Bezirk Gmünd bei Einkommen unter Top-Bezirken

Gmünd erstmals in Top-3 bei Einkommen in NÖ. Aber: Geschlechterkluft wächst.

Erstellt am 07. Januar 2022 | 04:44
Lesezeit: 3 Min
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Foto: NOEN

Auf den ersten Blick unglaubliche Zahlen weist die Einkommensanalyse der Arbeiterkammer dem Gmünder Bezirk für 2020 aus: Beschäftigte verdienten hier im Schnitt mit 2.443 Euro brutto pro Monat um ganze 93 Euro mehr als anno 2019, Gmünd kletterte damit landesweit vom fünften auf den dritten Platz hinter Amstetten und Scheibbs hoch. Nach Abzug von Inflation, Lohnsteuer und Sozialversicherung bleibt hier ein realer Einkommensgewinn von 2,5 Prozent gegenüber 2019.

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Den Gmünder AK-Leiter Michael Preissl freut, dass der Bezirk in Sachen Einkommen schon im absoluten NÖ Spitzenfeld angekommen ist. Über die Schattenseiten täusche das aber nicht hinweg, mahnt er.
Foto: Markus Lohninger

Aber: Auf den zweiten Blick weist auch Gmünds Arbeitsmarkt Schwächen auf, sagt AK-Bezirkschef Michael Preissl. Konkret beunruhigt ihn das zunehmende Einkommens-Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. Der größte Teil der Steigerung fließt nämlich weiterhin in die Börsel von Männern: Frauen hinken im Medianeinkommen – dem genau mittleren Wert – bereits um 39,2 Prozent hinter Männern her, nur in zwei Bezirken ist die Kluft zwischen den Geschlechtern laut AK-Studie noch größer als in Gmünd.

Handel und Themenkreis um Teilzeit & Kind als Sorgenkinder . In dem bei uns sehr ausgeprägten Industriesektor ortet Michael Preissl nicht das Problem. Im Gegenteil: „Betriebe wie Eaton oder Elk zahlen sehr gut – und machen vielfach finanziell keine Unterschiede zwischen Mann und Frau.“

Er führt die Kluft eher auf ungleiche Entlohnungsschemata im Handel und auf das Spannungsfeld zwischen Teilzeit und Kinderbetreuung zurück. Oft massive Abweichungen von bestehenden Gleitzeitvereinbarungen nennt Preissl genauso wie vielfach bewusst gedeckelte Stundenmodelle im Handel, die dann noch mitunter mit Betreuungspflichten kollidieren. Die vielfach kritisierte Aussage von ÖVP-Arbeitsminister Martin Kocher, das Arbeitskräfteproblem in Österreich sei gelöst, „wenn alle Frauen, die Teilzeit beschäftigt sind, nur ein paar Stunden mehr arbeiten“, liegt nach Ansicht des Gmünder AK-Chefs daher klar nicht im Einflussbereich der Arbeitnehmerinnen.

„Rein monetär betrachtet, zahlt sich sowas einfach nicht aus.“ „Das Problem beginnt damit, dass Einsatzzeiten häufig nicht mit Zeiten der Kleinkind-Betreuung übereinstimmen“, erzählt Michael Preissl aus dem Alltag in der Arbeiterkammer. Selbst in der Stadt Schrems, wo er als Vizebürgermeister, Finanzstadtrat und SPÖ-Klubchef ja Einfluss hätte, sei der Bedarf schwer abzudecken.

Warum? „Bei uns öffnet das Kinderhaus um 7 Uhr, bei berufstätigen Müttern wäre der Bedarf aber teilweise schon ab 6, teilweise ab 6.30 Uhr vorhanden. Das klingt nach wenig, macht in der Praxis aber einiges aus, weil die Nachfrage insgesamt einfach deutlich zu gering ist, um effizient arbeiten zu können“, sagt Preissl. Die Mehrkosten für manchmal ein einziges Kind seien für eine Gemeinde nicht hereinzubekommen, auch mangels ausreichender Förder-Optionen des Landes NÖ. Preissl: „Bei jedem Streben um Flexibilität – solchen Kosten ist in Verbindung mit der in Aussicht stehenden Effizienz kaum zustimmbar.“

Er spricht von einem strukturellen Problem. Eine Umfrage unter den Bürgermeistern des Bezirkes habe überall ein ähnliches Problem ergeben – „vor 7 Uhr laufen uns die Kosten davon“. Für junge Mütter auf Jobsuche sei die Kleinkind-Betreuung sogar dann, wenn es sie gibt, ein echtes Kriterium: Er nennt den Fall einer Mutter aus dem Norden des Bezirkes, die für einen 20-Stunden-Job in einer Nachbargemeinde etwa 650 Euro netto verdient hätte. Die Betreuung des Kindes inklusive Mittagessen hätte 450 Euro verschlungen – also zwei Drittel des Einkommens, „rein monetär betrachtet, zahlt sich sowas einfach überhaupt nicht aus“. Um überhaupt an die Arbeitsstelle zu gelangen, wär‘s dann ja am Land immer noch wegen des eigenen Fahrzeuges.

Gegen Verschmelzung von Gemeinde- und Landeszuständigkeiten. Keine Lösung des Problems, aber ein Schritt in die richtige Richtung wäre nach Ansicht auch des Politikers Preissl ein Ende der Aufgabenteilung zwischen Land und Gemeinden von der Kind- bzw. Kleinkindbetreuung bis zur Schule: Derzeit sind da wie dort Teile von Kosten und Aufgaben von Gemeinde und Land zu tragen, zu Bedingungen des Landes. „Ich würde den schulischen Bereich mit Freude dem Land umhängen, dafür die Kleinkind- und Kinderbetreuung den Gemeinden überlassen“, sagt er: „Da geht‘s nicht um billiger oder besser, sondern um klare Entscheidungslinien, weniger Differenzen und Reibungspunkte, und mehr Synergieeffekte für alle.“