gea vorige Woche für eine Übergabe nach Lesbos reiste, konnte sie die Kunde von bereits 215.000 gespendeten Euro für insgesamt gut 3.900 Paar „Waldviertler“ verbreiten!

„Beglückender Weg für alle Seiten.“ Die gespendeten Schuhe gehen entweder an Hilfsorganisationen in Österreich, die teils schon Listen mit dringend notwendigen Schuhgrößen führen, oder ins Ausland an Flüchtlinge – und damit wohl irgendwann um die Welt.

„Die ganze Mariahilfer Straße lebt davon, dass Leute Zeug einkaufen, das sie gar nicht brauchen. Dass wir unsere Schuhe ausgerechnet an jene nicht verkaufen konnten, die sie am dringendsten brauchen, bedauerten wir bisher sehr“, sagt Geschäftsführer Heini Staudinger: „Jetzt ist ein toller, für alle Seiten beglückender Weg gefunden worden, wie dieses Problem gelöst werden kann – und der auch uns ein wenig hilft.“

Schuhe für Hilfsorganisationen in Österreich und in Flüchtlingslagern. Den durchschnittlichen Flohmarkt-Schuh aus dem Waldviertel gibts im Paar um etwa 90 Euro. Für Schuhe, die im Zuge der Spendenaktion an Bedürftige gehen, wird noch einmal gut die Hälfte für – so Staudinger: „Extrem-Flohmarktpreise“ – abgezogen. In Österreich werden laufend Paare mit angefragten Schuhgrößen an Gruft, Ute-Bock-Haus, Emmaus-Gemeinschaft, Caritashaus oder diverse Tafeln zwischen Burgenland und Salzburg ausgeliefert.

Transporte in Flüchtlingslager werden indes über den seit Jahren für Kinderhilfe engagierten Jorgos Trompeter bzw. Reisefotograf Pascal Violo, der vorigen Herbst angesichts des Leides im Lager Moria die „Karawane der Menschlichkeit“ ins Leben rief, abgewickelt. Da gehe es nicht nur um Ware, sondern mit Rote-Nasen-Clowns oder Seifenblasenkünstlern auch um „Herzerfrischendes für Kinder“, sagt Heini Staudinger.

„Leute im Dreck, die nur ums Überleben kämpfen.“ Staudinger bekommt während des NÖN-Gespräches einen Anruf von Violo herein. Der möchte gerade unter anderem 20 Tonnen Hilfsgüter in ein türkisches Lager an der Grenze zu Syrien bringen. „Der Lkw wird seit zehn Tagen von den Behörden am Weg ins Lager gehindert. Es ist wohl leichter, über Syrien zu kommen“, erfährt Staudinger. Und: Violo berichtet von 10.000 Leuten „im Dreck, die nur ums Überleben kämpfen. Da bleibt einem die Spucke weg…“

„Freiwillig geht dort keiner hin“, berichtet auch Renate Gönner nach ihrer Rückkehr aus Lesbos. Höre man den Menschen im Lager zu, dann höre man „wirklich brutale Sachen“ – etwa von jenem 13-Jährigen, der zuhause als Einziger überlebt hatte, weil er sich während eines Angriffs unterm Bett versteckte, danach alles auf eine Karte setzte, alleine und nur mit dem Wunsch nach einem Leben im Frieden abhaute.

Tropfen nicht auf den heißen Stein: in den Kübel! Spätestens jetzt begreife man, dass Flucht nichts mit Abenteuer zu tun habe. „Man erlebt berührende Momente.“ Ums Weltretten geht es ihr nicht. Es geht darum, etwas zu tun und zu hoffen, dass die Hilfe kein Tropfen auf den heißen Stein ist – sondern in den Kübel, in dem irgendwann etwas zusammenkommt.

Die Flüchtlingshilfe habe teils was von einem „Business“, erinnere mitunter an eine Art Dauertourismus, sagt sie. Man dürfe Flüchtlinge nicht zu Almosenempfängern machen, mahnt Gönner. Aber: „Sie sind hier total abhängig von dem, was von außen hereinkommt.“ Man prüfe die Organisation, die man unterstützt, sehr gezielt. Drei Gruppen mit unterschiedlichen Verteilstrukturen werden mit Waldviertler Schuhen unterstützt, 1.400 Paare hatten Gönner, Trompeter & Co vorige Woche dabei. 400 weitere Paare hat Violo für das türkische Lager mit.

Weiter Weg auch noch für die Gea-Akademie. Zuhause im Waldviertel beschäftigt sich Renate Gönner indes wieder intensiver mit ihrer eigentlichen Kernaufgabe – der Leitung der Gea-Akademie. Damit hat sie nach den Lockdowns ebenfalls noch einen weiten Weg vor sich.

„Es muss sich von der Belegschaft bis zum Seminarteilnehmer alles erst wieder einspielen, in einen Rhythmus kommen“, sagt Geschäftsführer Staudinger: „An sich sind die Gäste aber wahnsinnig froh darüber, dass wir wieder werken und sie wieder begrüßen können – wir kommen Schritt für Schritt zurück in den Normalbetrieb.“ Noch im Juni kann etwa gelernt werden, wie man sich seine Waldviertler selber macht.