Vollwaisen wegen Hitler. Weil ihre Mutter eine Cousine Adolf Hitlers war, mussten Adolf Koppensteiner (damals 5 Jahre alt) und seine Geschwister ein Leben ohne Eltern führen.

Von Karin Pollak. Erstellt am 02. Juni 2015 (08:17)
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ST. MARTIN: Vollwaisen wegen Hitler
Das Ehepaar Ignaz und Maria Koppensteiner wurde am 30. Mai um 5 Uhr früh von russischen Soldaten abgeholt. Sie kamen nie mehr wieder, die vier Kinder mussten alleine ihr Leben meistern.
NOEN, privat

Das Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai 1945 bedeutete nicht nur das Ende des nationalsozialistischen Regimes, sondern auch den Beginn einer schrecklichen Zeit für den damals fünfjährigen Adolf Koppensteiner aus Langfeld: Russische Soldaten holten seine Eltern am 30. Mai vor 70 Jahren um 5 Uhr früh ab – er sah sie nie mehr wieder, wuchs mit drei Geschwistern als Vollwaise auf.

Adolf Koppensteiner war das Jüngste der vier Kinder von Ignaz und Maria Koppensteiner, die ihre Landwirtschaft in Langfeld auch während des Krieges führten. Das Kriegsende mit dem Einzug der russischen Soldaten zerstörte das Familienglück. Der Grund: Mutter Maria war eine Cousine Adolf Hitlers, und die Russen erfuhren davon.

In den Morgenstunden des 30. Mai 1945 holten sie Maria Koppensteiner zu einer „Einvernahme“ nach Wien ab. Diese sollte acht Tage dauern. Ignaz Koppensteiner wollte seiner Gattin beistehen und begleitete sie.

"Wir hatten eigentlich gar nichts mehr"

Die beiden Töchter im Alter von 16 und 15 Jahren sowie die Söhne mit 11 und 5 mussten sie alleine zurücklassen. Es war ein Abschied für immer – die Eltern wurden zu 25 Jahren Haft in Russland verurteilt. „Wir haben von unseren Eltern nichts mehr gehört, wir wussten nicht, wo sie waren und wie es ihnen ging. Es war furchtbar“, schaut Adolf Koppensteiner auf diese prägenden Momente zurück.

Seine Schwestern kümmerten sich um die Buben, bewirtschafteten gemeinsam mit einem 70-jährigen Knecht den Bauernhof bzw. das, was noch davon übrig geblieben war. „Unser Anwesen wurde von den Russen komplett geplündert. Wir hatten eigentlich gar nichts mehr“, erinnert sich Koppensteiner, der mit 17 Jahren den Bauernhof alleine übernommen hatte. Nach seiner Hochzeit als 19-Jähriger mit Hedwig führte er diesen weiter und arbeitete bis zur Pensionierung nebenbei als Hilfsarbeiter in einem Sägewerk. Der Bauernhof wird jetzt von Sohn Gerhard weitergeführt.

Erst zu Beginn der 1990er-Jahre erfuhren er und seine beiden Schwestern – der Bruder erlitt einen tödlichen Motorradunfall – übers Rote Kreuz, dass die Eltern in Russland verstorben waren; der Vater 1949, die Mutter 1954. „Wo sie in Russland eingesperrt waren und nun beerdigt sind, darüber haben wir keinerlei Informationen“, sagt Koppensteiner. Seine Eltern teilen ihr Schicksal mit den beiden Brüdern seiner Mutter, die als Maria Schmidt in Spital aufgewachsen ist. Auch sie wurden zu einer Haft in Russland verurteilt und kamen nicht mehr wieder.

Cousin Adolf Hitler nur einmal getroffen

„Ich weiß nur, dass meine Mutter als junges Schulmädchen einmal ihren Cousin Adolf Hitler getroffen hat. Sie hatte sonst nie Kontakt zu ihm. Dieses verwandtschaftliche Verhältnis, für das niemand etwas kann, haben ihr und meinem Vater den Tod gebracht“, ist Koppensteiner nach wie vor über diese Ereignisse schockiert. Unterstützung bei der schwierigen Aufarbeitung der Geschehnisse bekommt er von seiner Gattin, den drei Kindern und neun Enkeln.

„Ändern kann man das alles leider nicht mehr“, sinniert Koppensteiner. „Die Bilder über den Krieg damals und auch heute im Fernsehen rühren aber alles wieder auf.“