Zweitwohnsitzer im Bezirk Gmünd: CoV löste Boom aus. Stadtflucht, Homeoffice, Elternhaus als CoV-Zufluchtsort: Bezirk Gmünd legte um 700 Zweitwohnsitzer zu. Aber: Weniger Hauptwohnsitzer, mehr Todesfälle.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 13. Januar 2021 (05:59)
NÖN/Gemeinden; Illustration: Viktoria Kurpas/shutterstock.com; Grafik: Hammerl

Die Zahl der Hauptwohnsitzer erreichte im Bezirk Gmünd im Jahr 2020 einen neuen Tiefpunkt, dafür gab es eine Wende bei Nebenwohnsitzern: Im Schatten der Coronavirus-Pandemie erhöhte sich deren Gesamtzahl mit 31. Dezember 2020 um 714 auf 9.568, das ist ein Plus von 8,1 Prozent! Der Anstieg ist größer als die Zahl der Hauptwohnsitzer in fünf der 21 Gemeinden.

Litschau: Mehr als ein Drittel der Bevölkerung hat Nebenwohnsitz

Rainer Hirschmann hat in Litschau 36 Prozent der Bevölkerung als Nebenwohnsitzer.
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Besonders hoch fällt der prozentuelle Zuwachs in Moorbad Harbach (+19 %), Weitra (+15 %), Haugschlag, Schrems und Waldenstein (jeweils +13 %) aus, in Litschau bedeuten 83 zusätzliche Nebenwohnsitzer schon „nur“ noch ein Plus von 7,2 Prozent: Im Luftkurort beträgt der Anteil der 1.240 Nebenwohnsitzer an der Gesamtbevölkerung bei 2.197 Hauptwohnsitzern bereits 36,1 Prozent.

Nach dem ersten Lockdown sei die Begründung des Zweitwohnsitzes vielfach quasi als Legitimation dafür gesehen worden, in der heißen, engen Großstadt den Krempel zu packen und unter Einhaltung der Covid-Vorgaben raus aufs Land zu fahren, sagt der Litschauer Bürgermeister Rainer Hirschmann (ÖVP). Aber: „Die Leute sind hier nicht nur gemeldet, sondern es sind tatsächlich mehr Menschen hier – auch nach dem Sommer noch.“ Immer noch kommen, so Hirschmann, Anfragen, auch wegen Bestätigung des Zweitwohnsitzes.

Schrems und Weitra: Großteil der neuen Nebenwohnsitzer hat Wurzeln in der Region

In anderen Gemeinden werden Zuwächse eher durch Einheimische, die wegen Job oder Studium in Wien den Hauptwohnsitz gewechselt hatten, als durch Zuzügler erklärt.

117 neue Nebenwohnsitzer registrierte Karl Harrer 2020 in Schrems: das ist der Bezirks-Rekord.
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Für die Stadtgemeinde Schrems, wo die Zahl der Nebenwohnsitzer nach Jahren der rückläufigen Entwicklung um 117 auf mehr als 1.000 schnellte, beziffert Bürgermeister Karl Harrer (SPÖ) den Anteil der Rückkehrer mit „sicher 90 Prozent. Homeoffice war ein Thema, aber auch die allmähliche Vorbereitung auf den Ruhestand in der Heimat.“

In Weitra nahm Amtskollege Patrick Layr (ÖVP) primär Berufstätige oder Studenten, die etwa wegen des „Parkpickerls“ formell zu Wienern wurden und dennoch den Bezug zur Heimat wahrten, als neue Nebenwohnsitzer wahr. „Vor jedem Lockdown stiegen die Anfragen und Anmeldungen. Oft wurde zur Legitimisierung des Homeoffice oder des Wochenendes bei den Eltern in der Heimat ein Zweitwohnsitz dazugemeldet. Darüber freuen wir uns“, sagt Layr. Nachsatz: „Vielleicht werden sie ja irgendwann auch Hauptwohnsitzer.“

Nebenwohnsitzer beleben die Gemeinden, auch wirtschaftlich. Aber: Ertragsanteile aus Steuereinnahmen des Bundes, die angesichts der 2020 eingeknickten Wirtschaft ohnehin stark rückläufig sind, werden als Stütze der Gemeindebudgets nur pro Hauptwohnsitzer ausgeschüttet.

Und deren Zahl befindet sich im Bezirk – kurz unterbrochen von den Migrationsströmen um 2015 – im permanenten Sinkflug: Die Summe der Zuwanderer übertrifft jene der Abwanderer, das kann jedoch die seit Jahren negative Geburtenbilanz der überalterten Grenzregion mit lebenswerter Natur und schlechter Anbindung an die Außenwelt nicht annähernd ausgleichen. 2020 standen laut NÖN-Rundruf in den 21 Gemeindestuben 611 Todesfälle – ein Höchstwert in den vergangenen zehn Jahren – lediglich 249 Geburten gegenüber.

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt sich in Schrems. Dort gab es ein Plus von 20 Sterbefällen (104) und ein Minus von vier Geburten (34), die minus 27 Hauptwohnsitzer sind fast komplett durch die Geburtenbilanz erklärbar. Oder in Litschau: Da gibt es neben deutlich mehr Neben- auch etwas mehr Hauptwohnsitzer – weil die Zahl der Todesfälle 2020 „nur“ mehr 2,5 Mal höher war wie jene der Geburten, die sogar minimal stieg. 2019 waren hier noch mehr als viermal so viele Menschen gestorben als geboren wurden.

Heidenreichstein: Kaum ein Mittel gegen die Überalterung

In der Stadtgemeinde Heidenreichstein gab es indes um 44 mehr Sterbefälle als Geburten, die Zahl der Hauptwohnsitzer ging im Gleichklang dazu per Jahresende um 40 zurück. Damit lag 2000 genau im Schnitt: Innerhalb von fünf Jahren wurden es 200 Einwohner weniger.

