Erste 150 Jahre Libowitzky in Gmünd. Von Experten für Heilkräuter zu Medikations- Managern: Die einst erst zweite Apotheke im Gebiet des Bezirkes wird zum Jahreswechsel 150.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 30. Dezember 2020 (04:17)

Kann die Frage, wann genau an den Tagen um Silvester 1870 der erste Apotheker im Stadtzentrum den Dienst am Mitmenschen angetreten hat, heute nicht mehr exakt beantwortet werden, so steht zweierlei fest: dass die Ansiedelung der Familie Libowitzky in die bewegteste Phase der früheren Kleinstadt mit dem Aufstieg zur Hauptstadt eines neuen Bezirkes Gmünd gefallen ist – und dass die Apotheker die Stadt auch abseits der Gesundheitsversorgung über Jahrzehnte hinweg geprägt haben.

Mit der Franzlbahn kam die Apotheke

Die Basis schuf Josef Libowitzky, Förstersohn aus Nordböhmen: Er bewarb sich 1870 erfolgreich um die von der „k. u. k. niederösterreichischen Statthalterei“ neu geschaffene Stelle eines Apothekers – und zwar, ohne je einen Fuß in die Stadt gesetzt zu haben, wie Urenkel Gottfried heute sagt. Josef hatte in Prag das Studium der Pharmazie absolviert, war danach während Wanderjahren nach Wien gekommen und hier leitender Apotheker des Wiedner Krankenhauses geworden.

Gmünd, damals Teil des politischen Bezirkes Waidhofen und des Gerichtsbezirkes Schrems mit zweistündiger Gehzeit zur nächsten Apotheke in Weitra (jene in Waidhofen war sechs Stunden entfernt), lockte mit der Option, Eigenes und Neues aufzubauen. Vor allem aber lockten die Gleise der neuen Franz-Josefs-Bahn mit ihrem Bahnhof und großer Werkstätte in der Mitte zwischen Wien und Prag im heutigen České Velenice. Das nach 1870 folgende, massive Einwohnerplus war einkalkuliert und letztlich die Basis dafür, überhaupt die neue Apothekerstelle zu schaffen.

Fordernde erste Jahre

Josef Libowitzky richtete die Apotheke zum Auge Gottes als 1-Mann-Betrieb am Stadtplatz 42 ein – neben einem Arzt im ersten Stock über der heutigen Bäckerei Döller. Geöffnet war täglich, auch an Feiertagen, von 7 Uhr bis 21.30 Uhr. Waren keine Kunden zu bedienen, dann wurde aus selbst getrockneten Heilkräutern Arznei hergestellt und in Pulverkapseln oder Säckchen aus eigener Fertigung gefüllt.

„Mit Schaudern denke ich noch an die komplizierten Pflasterkochereien, wo es selten ohne Brandwunden abging“, schrieb Josefs Sohn Anton, 1878 in Gmünd geboren, um 1900 aus dem Alltag seines Vaters ins Tagebuch, „dann beim Ausmalaxieren die verpickten Finger, an die sich die klebrige, zähe Pflastermasse so anlegte, dass man sie schwer wegbrachte“.

Licht gab vorm Bau des Elektrizitätswerkes anno 1900 im besten Fall die Petroleumlampe, Trinkwasser musste bis zum Bau der städtischen Wasserleitung 1908 ein Hausdiener – der damals einzige Mitarbeiter – zweimal täglich vom „Klafferbrunnen“ bei der Grillensteiner Brücke bringen.

In vierter Generation: Beruf blieb Berufung

Heute ist Gottfried Libowitzky der Chef eines 13-köpfigen Teams mit zwei angestellten Pharmazeutinnen und einigen pharmazeutisch-kaufmännischen Assistenten. Der Beruf ist für ihn genauso Berufung wie für seinen Urgroßvater, auch wenn er nun freie Tage sehr wohl kennt. „Ein Leben ohne Arbeit und den laufenden Kontakt zur Bevölkerung wäre für mich aktuell einfach nicht vorstellbar“, erklärt er, warum er 42 Jahre nach Verleihung der Apotheker-Konzession auch als 72-Jähriger noch nicht ans Aufhören denkt: „Ich werde aktiv bleiben, solange es mir eine Freude bereitet.“

Stete Entwicklung bis zur digitalen Vernetzung

Inhaltlich und baulich erinnert freilich nur noch wenig an die Anfangstage einer Apotheke in der Stadt Gmünd vor 150 Jahren. Die Bleibe oberhalb der heutigen Bäckerei Döller wurde 1877 aufgegeben, dafür direkt daneben an der heutigen Adresse Stadtplatz 37 das aktuelle Apothekerhaus komplett neu aufgebaut, im Laufe der Jahre um die Hälfte eines weiteren Nebengebäudes erweitert und schließlich für Wohnzwecke um einen Dachausbau aufgestockt.

