Transgender sein: Was das bedeutet. 15-Jähriger wurde als Mädchen geboren, so gefühlt hat er sich nie: Hoffnungen, dunkle Momente und der Weg vom Mädchen zum Mann.

Von Anna Hohenbichler. Erstellt am 30. April 2021 (05:34)
Blick nach vorne: Die eine oder andere Hürde muss Liam Zotter auf seinem Weg zum Jungen noch überwinden. Sicher ist er sich der Sache trotzdem.
privat, privat

Mit einem freundlichen „Hallo, ich bin Liam“ öffnet ein Jugendlicher die Eingangstüre. Der Gedanke, dass er als Mädchen geboren wurde, scheint nach diesem ersten Eindruck weit weg. Dennoch: Liam ist tatsächlich gerade erst am Weg zum Jungen. Einfach war und ist dieser Weg aber nicht. Der 15-Jährige sprach mit der NÖN über seine Geschichte und seine Pläne als Transgender.

Mehr als nur „burschikos“. Fußballspielen, kurze Haare, keine Kleider – nach wie vor werden diese Dinge eher jungen Burschen zugeordnet, gelten als „nicht mädchenhaft“.

Der 15-jährige Liam James Zotter geht mit dem Thema Transgender offen um.
NOEN

Ähnlich war das auch bei Liam James Zotter, wie der Schremser inzwischen heißt: „Ich war immer schon ein burschikoses Kind. Aber mit der Zeit hat man gemerkt, dass es keine Phase ist“, erzählt er. Mit elf Jahren hat er sich geoutet, als erstes beim Stiefvater. Der hat zwischen Mutter und – damals noch – Tochter vermittelt. Denn der offene Umgang zwischen den beiden mit dem Thema Transgender entwickelte sich erst im Laufe der Zeit. Heute sagt Michaela Zotter, dass Bekannte und Verwandte schon im Kindesalter erkannt hätten, dass die Tochter „eigentlich ein Sohn ist“.

„Jede Person, die zu einem steht, nimmt einem etwas Last ab.“ Liam James Zotter

Ekel vor dem eigenen Körper. Für ihn selbst sei immer klar gewesen, dass er kein Mädchen ist, erzählt Liam Zotter. Ein Outing war es also hauptsächlich anderen gegenüber. Zu unangenehmen Situationen kam es trotzdem – ganz besonders in der einsetzenden weiblichen Pubertät. Zum Beispiel: Das Umziehen für den Turnunterricht vor anderen Mädchen. Die Kleidungswahl beim Schwimmen. Der Kompromiss statt des Bikinis ist nun ein Schwimmshirt.

Als die körperliche Entwicklung zur Frau begonnen hat, begann Liam Zotter mit dem Abbinden der Brüste, heute trägt er spezielle Tops. Er habe sich für den eigenen Körper geschämt, davor geekelt, sagt er. „Belastend“ war auch das Einsetzen der Menstruation: „Das ist das weiblichste, das es gibt.“ Im vergangenen Herbst ist der Hormonstopp erfolgt, die Menstruation ist jetzt kein Thema mehr.

Anders als die Anderen. Liam Zotter besucht aktuell die Polytechnische Schule in Gmünd. Davor war er – mit halbjähriger Unterbrechung am Gymnasium Horn – im Gmünder Gym. Ausgrenzung, Beleidigungen und Mobbing seien immer ein Thema gewesen, meint er. Das ging bis zum Schulschwänzen. Angriffsfläche bietet auch sein Mädchenname. Den nennt er selbst kaum, spricht stattdessen vom „alten Namen“.

Anfeindungen gibt es per Internet heute noch. „Das wird es immer geben. Ich nehme es aber einfach nicht mehr ernst“, sagt Liam. Online verstecken sich viele hinter Anonymität und Fake-Accounts. Selbstbeherrschung zu lernen, sei ein langer Prozess, gibt er zu. Die Treffen beim Psychologen sollen auch da Unterstützung bieten.

Depressive Tiefpunkte bis zum Suizidversuch. Wirklich kritisch wurde es in jener Zeit, als Liam Zotter wegen dem Fußballspielen ins Horner Gym wechselte und dort im Internat lebte. Suizid-Gedanken und selbstverletzendes Verhalten seien oft präsent gewesen, erzählt er. Als der Stiefvater wenige Wochen vor der geplanten Hochzeit mit der Mutter verstorben war, sei ihm alles zu viel geworden. Ein Suizid-Versuch mit Tabletten blieb ohne Folgen, er versuchte es ein zweites Mal. Ob er die Absicht hatte, dass der Versuch gelingt? „Ja“, sagt er. Damals war Liam Zotter 13 Jahre jung.

Internats-Betreuer fanden ihn am Morgen bewusstlos im Bett, er kam in die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mauer. „Heute bin ich froh, dass die Versuche nicht geklappt haben. Als ich nach Mauer kam, wusste ich: Jetzt wird es besser.“ Und so war es nach dem fünfwöchigen Aufenthalt auch.