An sich habe sich die Lage in der einst stolzen Industriestadt, die noch in den 1970er Jahren 5.800 Hauptwohnsitzer zählte und 2020 unter 3.900 fiel, stabilisiert, sagt Bürgermeister Gerhard Kirchmaier (SPÖ). „In unseren Betrieben ist heute kein Rückgang mehr zu bemerken“, sagt er. Aber: Die Jahre der Abwanderung wirken nach, negative Geburtenrate und Überalterung könnten heute kaum noch beeinflusst werden. Positiv streicht Kirchmaier hervor, dass einige der vielen leeren Geschäftsflächen zu Wohnraum umgestaltet werden sollen: „Es ist wichtig, überhaupt ein attraktives Angebot bieten zu können, auch für Zweitwohnsitzer.“

Den Angebots-Engpass sieht auch Gmünds VP-Stadtchefin Helga Rosenmayer als Hauptgrund für ein sattes Minus von 91 auf 5.252 Hauptwohnsitzer. Das sind 254 weniger als vor fünf Jahren. „An sich sehe ich die Situation sehr wohl positiv. Es gibt große Bemühungen um Zuzug und die Erhöhung der Lebensqualität – Junge wollen zurück, wenn es möglich ist“, attestiert sie für die Bezirkshauptstadt. Fast täglich gebe es Anfragen um Gemeinde-Wohnungen, Wohnraum und Baugründe seien immer gefragt. Mehrere Bauprojekte sind in der Pipeline, in der Brüder-Baumann-Straße nahe des Harabruckteiches soll es zudem noch im März um die Umwidmung künftigen Baulandes gehen.

Von der Kur zum Haus am Waldrand: Doppeltes Plus in Harbach

Margit Göll freut ein starkes Plus an Haupt- und auch Nebenwohnsitzern in Moorbad Harbach.
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Über satte Zuwächse bei Haupt- und auch Nebenwohnsitzern (+ 36 bzw. +42) darf sich indes Margit Göll als Bürgermeisterin von Moorbad Harbach freuen. Die Gemeinde, die 1890 noch 1.700 Hauptwohnsitzer zählte, in den 1950er Jahren unter 1.000 fiel und sich ab den 80ern bei etwa 700 einpendelte, legte seit 2012 um hundert Einwohner auf 770 zu. „Der Trend zeichnet sich seit Jahren ab, die Nachfrage nach Häusern übertrifft das Angebot wesentlich“, sagt Göll. Die Gegend werde oft während eines Kuraufenthaltes entdeckt, könne mit Lebensqualität und moderner Infrastruktur vom Breitband bis zur Ganztagsbetreuung in Schule und Kindergarten punkten: „Irgendwann zieht es dann Einzelne, aber auch ganze Familien als Haupt- oder Nebenwohnsitzer her. Viele suchen klassisch das abgelegene kleine Häuschen am Waldrand, zuletzt zog eine Familie mit Pferden in ein großes Haus mit Wiese.“

Weitra: Bauen & Wohnen als Hauptthema

 In Weitra arbeite man intensiv daran, die Nachfrage nach verschiedensten Wohnformen bedienen zu können, sagt der junge Bürgermeister Layr. „Wohnen & Bauen ist eines meiner Hauptthemen – ich habe einst selbst gesehen, wie schwierig es ist, Passendes zu finden. Ein bezugsfertiges Einfamilienhaus ist am Markt praktisch nicht vorhanden, die Nachfrage aber sehr wohl.“ Für das geplante Siedlungsgebiet Böhmstraße – mit Schlossblick – will er die Möglichkeit des Baus von Doppel- bzw. Reihenhäusern auf einer Teilfläche prüfen.

Litschau: Trend zum Wohnbau, Hoffnung auf Breitband

In der Schrammelstadt zog 2020 die Nachfrage nach Bauplätzen an – laut Stadtchef Hirschmann auch bei Zweitwohnsitzern. Beim Föhrenweg an der Nordausfahrt bahne sich ein gefördertes Wohnprojekt für junge Familien an. Gerade in Zeiten von Homeoffice kommt dem Internet-Ausbau eine starke Rolle zu, der Norden des Bezirkes hinkt da nach. Hirschmann: „Abgeordnete Göll arbeitet aber gut für den Bezirk. Überall, wo es möglich ist, graben wir in Zusammenarbeit mit der nöGIG bereits für Glasfaser mit – alles auf einmal aufzurüsten ist nicht möglich.“

Göll selbst freut sich, dass in ihrer Gemeinde Moorbad Harbach ein Entwicklungsplan vor der Auflage steht. „Darin ist auch ein Angebot in allen Katastralgemeinden berücksichtigt“, sagt sie. Die Gemeinde werde dann endlich wieder selbst rasch Bauland vergeben können.

Viel gebaut wird seit Jahren in der Stadt Schrems und ihren Ortschaften

Im Waldviertler Wohnpark, wo die nächste Genossenschafts-Anlage vor dem Baustart steht, geht laut Bürgermeister Harrer nach anfänglichem Zögern der Baugrund zur Neige. „Unsere starken Betriebe sind eine wichtige Basis“, spricht er von laufenden Anfragen nach Bauland: In Kottinghörmanns seien alle neugeschaffenen Gründe vergeben, in Langschwarza nur noch zwei frei, da wie dort werden neue Optionen angedacht. Auch in der Stadt selbst halte man die Augen offen, sagt Harrer. Aber: „Wir möchten vorsichtig erweitern, eher Baulücken schließen anstatt Flächen zu versiegeln.“