Gmünder Baumann-Dekor: Hürden am Weg zurück. Wegbruch der Tourismus-Branche: Durchtauchen mit 3-Mann-Team, neue Ideen – und ein Verfahren am Arbeitsgericht.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 14. Oktober 2020 (05:20)
Baumann-Dekor
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Es ist still geworden am weiten Firmenareal eines früheren Waldviertler Paradebetriebes. Gespenstische Stille durchzieht die kalten Weberei-Hallen, in denen einst 300 Beschäftigte weltweit nachgefragte Vorhang- und Möbelstoffe der „Brüder Baumann“ fertigten.

Die Schar ist auf ein Trio geschrumpft: den Assistenten des indischen Eigentümers, eine Teilzeitkraft, und eine Weberin, die keinen Anspruch auf AMS-Geld hätte, für Näharbeiten und zur Muster- Anfertigung bleiben durfte.

Die Produktion an sich ruht – und das ausgerechnet in jenem Jahr, in dem nebenan die Brüder-Baumann-Straße endlich aus ihrem Schattendasein eines Schotterweges in den Stand einer richtigen Asphaltstraße inklusive Radweg gehoben wird.

„Nicht alle Eier in einem Korb“

Der Ausstatter von Kreuzfahrt-Unternehmen und großer Hotelketten war wegen internationaler Billig-Konkurrenz schon vor Covid-19 angeschlagen. Die Pandemie hat dem mittlerweile als Baumann-Dekor firmierenden Traditionshaus durch den totalen Einbruch des weltweiten Tourismus nahezu den Rest gegeben.

Gut 90 Prozent des Umsatzes waren zuvor im touristischen Bereich erzielt worden, sagt Eigentümer Ajay Bikram Singh. Binnen zwei Wochen seien sämtliche Aufträge gestoppt worden.

Die alte Investoren-Weisheit, zwecks Risikostreuung nicht „alle Eier in einen Korb“ zu legen, habe sich für seine Firmengruppe erstmals als Nachteil erwiesen: „Wir haben jeweils drei Niederlassungen in Indien und Nahost, eine in den USA und jene in Gmünd. Der Lockdown schlug überall zugleich auf, es war eine extreme Herausforderung.“

„Arm opfern, um vielleicht Körper zu retten“

2015 hatte Singh mit einem Partner den durch höchst unruhige Gewässer treibenden Betrieb übernommen, seither nach eigenen Angaben 6,5 Millionen Euro in Fortbestand und Reorganisation gepulvert – und für 2020 erstmals positive Prognosen geben können.

Dann kam Corona. „Alles brach ein“, so Singh. Kurzarbeit sei kein Thema gewesen, weil nicht einmal Arbeit zur Erfüllung einer 10-Prozent-Quote in Aussicht gewesen sei und ein Fortlaufen der Produktion Fixkosten von über 20.000 Euro alleine für Strom, Gas oder Wasser aufgeworfen hätte.

Es habe keine Alternative zur Kündigung fast der ganzen Belegschaft und vorläufigen Einstellung der Produktion gegeben, die NÖN berichtete. „Mitarbeiter hatten in Firmen-Laufbahnen von bis zu 42 Jahren hohes Know-how gesammelt. Die Entscheidung war daher sehr hart – wir mussten einen Arm opfern, um vielleicht den Körper retten zu können.“

Produktion wurde im Sommer vorläufig eingestellt

Mit Ende des Quartals wurden 32 der 35 verbliebenen Mitarbeiter im Frühwarnsystem des AMS zur Kündigung angemeldet, sie verließen das Haus bis Mitte August Schritt für Schritt nach Abarbeitung auslaufender Aufträge.

Die Zeit wurde zur Neubewertung der Situation genutzt: Im Tourismus-Segment erwartet Singh keine nennenswerte Entspannung vor Ende 2021, daher möchte er zur Überbrückung weg von großvolumigen Projekten, stattdessen mehr auf kleinere Angebote für den Einzelhandel oder auf die Herstellung von Fremdprodukten fokussieren.

Neustart-Visionen und Altlasten

Ganz sanft sei ein Anlaufen des Betriebes, so der Eigentümer, wieder anzudenken. – Wenn da nicht noch Altlasten aus den Tagen des Lockdown wären: Unter den gekündigten Mitarbeitern waren damals vier Angehörige des Betriebsrates, und die dürfen rechtlich erst nach Zustimmung des Arbeits- und Sozialgerichts freigesetzt werden.