Der Fortschritt hat auch fast alle Aspekte des Apothekerberufes gewandelt. „Der erste große Schritt war nach 1900 die fabriksmäßige Erzeugung von Arznei-Fertigprodukten, Apotheker wurden nach und nach zu Logistikern“, sagt Gottfried Libowitzky. Die Entwicklung gehe in Richtung Medikations- Management: „Menschen werden älter und benötigen mehr Medikamente, die es ihnen ermöglichen, länger zuhause leben zu können. Die digitale Vernetzung und Kooperation mit Ärzten wird stärker, auch zum Abtausch etwa von Nebenwirkungs-Profilen. Manche Medikamente werden so auch eingespart werden können.“

„Nicht überall kommt die Industrie mit.“

Der Wert der ureigensten Tätigkeit des Pharmazeuten bleibt bei allem Fortschritt. Augentropfen, Hautsalben, einige hundert Hustensäfte oder Kinder-Präparate werden immer noch selbst hergestellt und individuell auf den Kundenbedarf zugeschnitten. „Das ist eine unserer Stärken – nicht überall kommt die Industrie mit“, schmunzelt Libowitzky: „Die Anforderungen hinsichtlich Dokumentations-Pflichten oder Ausrüstung und Auflagen im Labor werden natürlich immer höher. Die ständige Fortbildung ist essenziell.“

In der Gesellschaft fest verankert

Die Apothekerfamilie prägt die Stadt seit 150 Jahren durch die zentrale Lage im Herzen von Gmünd, aber auch durch politisches und kulturelles Engagement. Barbara, Gattin des Gründers Josef Libowitzky, brachte die Liebe zur Musik in die Familie. Ihr Sohn Anton, der die Apotheke 1905 übernahm, führte die Stadt 1919/20 als Bürgermeister durch die schwere Zeit der Gebietsabtretungen infolge des Ersten Weltkrieges, die Gmünd zur Grenzstadt machten, wirkte als Obmann im Ortsschulrat und Sparkassen-Direktor. 1925 bis 1929 stand er dem „Waldviertler Sängergau“ vor, im Männergesangsverein Gmünd war er Ehrenvorstand.

Sein Sohn Gerhard, der die Apotheke ab 1945 in dritter Generation führte und neben dem Studium den Doktor der Musikwissenschaft erworben hatte, gründete 1940 das Gmünder Kammerorchester, wirkte als Leiter des Kirchenchors St. Stephan und MGV Gmünd sowie zwölf Jahre lang als Gemeinderat. „Die Pharmazie hält für den Körper Medizin bereit, die Musik für die Seele“ – diesen Leitspruch verewigte er 1970, zur 100-Jahr-Feier, in lateinischer Inschrift als Sgraffito am Torbogen zum „Apothekergassl“ (kleines Bild).

Zentraler Ort am umgestalteten Stadtplatz

Die 1992 erfolgte repräsentative Neugestaltung des Stadtplatzes, in deren Zuge unter anderem eine Fassaden-Färbelung vollzogen und die Fußgängerzone ums Alte Rathaus angelegt wurde, sei ein Herzensanliegen des Vaters gewesen, die er leider nicht mehr erlebt habe, bedauert Gottfried Libowitzky. Er selbst hat 1978 die Apotheke übernommen, aber auch schon in jungen Jahren die Leitung von MGV, Kammerchor und Kammerorchester Gmünd. Bis 2013 war er 23 Jahre lang im Gemeinderat, davon 18 als Vizebürgermeister. Zusätzlich engagierte er sich vier Jahrzehnte lang in der Apothekerkammer.

Ihn freut, dass sich heute zwei Angestellte – Andrea Fillek und sein Sohn Georg – als Gemeinderäte engagieren.

Tamiflu, Covid-19 – und was davon bleiben wird

habe es für jede Generation gegeben, blickt Libowitzky zurück, und erinnert sich etwa an Engpässe bei Kaliumiodid-Tabletten nach dem Reaktorunfall Tschernobyl 1986, die Gratis-Umrüstung von 700 Fieberthermometern 2007 oder den Tamiflu-Hype zur Vogelgrippe 2005. Letzterem verdankte er einen dichten Lagervorrat an ministeriell georderten Schutzmasken – deren Zeit ausgerechnet im Jahr 2020 kam. Die Covid-Pandemie sticht auch aus der 150-jährigen Chronik der Apotheke zum Auge Gottes hervor, sagt der Chef: „Vor allem die Tage um den ersten Lockdown waren ein Wahnsinn. Alle haben gebunkert.“ Zuletzt kam als Draufgabe das Chaos um die Grippe-Impfungen.

Im Gesundheits-Bereich habe CoV jedoch auch positive Bewegungen ausgelöst: Das Bewusstsein für die adäquate Ausstattung einer Haus- und einer Reise-Apotheke für eine bestimmte Urlaubsregion sei wesentlich gestiegen. Der Druck, volle Warteräume beim Arzt zu verhindern, habe zudem den Weg zum elektronischen Rezept geebnet. „Die Implementierung war eine Herausforderung mit vielen Kinderkrankheiten, brachte aber eine Riesen-Erleichterung für die Bevölkerung. Und darum geht’s.“