Staudinger: Alltag nach Mega-Hype . Umsatzrekord bei geringstem Wachstum nach Jahren: Rückkehr zur Normalität bei Gea/Waldviertler für Anpassungen genutzt.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 24. März 2017 (04:34)
Heinrich Staudinger: „Es war klar, dass für uns die Konsolidierung und die Stärkung der Strukturen Vorrang bekommen würden.“
NOEN, Lohninger

Die Zeiten des unverschämt hohen Wachstums sind vorbei, Heini Staudingers Duo Waldviertler Werkstätten/Gea erreichte in dem soeben rekapitulierten Jahr 2016 „nur“ noch Umsatzsteigerungen von drei (Waldviertler) bzw. einem Prozent (Gea).

2016 wurde mit einem Umsatz von insgesamt 32 Millionen Euro dennoch ein neuer Rekordwert erzielt – 18,9 Millionen Euro davon entfallen auf die Waldviertler Werkstätten in Schrems, der Rest auf die eigenen Gea-Läden.

Über Nacht berühmt als „Schuh-Rebell“

Dem Chef kam das Abflachen der Entwicklungskurve gar nicht so ungelegen. Im Jahr 2012 war der Konflikt mit der Finanzmarktaufsicht (FMA) wegen eines damals noch nicht legalen Kreditmodells entbrannt. Staudingers Weigerung bis zur Pfändung, die verhältnismäßig geringe Strafe für ein aus seiner Sicht aber rechtes Geschäft zu zahlen, machte ihn über Nacht als „Schuh-Rebell“ überregional berühmt und schraubte die Nachfrage nach seinen Produkten in ungeahnte Höhen.

„Innerhalb von acht Jahren haben wir das Volumen fast verdreifacht“, blickt er zurück. Die extreme Expansion erforderte ein rasches Anpassen der firmeneigenen Strukturen, machte genau das durch die hohe Schlagzahl aber nahezu unmöglich. Staudinger: „Es war klar, dass das enorme Wachstum so nicht weitergehen konnte – und für uns die Konsolidierung und die Stärkung der Strukturen Vorrang bekommen würden.“

Millionenbetrag floss in erstes Software-System

Die Möglichkeit, ein wenig durchzuatmen, sei unter anderem für den Beginn für grundlegende Umstellungen in der Betriebsführung genutzt worden. Die einstige Hierarchie werde seit dem Vorjahr in Richtung einer auf wesentlich mehr Mitverantwortung aller Mitarbeiter ausgerichteten Soziokratie bewegt worden, sagt Staudinger.

Einiges bewegt habe sich vor allem auch in Sachen EDV. Mit dem zum Team gestoßenen Paul Tritscher habe die Software-Entwicklung nach sechs Jahren endlich Fahrt aufgenommen, freut sich der Geschäftsführer: „Wir haben inzwischen insgesamt an die 1,2 Millionen Euro dafür investiert. Dafür haben wir aber jetzt ein System, in dem wirklich alles zusammenläuft.“

Es heißt GEAsoft, und dort fließen unter anderem Lagerverwaltung, Lagerbewegungen am Firmensitz und in den Gea-Filialen, Kassensystem inklusive Registrierkassa, Kunden- sowie Auftragsverwaltung oder Online-Shop ein. „Es umfasst etliche Automatismen, um uns Zahlen zu liefern, mit denen wir arbeiten können“, sagt Tritscher.

Staudinger verspricht sich dadurch massive Einsparungen

Heini Staudinger verspricht sich dadurch massive Einsparungen: „Unter anderem erfahren wir jetzt präziser, welche Schuhe wirklich wo benötigt werden, weil jetzt erstmals die Bestände in allen unseren Läden per Mausklick abrufbar sind und die Lagermengen in den Gesamtlagerstand einbezogen werden.“

Folglich kann nun punktgenauer produziert werden. Teile der Software inklusive Dienstleistungen und Hardware werden auch externen Kunden angeboten, an die 50 davon gibt es laut Tritscher bereits.

Ein bisschen Wachstum darf es freilich auch weiterhin sein. Daher wird diese Woche mit Gea Hannover der bereits 20. Shop in Deutschland eröffnet, in Amstetten ist für die nächsten Monate ebenfalls eine eigenständige Filiale geplant. Generell sieht Staudinger nach den Monaten des Struktur-Umbaus jetzt wieder mehr Möglichkeiten zum sachten Ausbau des Filialnetzes.

Auf „sacht“ liegt dabei allerdings die Betonung. „In manchen Wochen kommen bis zu vier Anfragen von Leuten, die einen Gea-Laden aufmachen möchten“, gibt der Chef zu Bedenken.

2,6 Millionen Euro Umsatz in der Jurte!

Insgesamt 54 Filialen werden derzeit in Österreich, Deutschland und der Schweiz betrieben, jeweils etwa zur Hälfte selbst und mit eigenständigen Partnern – wobei der Werksverkauf in der Schremser Jurte mit einem Umsatz von 2,6 Millionen Euro (!) im Vorjahr die eindeutig größten Erlöse erzielte.

Inzwischen konstant 170 Mitarbeiter werden in der Granitstadt beschäftigt und zusätzlich etwa hundert in den eigenen Filialen.

Die Doku „Das Leben ist keine Generalprobe“ , für die ausgerechnet zur Zeit des Konfliktes mit der FMA dem Phänomen „Heinrich Staudinger“ nachgegangen worden war, sahen bereits 23.000 Kinobesucher und etliche DVD-Käufer. Am 24. Mai werden der unbeugsame Waldviertler und sein Team ein Vielfaches an Zusehern haben – wenn der Film um 20.15 Uhr das Hauptabendprogramm auf ORF I füllen soll.