Weil das nicht passiert ist, ist ebendort mit Unterstützung der Arbeiterkammer ein Verfahren anhängig. Nach Interpretation von Singh und Assistent Karun Verma müssten nun bei Aufstockung des Teams rechtlich zuerst die Betriebsräte zurückgeholt werden – obwohl für deren Profession im Bereich von IT und Produktion kein Bedarf sei: „Wir können nur Mitarbeiter beschäftigen, für die es wirklich zu hundert Prozent Bedarf gibt. Die Betriebsräte gehören nicht dazu, weil wir zum Neustart bloß drei bis vier Leute bräuchten, die Muster produzieren und nähen können.“

Die AK, die auf der Seite der Arbeitnehmer stehen solle, verhindere neue Jobs.

AK-Bezirksleiter Michael Preissl pocht auf Kündigungs-Schutz der Betriebsräte.
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„Stimmt nicht“, hebt AK-Bezirksstellenleiter Michael Preissl den Zeigefinger: Der Aufnahme neuen Personals stehe überhaupt nichts im Wege.

Die Betriebsräte seien vielmehr ohnehin immer noch reguläre Beschäftigte von Baumann-Dekor: Die Kündigungen seien mangels Zustimmung des Gerichtes rechtswidrig erfolgt, die Dienstverhältnisse somit aufrecht – zumal drei der vier Betriebsräte (der Vierte hat einen neuen Job) arbeitsbereit seien. Die Betriebsräte seien somit bis zum allfälligen Gerichts-Okay und dann dem Verstreichen der Kündigungszeit ohnehin zu bezahlen.

Die Eigentümerseite fühlt sich im Recht

Sie habe in einer wilden Zeit, in der alles schnell gehen musste und die Existenz des Betriebes am Spiel stand, das Bestmögliche getan, habe in Abstimmung mit dem AMS NÖ einen Plan für die 32 gekündigten Mitarbeiter entwickelt und sich daran gehalten. Es habe im Vorfeld mehrere Gespräche mit dem Betriebsrat gegeben, dessen Vorsitzender selbst habe durch seine Unterschrift am AMS-Papier die Zustimmung zu den Plänen gegeben.

„Unwissenheit oder Dummheit schützen nicht vor Strafe“

Auch das stimme nicht, kontert AK-Preissl: „Der Betriebsrats-Vorsitzende hat bestätigt, informiert worden zu sein, aber er hat nicht zugestimmt.“ Arbeiterkammer und Gewerkschaft hätten in Gesprächen im März explizit darauf hingewiesen, dass es ohne Arbeits- und Sozialgericht nicht gehen würde, hätten verschiedene Szenarien vorgeschlagen – ohne Ergebnis. „Unwissenheit oder Dummheit schützen nicht vor Strafe. Betriebsräte haben zurecht einen besonderen Schutz, natürlich beharren sie nun auf ihr Recht.“

Unwissenheit treffe aber auch die AK, wirft die Baumann-Führung ein: Diese unterstütze in einem anderen Verfahren einen Ex-Mitarbeiter, der in acht Firmenmonaten eine Reihe an Fehlern gebaut habe und nun auf Wiedereinstellung klage, obwohl er wegen heimlicher Aufnahmen von vielen Gesprächen rechtskräftig zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt sei. Davon sei ihm nichts bekannt, räumt AK-Preissl ein. Der Akt sei an einen Anwalt ausgelagert: „Steht das Urteil in Zusammenhang mit dem Arbeitsrechts- Fall, zieht die Arbeiterkammer ihren Rechtsschutz zurück.“

Der Karren ist verfahren

Seit Monaten herrscht zwischen Baumann und AK Funkstille, offenbar auch im Vorfeld einer Titelstory im aktuellen AKNÖ-Mitgliederheft, in der aus der Sicht des Betriebsrats-Vorsitzenden erzählt und unter anderem in den Raum gestellt wird, Baumann habe Corona wegen jahrelanger wirtschaftlicher Probleme nur als Ausrede für Einsparungen genutzt.

„Weltweit gingen durch Corona viele Jobs verloren, jeder kennt die Situation. Wir haben den Betrieb in einer schweren Krise übernommen, er lief fünf Jahre lang nur durch Geld, das wir investierten – weil wir an das Potenzial glauben, das in der Firma steckt“, betont Singh.

Chance auf Zukunft lebt

Er könne den Betrieb jederzeit auch ohne CoV und Ausrede ganz schließen. Aber, so Ajay Singh: Er glaube für eine Zeit nach der Coronakrise, in der der weltweite Tourismus nach einer Phase des Durchtauchens wieder in Fahrt kommt, immer noch fest an einen Turnaround. „Dazu braucht es die richtige Mannschaft, positive Energie und weitere Investitionen – Querschüsse und Lügen sind da nicht hilfreich.“