Fußballspielen half – begrenzt. Mit sechs Jahren hat Liam begonnen, im Team Fußball zu spielen, war etwa in Schrems, Hoheneich und Horn. „Das waren 90 Minuten, in denen man alles rundherum abschaltet, einfach nur Spaß hat“, sagt er. Aktuell spielt er nicht mehr, weil: Auch im Sport habe er Ausgrenzung gespürt. Dennoch denkt er daran, wieder einzusteigen. Aktuell geben ihm seine Freunde mentale Unterstützung.

„Das Umfeld macht viel aus“, sagt Liam Zotter. Und es trägt dazu bei, dass er nun von sich selbst behauptet, psychisch stabil zu sein. Je mehr Akzeptanz er durch seine Freunde bekommen hat, umso besser wurde alles Andere: „Jede Person, die zu einem steht, nimmt einem ein bisschen Last ab.“ Eine dieser Lasten seien häufig Provokationen, sagt Liam: „Manchmal kommt man mit Worten nicht mehr weiter.“ Das Resultat: Aggressionen.

Wie es der Mutter mit alldem geht. Heute spricht Michaela Zotter recht offen über das Thema Transgender – und darüber, dass es ihr eigenes Kind betrifft. So einfach war es für sie nicht immer, besonders mangelnde Akzeptanz auch innerhalb der eigenen Familie habe sie belastet: „Er hat nicht gemerkt, dass ich ihn unterstütze. Das tut mir heute noch leid. Ich frage mich: Wenn ich es als Mutter akzeptiere, warum können es die anderen nicht auch?“

Beinahe seit Liams Lebensbeginn ist Michaela Zotter alleinerziehend. Dass ihr Kind Transgender ist, bedeute viel Verantwortung – das gibt sie zu. Die Unterstützung will sie ihm nicht verwehren: „Sonst verliere ich mein Kind vielleicht. Für mich ist es schlimm, ich habe panische Angst vor der Operation“, sagt sie. Aber: „Der Psychiater hat von vornherein gewusst, dass sich Liam nicht mehr ändern wird.“ Auch sie selbst habe psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Nur: „Ich kann es mir nicht mehr leisten.“

Mit dem Testosteron kommt die nächste Pubertät. Dass Liam Zotter seine Umwandlung vom Mädchen zum Burschen überhaupt beginnen konnte, bedurfte einiger Voraussetzungen: Die Bestätigungen von zwei Psychologen und einem Psychiater waren nötig – bevor er die bekam, war er zwei Jahre in Therapie. Sie begleiten seinen Weg auch weiterhin. Am Kalender der beiden sind mehrere Arzttermine vermerkt, durchschnittlich stehen zwei bis vier pro Monat an.

In wenigen Wochen beginnt die Verabreichung der männlichen Hormone. Liam ist wichtig, dass das noch vorm Jobeinstieg passiert. Was ihn dann erwartet, kennt er nämlich schon: „Meine Mama muss insgesamt sieben Jahre Pubertät mitmachen, sie tut mir wirklich leid“, schmunzelt er. Dass der 15-Jährige mit „er“ angesprochen wird, hat übrigens schon seine Rechtmäßigkeit: Nach der Personenstandsänderung heißt er auch offiziell Liam James Zotter. Den ersten Vornamen hat er mit Freunden gemeinsam gefunden, den zweiten mit der Mama.

Dann ist da noch die Operation. Wenn Liam Zotter über seine hormonelle Umstellung, die Operationen und das, was ihn noch erwartet, spricht, wirkt er aufgeklärt und gut informiert. Weil er noch nicht volljährig ist, bedarf es der Zustimmung von Mutter Michaela – zumindest bei der Hormontherapie.

Die Verantwortung sei ihr bewusst – andererseits aber auch das Wissen nach vielen Arztgesprächen, dass ein früher Zeitpunkt bei der hormonellen Umstellung besser sei. „Natürlich wäre es mir lieber gewesen, wenn er damit bis zur Volljährigkeit gewartet hätte. Andererseits habe ich Angst vor einem weiteren Suizidversuch – und dass der dann gelingt“, sagt sie.

Der Kompromiss: Die Hormontherapie beginnt mit 16, mit den Operationen wird bis zur Volljährigkeit gewartet. Diese Zeit will er nutzen: „Vielleicht kann ich mit Krafttraining bis dahin körperlich so fit werden, dass ich mir die Brust-OP erspare.“ Die Angleichung der Genitalien erfolgt in einem mehrstufigen Prozess, dazwischen liegen mehrmonatige Heilungsphasen. Für die Phalloplastik wird weitgehend körpereigenes Gewebe verwendet – meistens aus dem Unterarm.

Auch er habe Angst, gesteht Liam James Zotter. Trotzdem: Das Ergebnis sei all die Schmerzen und Risiken wert.